»Ein Akt krimineller Torheit«
Um den Suezkanal unter Kontrolle zu bekommen, griffen Israel, Großbritannien und Frankreich vor 70 Jahren Ägypten an
Am 29. Oktober 1956 gegen 17 Uhr Ortszeit besetzten israelische Fallschirmjäger in einem Überraschungsschlag die östlichen Zugänge des Mitla-Passes, der im Westen der Sinaihalbinsel liegt. Damit befanden sie sich tief im Rücken der ägyptischen Verteidigungslinie und waren nur noch 50 Kilometer vom Suezkanal entfernt.
Der Überfall war der Start einer politisch-militärischen Operation, die seit der Verstaatlichung des Kanals durch den ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956 zwischen Israel, Frankreich und Großbritannien abgesprochen und koordiniert worden war. Der gemeinsame Kriegsplan hatte bei einem Gipfeltreffen in Sèvres bei Paris, das vom 22. bis 24. Oktober 1956 stattfand, seinen letzten Schliff und seine Absegnung erhalten. Teilnehmer der Konferenz waren unter anderem Israels Premierminister David Ben-Gurion, der britische Außenminister Selwyn Lloyd, Frankreichs Außenminister Christian Pineau und Verteidigungsminister Maurice Bourgès-Maunoury sowie auch die Generalstabschefs der israelischen und der französischen Streitkräfte.
Für ein Geheimtreffen war offenbar sehr viel Prominenz zur Stelle. Ben-Gurion beabsichtigte, sich das gemeinsame Vorgehen durch ein schriftliches Dokument bestätigen zu lassen, um nicht als Aggressor allein im Regen zu stehen. Er bekam sein Papier in Gestalt des »Protokolls von Sèvres« und steckte sein Exemplar rasch in die Jackentasche, als Lloyd plötzlich kalte Füße bekam und die schriftliche Vereinbarung wieder einkassieren wollte.
Abgekartetes Spiel
Großbritannien und die von Ben-Gurion geleitete Jewish Agency als Vertreterin des »kommenden Staates« waren während der Mandatszeit zu Feinden geworden und hielten auch in den ersten Jahren nach der Proklamation Israels am 14. Mai 1948 kühlen Abstand. Die Verabredung zum gemeinsamen Feldzug war aus Sicht der britischen Konservativen nur ein zeitlich und sachlich eng begrenztes Zweckbündnis, für die 1956 oppositionelle Labour-Partei sogar ein Bruch der UN-Charta und in den Worten ihres damaligen Leaders Hugh Gaitskell »ein Akt krimineller Torheit«.
Ganz im Gegensatz dazu bestand zwischen Frankreich und Israel ein »kordiales« Verhältnis und eine enge Zusammenarbeit, von der Lieferung modernster französischer Waffensysteme bis hin zur Unterstützung der israelischen Atomwaffenentwicklung. Als wichtiges Motiv gilt die Interessenüberschneidung bei der Bekämpfung der von Nasser unterstützten algerischen Befreiungsbewegung. Die äußerst einseitige Sympathie für Israel und die Zustimmung zum Suezkrieg umfasste, mit Ausnahme der oppositionellen Kommunistischen Partei (PCF), die gesamte französische Gesellschaft. Der PCF war allerdings gerade bei einer Neuwahl im Januar 1956 mit 26 Prozent stärkste Partei geworden, weit vor den regierenden »Sozialisten«. In Großbritannien hingegen war die Bevölkerung zu annähernd gleichen Teilen gespalten. Im Unterhaus schrien sich wegen des Suezkrieges Abgeordnete nicht nur gegenseitig an, es kam teilweise sogar zu Raufereien.
Der in Sèvres besiegelte Plan sah vor, dass die Regierungen in Paris und London auf den Beginn der israelischen Militäroperation am folgenden Tag, also am 30. Oktober 1956, mit Ultimaten an »beide Seiten« reagieren würden. Die Ablehnung Ägyptens sollte als Grund für den Kriegseintritt der beiden alten Kolonialmächte dienen. Ihre zentrale Forderung war denkbar ungerecht: Die Kontrahenten sollten alle Kampfhandlungen beenden und ihre Truppen 16 Kilometer vom Suezkanal zurückziehen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Israelis aber 48 Kilometer vom Kanal entfernt, während die Ägypter noch am Ostufer standen. Ägypten sollte außerdem die »zeitweise Besetzung von Schlüsselpositionen« in den Städten Port Said, Ismailia und Suez durch anglo-französische Soldaten akzeptieren, »um die Freiheit des Transits durch den Kanal für Schiffe aller Nationen zu garantieren«. Falls die Regierung in Kairo nicht innerhalb von zwölf Stunden zustimmen sollte, wurden Erzwingungsaktionen französischer und britischer Streitkräfte »in jeder erforderlichen Stärke« angekündigt. Am 31. Oktober begannen die Luftwaffen beider Länder mit der Bombardierung ägyptischer Ziele, am 5. November landeten britische und französische Fallschirmjäger beim zuvor schwer zerstörten Port Said und besetzten Teile der Kanalzone.
