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Gesundheitspolitik

Rette sich, wer kann

Notfallaufnahmen: Verbände sehen Kliniken chronisch überlastet. Gesetzentwurf zur Reform liegt im Ausschuss. Opposition fordert kostendeckende Finanzierung

Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Lebensretter in gefährlichen Situationen: »Christoph« hebt ab, eilt herbei und hilft sofort (Hannover, 15.5.2024)

Nach Regen und Windböen liegt ein schmieriger Film auf Straßen und Wegen. Laub und Nässe machen Bürgersteige und Asphaltpisten zu schwierigem Geläuf. Ein unachtsamer Schritt, der Körper verliert den Halt. Quietschende Reifen, ein Aufprall. Ein kurzer Aufschrei, dann Stille. »Christoph«, der Rettungshubschrauber, eilt zur Hilfe – und fliegt den Schwerverletzten in die Notaufnahme der örtlichen Klinik.

Dort sitzen bereits zwei Dutzend Menschen – wenngleich weniger akute Fälle. Einige seit drei, vier Stunden. Alltag in deutschen Krankenhäusern. Overcrowding nennen das Notfallmediziner – und meinen damit: Personalmangel, Kostendruck, Überlastung in den Ambulanzen der Krankenhäuser.

Vielerorts eine chronische Situation. Fast die Hälfte der Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern ist überlastet, überbelegt. Ganz gleich, ob im Wartebereich, im Eingriffsraum, im Schockraum. Teils so stark, dass die Versorgungssicherheit gefährdet sein könnte, heißt es in der am Dienstag vorgestellten Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA). Schlimmer noch: Die angespannte Lage habe sich in den vergangenen zwölf Monaten weiter verschärft, berichteten ZDF und Spiegel gleichentags.

Der DGINA zufolge waren am Stichtag 2. Juni 45 Prozent der Notaufnahmen in allen Bundesländern durch den Patientenansturm überfordert. Ein Messwert, der sich aus der sechsstufigen »Überlastungsampel« ergibt. Demnach meldete jede dritte Notaufnahme laut Bericht Level vier, weitere acht Prozent sogar Level fünf – schwere Überfüllung. 5,5 Prozent erreichten die höchste Alarmstufe: kritische Überlastung. Befunde, die DGINA-Präsident Martin Pin alarmieren. Aus internationalen Studien wisse man, dass in solchen Situationen die Patientensicherheit real gefährdet sei.

Die Ambulanzen der Kliniken versorgen der Erhebung zufolge bis zu 25 Millionen Notfallpatienten pro Jahr. Mehr als 60 Prozent der Häuser nannten als Hauptgrund für die Überlastung, dass Patienten wegen fehlender Betten nicht von der Notaufnahme auf die Stationen verlegt werden konnten. Hinzu kommt die Personalkrise: Fast zwei Drittel der Krankenhäuser berichten von unbesetzten Stellen in den Rettungsstellen im ärztlichen Dienst oder in der Pflege.

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Gerald Gaß bestätigt das Lagebild auf jW-Nachfrage. Oft würden Notaufnahmen »als Ersatz für wegbrechende niedergelassene Versorgung genutzt«, so der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Zudem kämen heute zunehmend Bagatellfälle. Menschen mit leichten Erkältungen und kleinsten Verletzungen. »Das ist leider keine Seltenheit.«

Eine Folge »der unzureichenden Steuerung der ambulanten, stationären und rettungsdienstlichen Notfallversorgung«, befand eine Sprecherin des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands gegenüber jW. Um stationäre Einrichtungen zu entlasten, brauche es eine verlässliche ambulante 24/7-Akutversorgung. Universitätskliniken könnten die Lücken in der Praxislandschaft der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) nicht dauerhaft auffangen. Das sieht der Bundesverband Deutscher Privatkliniken ähnlich. Zumal Krankenhäuser aufwendiger und kostenintensiver arbeiten. Der Finanzierungsmix aus Vergütungen, Verrechnungen und Vorhaltekosten reiche nicht, um aus der Defizitfalle zu kommen, sagen Verbändevertreter unisono.

Das »schwarz-rote« Bundeskabinett hat Abhilfe versprochen – mit dem Notfallreformgesetz. Der Entwurf liegt aktuell im Gesundheitsausschuss. Kernstück sind die Integrierten Notfallzentren (INZ): Ersteinschätzung, KV-Notdienst und Kliniknotaufnahme künftig hinter einer Tür. Eine Triage, eine Entscheidung: ambulant, notdienstlich oder klinisch. Patienten werden sofort auf den passenden Versorgungsweg geschickt. Ein Problem unter vielen: Kliniken, KVen und Länder streiten darüber, wer die neuen Zentren überhaupt betreiben und bezahlen soll.

Wie reagiert die Opposition? Die Ursachen seien klar, betonte Janosch Dahmen (Grüne) auf jW-Anfrage. »Es fehlt Personal. Es fehlen Anschlussbetten auf den Stationen. Und es fehlt eine verlässliche Finanzierung der Notaufnahmen selbst.« Der gesundheitspolitische Sprecher seiner Bundestagsfraktion mahnt: Die Reform dürfe jetzt nicht weiter verschleppt werden.

Die Sprecherin für Krankenhaus und Notfallversorgung der Linksfraktion, Stella Merendino, wird grundsätzlicher: Solange Klinikkonzerne mit lukra­tiven stationären Eingriffen Gewinne machten, während die Grundversorgung unterfinanziert sei, »bleibt die Lage in Notaufnahmen katastrophal.« Deshalb müssten Personal- und Sachkosten komplett refinanziert werden. »Schlicht und einfach«, fordert Merendino.

Davon wollen die Koalitionäre nichts wissen. Kurz: Von dieser Regierung kommt keine Rettung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.09.2026, Seite 1, Titel

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