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Gesundheitspolitik

Land ohne Arzt

Enorme Versorgungslücken: Brandenburg reagiert auf Hausarztmangel mit Quote, Uni, Gesetz und Übergangspraxen

Foto: NBL Bildarchiv/imago
In die Jahre gekommen: Von den knapp 1.700 Hausärzten in Brandenburg ist rund ein Drittel älter als 60

Es ist eine typische Szene: Im Bushäuschen von Tauer, einem 600‑Einwohner‑Dorf zwischen Kiefernwald und stillgelegten Bahntrassen, sitzt eine ältere Frau mit einer Thermoskanne Tee. Der Bus nach Cottbus kommt nur dreimal am Tag, der nach Peitz noch seltener. Der letzte Hausarzt im Umkreis hat vor einem halben Jahr aufgegeben, die Praxis in Jänschwalde ist überfüllt, und wer in Cottbus einen Termin ergattern will, muss sich durch Warteschleifen kämpfen. In Tauer ist Krankheit längst ein logistisches Problem – und manchmal ein Risiko.

Vor diesem Hintergrund führt die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) ab 2027 eine Landarztquote ein. Vier Studierende pro Jahrgang sollen einen Studienplatz erhalten, wenn sie sich verpflichten, nach dem Abschluss zehn Jahre lang als Hausarzt in einem unterversorgten Gebiet Brandenburgs zu arbeiten. Später sollen zehn Prozent der Studierenden über diese Quote ins Studium kommen – ein Versuch gegen medizinische Engpässe auf dem Land.

Der Landtag in Potsdam beschloss am Donnerstag das »Gesetz zur Verbesserung der hausärztlichen Versorgung im Land Brandenburg«. Es soll Kommunen den Aufbau eigener Medizinischer Versorgungszentren erleichtern; bürokratische Hürden bei Bürgschaften werden gestrichen, damit Gemeinden überhaupt handlungsfähig werden.

Medizinstudierende sollen nicht erst zum Studienende helfen, sondern schon früher. Darauf pochte am Donnerstag MUL‑CT‑Vorstandschef Eckhard Nagel. Wer heute beginnt, werde als Fachärztin oder Facharzt zwar erst in gut zwölf Jahren fertig sein, sagte er. »Aber nach sechs Jahren stehen sie bereits in der Notaufnahme, in der Allgemeinchirurgie, in der Inneren Medizin – und sie arbeiten auch in niedergelassenen Praxen.« Der Nachwuchs soll also nicht nur ausgebildet werden, sondern die Versorgung schon während der Ausbildung stützen, indem er dort einspringt, wo die Lücken am größten sind.

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Gleichzeitig bringt eine Professorin für Allgemeinmedizin Lehre mit – und ein Team von sechs Personen zur unmittelbaren Personalstärkung. Jede neue Professur wird damit zu einer Art Miniversorgungszentrum, das Forschung, Ausbildung und praktische Arbeit bündelt. Das ist auch bitter nötig.

Denn der Hausarztmangel spitzt sich seit langem zu: Von den knapp 1.700 Hausärztinnen und Hausärzten in Brandenburg ist rund ein Drittel älter als 60. Ein System, das sprichwörtlich in die Jahre gekommen ist. Zugleich bleiben mehr als 300 Versorgungsaufträge unbesetzt, wie die Kassenärztliche Vereinigung Berlin-Brandenburg (KVBB) am Donnerstag gegenüber dpa mitteilte. Ganze Regionen hängen inzwischen an Vertretungen, Notdiensten und improvisierten Sprechstunden.

In Cottbus, dem Sitz der neuen Medizinuniversität, organisiert die KVBB deshalb ein ungewöhnliches Projekt: Sie errichtet eine eigene Hausarztpraxis, befristet bis Ende 2028, weil die freien Hausarztsitze nicht besetzt werden können und rund 10.000 Menschen keinen Hausarzt haben. Eine Übergangslösung, die eigentlich keine sein dürfte. Die Einrichtung soll vor allem jene auffangen, die mit akuten Beschwerden vor verschlossenen Türen stehen.

Vor der Gesetzesverabschiedung hatten Landtagsfraktionen in einer aktuellen Stunde über den Unistart beraten. Gesundheitsminister René Wilke (SPD) zeigte sich erwartbar zuversichtlich, die Lage zu verbessern: »Es ist lösbar, und wir werden es lösen.« Er wolle Menschen finden, die Freude daran hätten, Hausarzt werden zu wollen. Dafür müssten aber »überflüssige Dokumentationspflichten« wegfallen – und KI‑Modelle in der Praxis Einzug halten. Ähnlich argumentierte Wilkes Koalitionskollege Michael Schierack, selbst Orthopäde in Cottbus. Mit der Landarztquote solle die Misere fehlender ärztlicher Fachkräfte in ländlichen Regionen beendet werden, so der CDU‑Gesundheitspolitiker. Langfristig jedenfalls.

Kritischer reagierte die Opposition – etwa die BSW‑Landtagsfraktion. Im Nachgang zur Parlamentsdebatte betonte deren gesundheitspolitischer Sprecher, Andreas Kutsche, den begrenzten Effekt des Instruments. Die Quote sei richtig, aber sie greife viel zu spät. Wer heute über diesen Weg ins Studium komme, stehe als Fachärztin oder Facharzt erst um das Jahr 2040 in einer Praxis. Doch der Mangel dränge jetzt: Brandenburgs Versorgungslücken rissen bereits heute auf.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.09.2026, Seite 5, Inland

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→ Leserbriefe
  • Uwe Müller aus Guben 21. Sept. 2026 um 09:57 Uhr
    Die ärztliche Versorgung in Brandenburg, insbesondere in ländlichen Regionen, ist sehr schlecht. Diesen Tenor des Artikels unterschreibe ich auch. Gerade hier in Guben schlossen im letzten Jahr einige Praxen, weil sich keine Nachfolger fanden. Der erste Absatz des Artikels soll vermutlich die etwas triste Stimmung verdeutlichen. Hierbei schoss der Autor etwas über das Ziel hinaus, weil falsche Informationen enthalten sind. Erstens: Die Gemeinde Tauer ist nicht vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt, die Buslinie 877 Guben–Cottbus fährt in der Woche stündlich. Gut, am Wochenende fahren nur drei Busse, wobei das Wochenende eher dem Arztbesuch dient. Zweitens: Tauer liegt nicht zwischen stillgelegten Eisenbahnstrecken. Unweit von Tauer befindet sich der Haltepunkt Jänschwalde an der Strecke Cottbus–Frankfurt (Oder).
  • Onlineabonnent*in Jürg H. aus M. 19. Sept. 2026 um 23:43 Uhr
    Wer in Templin oder Umgebung lebt, erlebt vor allem den Mangel bei Fachärzten. Es gibt 1 Urologen, keinen Kardiologen, 1 Onkologin in Templin zur Versorgung der Bürger in der Kleinstadt sowie der umliegenden Dörfer und Gemeinden. Neue Patienten nehmen in der Regel die urologische und onkologische Praxis nicht an. Bemerkbar machen sich solche krassen Mängel bei der niedrigeren Lebenserwartung im Vergleich zu Berlin.
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