Invasoren müssen einlenken
Am 6. November stellten die drei Verbündeten ihre Angriffe aufgrund starken Drucks aus Washington und Moskau jedoch ein. Die US-Regierung konnte sehr wirkungsvolle finanzielle und wirtschaftliche Hebel einsetzen, da der Krieg in Großbritannien eine Krise des Pfundes auslöste bzw. die bereits bestehende beschleunigte. Als London beim Weltwährungsfonds einen Notkredit von 560 Millionen US-Dollar beantragte, blockierten die USA mit einem Veto. Am Morgen des 6. November teilte Finanzminister Harold Macmillan dem Premierminister Anthony Eden mit, dass die britischen Devisenreserven erschöpft seien und ein Staatsbankrott drohe. Am Nachmittag ordnete London ohne Konsultation mit Frankreich den Waffenstillstand an.
Eine Rolle spielte dabei auch, dass der sowjetische Regierungschef Nikolai Bulganin am 5. November in Briefen an die Regierungen in Paris, London und Tel Aviv angekündigt hatte, Waffen an Ägypten zu liefern und »Freiwillige« zu schicken, falls sie nicht sofort ihre Aggression einstellen würden. Einige Formulierungen waren zwar vage, konnten aber so interpretiert werden, als drohe die Sowjetunion mit dem Einsatz von raketengestützten Atomwaffen. Parteichef Nikita Chruschtschow bezeichnete das später in seinen Memoiren als Bluff.
Die schwersten Menschenverluste und Schäden des Suezkrieges erlitt naturgemäß Ägypten. Schätzungen liegen bei zwischen 1.600 und 3.000 getöteten und ungefähr 5.000 verletzten Soldaten. Israel verzeichnete nach nicht ganz einheitlichen Quellen bis zu 231 Gefallene und zwischen 817 und 899 Verletzte. Die Folgen der anglo-französischen Luftangriffe für die Bevölkerung und die zivile Infrastruktur waren erheblich. Allein bei den Bombardierungen der Stadt Port Said wurden bis zu 1.000 Bewohner getötet. Zehntausende Ägypter wurden durch die Zerstörung ihrer Wohnräume obdachlos.
Am 21. November 1956 trafen die ersten »Blauhelmsoldaten« der Vereinten Nationen, einer neu aufgestellten Truppe, in Ägypten ein. Es dauerte noch bis zum 22. Dezember 1956, bis alle französischen und britischen Truppen abgezogen waren. Die Israelis ließen sich noch länger, bis zum 7. März 1957, Zeit. Am 9. Januar 1957 war Eden zurückgetreten, Macmillan wurde sein Nachfolger als Premierminister. Die von ihm geführten Konservativen gewannen die nächste Unterhauswahl im Oktober 1959 und bauten ihre Mehrheit von 60 auf 100 Sitze aus.
Koloniale Erpressung
Der Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen Israel und Ägypten steht mit einer Situation in Zusammenhang, die durch den einseitigen Umgang der ägyptischen Regierung mit dem Suezkanal geschaffen wurde und die Freiheit der Schiffahrt durch den Kanal gefährdet, von der das wirtschaftliche Leben so vieler Nationen abhängt.
Die Feindseligkeiten, die gegenwärtig auf der Sinaihalbinsel im Gange sind, drohen, die freie Durchfahrt von Schiffen durch den Kanal zu unterbrechen. Die Regierung des Vereinigten Königreichs und Frankreichs sind entschlossen, alles in ihrer Macht liegende zu tun, um eine baldige Einstellung der Feindseligkeiten herbeizuführen und die freie Durchfahrt durch den Kanal zu schützen.
Daher rufen sie die Regierung Ägyptens auf, alle Kriegshandlungen zu Land, Wasser und in der Luft unverzüglich einzustellen; alle ägyptischen Streitkräfte zehn Meilen (eine britische Landmeile entspricht 1,6 Kilometern, jW) weit vom Kanal zurückzuziehen; und die zeitweise Besetzung von Schlüsselpositionen in Port Said, Ismailia und Suez durch anglo-französische Steitkräfte zu akzeptieren, um die Freiheit des Transits durch den Kanal für Schiffe aller Nationen zu gewährleisten, bis eine endgültige Lösung erreicht werden kann.
Wir müssen eine Antwort innerhalb von zwölf Stunden erhalten. Wenn die ägyptische Regierung nach Ablauf dieser Zeit diesen Anforderungen nicht nachgekommen ist, werden Streitkräfte des Vereinigten Königreichs und Frankreichs in jeder erforderlichen Stärke eingreifen, um deren Befolgung zu sichern.
→ Aus: Ultimatum Großbritanniens und Frankreichs (Übersetzung aus dem Englischen: Knut Mellenthin)
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