Vaterlandslose Gesellen
Ein Schimpfwort, dessen Verwendung im Diskursraum der großen Politik aufgrund der deutschen Geschichte zeitweise als unanständig, geradezu skandalös galt und vermieden wurde, kommt wieder in Mode: vaterlandslose Gesellen. Christoph de Vries, CDU-Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, setzte es am 3. September bei einem Pressegespräch seiner Partei in Hamburg ein. In erster Linie griff er Sahra Wagenknecht an, die es nicht widerspruchslos hinnimmt, dass der »Drohnenvorfall« auf dem Leipziger Flughafen am 4. August ohne Beweise Russland angelastet und als Anlass zur Demontage der zwischenstaatlichen Beziehungen genutzt wird. Ohne eindeutige Adressaten sagte de Vries dann: »Meine feste Überzeugung ist: Sie werden nicht auf der Seite Deutschlands stehen, ihres Vaterlands. Das sind keine Patrioten, das sind vaterlandslose Gesellen« (vgl. junge Welt vom 4.9.2026).
Er war nicht der erste, der das »Tabu« brach. Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse hatte das Schimpfwort schon im Mai 2010 in einem Gespräch mit der Welt am Sonntag den deutschen Kapitalisten an den Kopf geworfen, die im Ausland investieren. Im Dezember 2025 benutzte es Franziska Brantner, Kovorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, auf einer Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei, um die AfD anzugreifen. Vom Internetportal »Abgeordnetenwatch« wurde sie daraufhin gefragt: »Ist Ihnen bewusst, dass ›vaterlandslose Gesellen‹ ein im Kaiserreich und in der Weimarer Republik genutzter Kampfbegriff war (…)?« Brantners geradezu empörte Antwort zeigte, dass sie es für völlig legitim hält, eindeutig belastete Begriffe aus der deutschen Geschichte aus ihrem Kontext zu reißen und zu missbrauchen.
Die Bezeichnung »vaterlandslose Gesellen« ist eindeutig auf Kaiser Wilhelm II. zurückzuführen. So nannte er 1897 die Parteien, die seine Pläne zur enormen Vergrößerung und Verstärkung der Kriegsflotte blockierten. Diese Gruppe bestand hauptsächlich aus 96 Abgeordneten des katholischen Zentrums, 44 Abgeordneten der SPD und 24 Abgeordneten der liberalen Freisinnigen Volkspartei. Die Schwierigkeiten führten dazu, dass der Kaiser Alfred Tirpitz zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes und damit zum obersten Verantwortlichen für seine ambitionierten Flottenpläne ernannte. Zu dieser Zeit trug Tirpitz noch nicht den Adelstitel, der ihm erst 1900 verliehen werden sollte, und hatte auch nicht den späteren Rang eines Admirals.
Tirpitz gelang es in wenigen Monaten, die Zentrumspartei durch Zugeständnisse aus dem gegnerischen Lager »herauszubrechen«. Der Reichstag musste künftig den Etat für den Schiffsbau jährlich neu bewilligen, während der Kaiser zunächst eine langfristige Festschreibung der Ausgaben angestrebt hatte. Das Zentrum erhielt von Tirpitz außerdem die Zusicherung, dass das Flottenprogramm nicht durch Verbrauchersteuern finanziert werden sollte. Nicht zuletzt gab es Maßnahmen, die der katholischen Kirche Rechte und Privilegien zurückgaben, die ihr im »Kulturkampf« mit der Monarchie (1871–1878) genommen worden waren.
Auf dieser Grundlage nahm der Reichstag 1898 das erste und 1900 das zweite Flottengesetz an. Weitere Novellen folgten, die Pläne wurden immer gigantischer. Der Versuch des Deutschen Reichs, den enormen britischen Vorsprung auf diesem Gebiet zu verringern, führte zu einem Wettrüsten, das maßgeblich zur Auslösung des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914 beitrug. Die Kritiker der Flottenpläne hatten das vorausgesehen.
Der Kaiser trug der neuen Situation Rechnung, indem er offiziell von der Diffamierung der SPD und der Gewerkschaften als »vaterlandslose Gesellen« abrückte. In seiner Thronrede zum Kriegsbeginn am 4. August 1914 vor dem in einem Saal des Berliner Schlosses versammelten Reichstag verkündete er: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.« Anschließend stimmte der Reichstag ausnahmslos den ersten Kriegskrediten zu. Auch Karl Liebknecht unterwarf sich der Fraktionsdisziplin, bedauerte das aber sofort. Die nächste Bewilligung am 2. Dezember 1914 lehnte er als einziger Abgeordneter ab.
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