Zum Inhalt der Seite
7. Oktober

Netanjahu wusste wohl Bescheid

Neue Recherche zum 7. Oktober: Israels Premier hatte Informationen über einen bevorstehenden Hamas-Angriff ignoriert. Auch Armee und Geheimdienste waren im Bilde

Foto: Nir Elias/Reuters
Protest in Tel Aviv: Statt Verantwortung zu übernehmen, setzt Netanjahu seit dem 7. Oktober auf Krieg (7.2.2026)

Schlomi Eldar, einer der am besten informierten israelischen Journalisten, hat am Dienstag die Debatte im Land um den 7. Oktober neu entfacht. In Haaretz veröffentlichte Eldar eine Recherche, laut der Premier Benjamin Netanjahu schon Ende September 2023 Informationen über die militärischen Pläne von Jahja Sinwar, damals Hamas-Ministerpräsident in Gaza, erhalten hatte. Die Auskunft sei vom Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed, gekommen. Dieser hatte in einem 45 Minuten langen Gespräch mit Israels Premier vor einem heftigen Angriff aus Gaza gewarnt, so Eldar. Er hatte demnach zwei Empfehlungen: Israel sollte sich erstens auf den Angriff vorbereiten. Und zweitens empfahl er, eine ökonomische Lösung für die Lage in Gaza zu finden und die Situation in der Westbank und vor allem in Ostjerusalem auf dem Haram Al-Scharif zu beruhigen. Dort hatten die ultrarechten israelischen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir mit ihren ständigen Angriffen gegen Palästinenser eine explosive Situation geschaffen.

Völlig neu sind die detaillierten Analysen, die Eldar über direkte Verhandlungen zwischen der Hamas und Israel ausbreitet. Es habe zwei Runden gegeben: 2017/2018 und 2023 mit der gerade neu gewählten Netanjahu-Regierung. Beide Male habe Sinwar versucht, eine Milderung der ökonomischen Blockade, die Israel 2006 über den Gazastreifen verhängt hatte, auszuhandeln.

2018 hätten hochrangige israelische Beamte – darunter Netanjahu – die Vorschläge von Sinwar diskutiert: ein Gefangenenaustausch im Gegenzug zu einem Waffenstillstand und dem Herunterfahren der Blockade Gazas. Armee und Geheimdienste meinten, dass ein Abkommen möglich sei, so Eldar. Netanjahu stimmte demnach zu, traf aber keine Entscheidung. Er habe offenbar keine Schritte hin zu einer langfristigen Lösung mit den Palästinensern unternehmen wollen.

Anfang 2023 wurden laut dem israelischen Journalisten erneut direkte Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas aufgenommen. Die Initiative sei von Sinwar ausgegangen. Sein Ziel sei es gewesen, genau wie bei den vorigen Verhandlungen, die Blockade schrittweise aufzuheben. Bis Sommer 2023 seien wohl alle ökonomischen Fragen gelöst gewesen. Offen sei das Problem des Gefangenenaustauschs geblieben. Sinwar habe die Freilassung von 500 Hamas-Gefangenen gefordert. Aber seine Kompromissbereitschaft sei hoch gewesen – letztlich sei der Austausch von 30 Hamas-Gefangenen gegen vier gefangene Israelis ausgehandelt worden. Netanjahu sei einverstanden gewesen und habe die notwendige Zustimmung des Komitees für Geiseln und Vermisste eingeholt. Doch der Premier habe die Einberufung des Komitees hinausgeschoben. Auch die Armee und Geheimdienste hatten Kenntnis von den Details der Verhandlungen, so Eldar.

Anzeige

Da keine Antwort von Netanjahu und den israelischen Verhandlungspartnern gekommen sei, habe Sinwar Anfang September die Kontakte abgebrochen. Ein Fatah-Vermittler habe aber eine Botschaft an Tel Aviv weitergeben sollen: »Ohne Verhandlungsfortschritte wird ein Erdbeben über euch hereinbrechen.« Diese Warnung habe den Schin Bet unter Ronen Bar am 15. September 2023 erreicht. Zwei Tage später habe ein hochrangiges Sicherheitstreffen stattgefunden. Der Inlandsgeheimdienst empfahl laut Eldar die übliche israelische Reaktion: Gewalt und Ermordung führender Hamas-Mitglieder, an erster Stelle Sinwar. Aber trotz der vorliegenden Informationen sei keine Entscheidung getroffen worden.

Ende September sei schließlich das direkte Telefongespräch zwischen bin Zayed und Netanjahu gefolgt. Israels Premier habe gemeint, er habe die Lage unter Kontrolle, und nur in der Westbank gehe Gefahr von der Hamas aus, so Eldar. Am 7. Oktober 2023 griffen dann die palästinensischen Organisationen unter Führung der Hamas Israel an, durchbrachen die Mauer und Sicherheitszäune um Gaza, schalteten das israelische Militär aus, griffen die Kibbuzim an, töteten Hunderte von Militärs und Zivilisten und nahmen weitere Hunderte Geiseln gefangen.

Der nächste brisante Aspekt von Eldars Recherche: Sinwar sei schon am Abend des 7. Oktober zu einer Freilassung der zivilen Geiseln bereit gewesen, ohne jegliche Vorbedingungen. Ab dem Folgetag forderte die Hamas – nach Freilassung aller Zivilisten – einen Waffenstillstand sowie die Aufnahme von Verhandlungen über ein Ende der Blockade Gazas.

Mossad-Chef David Barnea habe darauf geantwortet, Israel sei nicht zu Verhandlungen mit der Hamas bereit, so Eldar. Als sich der ehemalige Fatah-Sicherheitschef im Gazastreifen, Mohammed Dahlan, eingeschaltet habe, habe er eine Absage erhalten: Israels Führung habe Krieg, die Eliminierung der Hamas und die Befreiung der Geiseln mit Gewalt gewollt. Die Einschätzung des damaligen CIA-Direktors William Burns, den Eldar zitiert, ist erhellend: »Hamas wollte den Konflikt endgültig beenden. Netanjahu war maximal zu einer ersten Phase bereit, um dann die Hamas zerstören zu können.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 10.09.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!