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Jagd auf Filmemacher
Israel: Regierung, Opposition und Militär hetzen gegen prämierte Regisseure, deren neue Doku auf das Töten von Zivilisten in Gaza aufmerksam macht
Sie werden als »Verräter« gebrandmarkt: Der Chef der israelischen Armee, General Ejal Zamir, hat am Montag den obersten Juristen des Militärs angewiesen, mit allen rechtlichen Mitteln gegen die beiden Regisseure des Dokumentarfilms »Naza«, Rachel Szor und Yuval Abraham, vorzugehen. Der Film hatte am Donnerstag bei der Biennale in Venedig Premiere und wurde mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Das Publikum zeigte mit 25 Minuten langen Standing Ovations seine Solidarität mit den zivilen Opfern der israelischen Kriegführung im palästinensischen Gazastreifen und seinen Respekt vor der Leistung und dem Mut der Filmemacher. Sie waren schon 2024 mit dem Dokumentarfilm »No Other Land« hervorgetreten. In »Naza« berichten 24 Soldaten der militärischen Aufklärung anonym über das Management des Tötens von Zivilisten.
Um die juristische Verfolgung von Abraham und Szor zu koordinieren, wurde auf Anweisung Zamirs ein »organisationsübergreifendes, multidisziplinäres« Team gebildet, das dem Planungsdirektorat des Militärs untersteht. Die eingesetzten Mittel werden voraussichtlich strafrechtliche Ermittlungen und Gerichtsverfahren einschließen, ebenso wie Zivilklagen einzelner Soldaten, die sich als Angehörige des Militärs durch die Vorwürfe »beleidigt fühlen« – inklusive möglicher Entschädigungsforderungen. Zusammen mit einer öffentlichen Hasskampagne gegen die beiden Regisseure, an der sich die meisten Oppositionspolitiker ebenso beteiligen wie die Regierung, zielt alles auf die Vernichtung der »bürgerlichen Existenz« von Abraham und Szor ab.
Mit dem Vorwurf, ihr Film sei »ein gefährlicher Versuch, uns der Legitimität der Selbstverteidigung gegen unsere schlimmsten Feinde zu berauben«, und stelle damit »eine echte Gefahr für Soldaten und Kommandeure der Israelischen Streitkräfte« dar, hat Zamir einen bewusst extremen Ton und Stil der Kampagne vorgegeben. »Mit einem solchen Versuch konfrontiert, müssen wir entschlossen handeln und alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente einsetzen: rechtliche Mittel, Befehlsgewalt und öffentliche Diplomatie«, so der Armeechef.
Das ist eine übliche Umschreibung für Auslandspropaganda, von der Massenebene bis zur direkten persönlichen »Bearbeitung« von Politikern, Medienleuten und anderen wichtigen Multiplikatoren. Israelische Medien berichteten am Montag und Dienstag, dass in allen relevanten Abteilungen der Regierung, einschließlich des Außenministeriums, »intensive Sitzungen« stattgefunden hätten, »um eine Antwort auf den Film zu formulieren«. Tel Avivs diplomatische Vertreter im Ausland seien mit »Talking Points«, also detaillierten Anleitungen zur Gesprächsführung, ausgestattet worden, meldete der Privatsender Channel 12.
Schon am Sonntag hatte der Minister für Kultur und Sport, Miki Zohar, angekündigt, dass er sofort darauf hinarbeiten werde, Abraham und Szor ihre israelische Staatsbürgerschaft entziehen zu lassen. Selbst entscheiden kann er das nicht, aber rechtlich ist es ohne weiteres möglich, auch wenn es selten vorkommt. Unabhängig davon wird viel geschehen, um den beiden das Leben im eigenen Land unerträglich zu machen, bis hin zu jetzt schon kursierenden Gewaltandrohungen.
Der schärfste Vorwurf und das gefährlichste Mittel ist in diesem Zusammenhang die gegenwärtig in Israel weitverbreitete Brandmarkung des Films mit einem Begriff, der im Englischen mit »blood libel« (Ritualmordlüge) wiedergegeben wird. Gemeint ist die Anschuldigung, Juden würden christliche Kinder abschlachten, um ihr Blut für monströse kultische Zeremonien zu verwenden. Derartige antisemitische Beschuldigungen waren in früheren Jahrhunderten oft der Auslöser für Pogrome, bei denen Juden getötet und ihre Häuser geplündert und niedergebrannt wurden. Juden, die – nicht nur in solchen Zusammenhängen – als Ankläger und Denunzianten gegenüber der Mehrheitsbevölkerung und den Behörden auftraten, wurden als Verräter, hebräisch »Moser«, geächtet. Das konnte im Extremfall ein von jedem vollstreckbares Todesurteil darstellen. Zumindest hatte es die totale soziale Isolierung zur Folge.
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