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Aus: Ausgabe vom 22.02.2024, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Die Härte der Kämpfe

Berlinale. Die Dokumentation »No Other Land« über palästinensischen Widerstand gegen israelische Siedlungspolitik im Westjordanland
Von Kai Köhler
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Bagger, Stein, Kamera und Basel Adra

Während sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Krieg in Gaza konzen­triert, gehen die weniger spektakulären Kämpfe im Westjordanland weiter. Seit Jahrzehnten verbreiten sich jüdische Siedlungen in dem Gebiet, was auch gegen israelisches Recht verstößt. Erst wird dieses Vorgehen nur geduldet und dann legalisiert. Von der Armee gedeckt üben Siedler alltäglichen Terror gegen die palästinensischen Einwohner aus. Die israelischen Regierungen, in welcher Koalition auch immer, tun alles, um verständigungsbereite Palästinenser vor den Kopf zu stoßen und die radikalen zu stärken.

Ein besonderer Fall ist Masafer ­Yatta ganz im Süden des Westjordanlands. Es handelt sich um eine Ansammlung von neunzehn kleinen Siedlungen, die es schon vor 1967 gab. Die israelische Armee hat allerdings das Territorium zu einem Truppenübungsplatz erklärt und behauptet, dass es sich bei den Häusern um illegale Neubauten handele. Die israelische Justiz folgte, bis zum Obersten Gericht, der Lüge des Militärs.

Der Dokumentarfilm »No Other Land« zeigt die Bemühungen der Bewohner, ihr Land zu verteidigen. Zwei der vier Männer, die den Film gemacht haben, stehen zugleich in seinem Mittelpunkt. Die Sache bringt sie zusammen: Basel Adra lebt in Masafer Yatta und führt den Widerstand fort, den schon sein Vater geleistet hat, der mehrfach inhaftiert war. Yuval Abraham ist ein israelischer Journalist, der den Kampf der Palästinenser unterstützt. Doch verläuft die Zusammenarbeit nicht ohne Probleme. Einige der Dorfbewohner, die Juden nur als Feinde kennengelernt haben, tun sich schwer damit, einen Israeli in ihrer Mitte zu akzeptieren. Und manche, die ihn akzeptiert haben, schwanken nach neuen Übergriffen der Besatzer.

Und inwieweit ist er in ihrer Mitte? Als israelischer Staatsbürger bleibt Yuval privilegiert. Er kann nicht so einfach in einem Gefängnis verschwinden, er kann nach Arbeitsende in sein Zuhause zurückfahren und von dort aus – wenn ihm danach ist – die Welt bereisen. Basel hingegen bleibt Gefangener. Im israelischen Apartheid­system endet Basels Welt an den Checkpoints der Armee. Ob er ein Draußen erleben wird, weiß er nicht. Dabei hat Basel zumindest anfangs den längeren Atem. Yuval ist neu bei der Sache und reagiert entmutigt, wenn seine Artikel nur wenige Klicks haben – Basel musste bereits lernen, in Jahrzehnten zu denken.

Wenn die beiden ihr wechselvolles Verhältnis in ihren Film hineingenommen haben, die ernsten Gespräche wie die Neckereien, ist das kein Neben­aspekt, sondern gehört zur Hauptsache. Die Verständigung zwischen Juden und Palästinensern ist notwendig und möglich, aber die zwischen Palästinensern und der israelischen Regierung auf absehbare Zeit nicht. Das macht diesen Film gerade für Deutschland wichtig, wo Staat und offiziöse Medien eine Gleichsetzung zwischen Antisemitismus und einer Kritik an der israelischen Politik zu verankern suchen.

Viel mehr aber als Gespräche vereint eine gemeinsame Praxis, gerade in Notsituationen. Immer wieder dringen israelische Kräfte in die Dörfer ein. Mal werden Abrissbefehle an Häuser geheftet, dann kommen von der Armee begleitete Bulldozer und zerstören die Gebäude. Notdürftig reparieren die Bewohner ihre Heimstätten oder campieren in Höhlen. Bald begnügen sich die Besatzer nicht mehr damit, Wohnungen zu zerstören. Sie demolieren die von den Einheimischen erbaute Schule, kappen Wasserrohre, schütten die in der wüstenartigen Region überlebensnotwendigen Brunnen mit Beton zu. Derweil breiten sich in der Nachbarschaft radikale Siedler aus, die sich schon bald stark genug fühlen, um bandenmäßige Übergriffe auf palästinensische Ortschaften zu unternehmen. Die Besatzungsmacht lässt den Mob gewähren.

Ein Großteil des Films besteht aus Aufnahmen solcher Übergriffe. Dass zuweilen, wo die Arbeit mit der Videokamera nicht mehr möglich ist, die Handykamera herhalten muss und auch das Handy noch zu Boden geschmettert wird, veranschaulicht die Härte der Kämpfe. Noch sind sie von mittlerer Intensität. »No Other Land« belegt jedenfalls, was unter repressiven deutschen Verhältnissen auszusprechen als antisemitisch gilt: dass Israel in der Westbank einen Siedlerkolonialismus betreibt. Die mobilisierende Wirkung des Films erwies sich während der Premiere am letzten Sonnabend, auf der »Free Palestine«-Rufe erklangen.

»No Other Land«, Regie: Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor, Palästina/Norwegen 2024, 95 Min., »Panorama Dokumente«, 22. Februar

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (21. Februar 2024 um 23:15 Uhr)
    Der Dokumentarfilm »Yallah Gaza« von Roland Nurie zeigt die kritische Lage der Bevölkerung mittels zahlreichen Berichten von PalästinenserInnen aus Gaza und mit den Analysen von lokalen Politikern, Historikern, Journalisten, Israelis und Juristen vor Ort auf. Manchmal etwas kitschig, aber ein guter Einblick. Vor dem Gazakrieg gedreht und daher auch Zeitzeuge wie es in Gaza vor der Zerstörung des Landes durch Israel ausgesehen hat. Ein weiterer sehenswerter Dokumentarfilm ist »Bye Bye Tibériade« von Lina Soualem, Tochter der paläst. Schauspielerin Hiam Abbass, die vor über 30 Jahren Palästina verlassen hat, um ihren »Traum« zu verwirklichen. Dreißig Jahre später kehrt Lina, eine Filmemacherin, mit ihr auf die Spuren der verschwundenen Orte und der verstreuten Erinnerungen von vier Generationen palästinensischer Frauen zurück. Die historischen Filmausschnitte aus Archiven zeigt das Leben in ihrem Dorf um 1940 und 1948 die Vertreibung (Nabka) der PalästinenserInnen, erst durch das britische Militär und danach durch israelische Truppen.

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