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»War on terror«

Die »Hamburger Spur«

Die »Terrorwohnung« in Harburg: Eine Rekonstruktion des 12. September 2001 – und wie ein Lokaljournalist den richtigen Riecher hatte

Foto: Rafiqur Rahman/Reuters
In Bangladesch protestierten am 5. März 2003 linke Parteien und Gruppen gegen den geplanten US-Angriffskrieg im Irak

Die Meldung, die der Springer-Auslandsdienst (SAD) am 12. September 2001 um 17.58 Uhr unter der laufenden Tagesnummer 62 an die Blätter des Medienriesen und einige andere Abonnenten schickte, klang noch nicht wirklich spannend. Ihr Wortlaut: »Nach Angaben aus FBI-Kreisen hat der Verdächtige Mohammad Atta, dessen Wohnung am Mittwoch morgen in Florida durchsucht worden war, einen Cousin in Hamburg. Sein Name ist Marwan Al-Schahi, die Adresse lautet nach FBI-Informationen Martinstraße 54 in 21073 Hamburg (vermutlich gemeint: Martin-Leuschel-Ring in Harburg). Atta soll sich als Deutscher ausgegeben haben.«

Dass es in Hamburg zwar eine Martinistraße gibt, an der das international bekannte Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) liegt, aber keine Martinstraße, hatten die in der SAD-Zentrale Beschäftigten schnell herausgefunden, bevor sie aus der Nachricht, die von der Leiterin des New Yorker Korrespondentenbüros gekommen war, ihre Meldung formulierten und in Umlauf brachten. Ihre Vermutung aufgrund der Postleitzahl, es könnte sich um den Martin-Leuschel-Ring im Stadtteil Harburg südlich der Elbe handeln, war allerdings auch falsch. Dort gibt es keine Hausnummer 54. Die Besatzung eines Streifenwagens der Polizei, die – anscheinend aufgrund einer vorausgegangenen ähnlich lautenden Meldung der US-Nachrichtenagentur AP – um etwa 18.45 Uhr im Martin-Leuschel-Ring vorbeigefahren war, hatte ihrer Zentrale den Sachverhalt gemeldet, und dort hatte man sich damit zunächst begnügt, wurde später offiziell behauptet.

Lageklärung

Als erster Journalist, der richtig kombinierte und die Marienstraße 54 ansteuerte, gilt der Polizeireporter André Zand-Vakili, der am 24. Juli 2025 infolge einer schweren Krebserkrankung starb. Er war offenbar der Journalist, auf dessen telefonische Mitteilungen sich der SAD für seine nächste Meldung stützte, die von der Zentrale im Springer-Haus um 19.31 Uhr an den üblichen Verteiler geschickt wurde. Sie lautete: »Wie in SAD Nr. 62 gemeldet, führt eine Ermittlungsspur des FBI nach Hamburg. Die Harburger Anzeigen und Nachrichten sind diesem Hinweis nachgegangen und haben ermittelt: Es handelt sich wahrscheinlich um die Harburger Marienstraße (…). Dort haben im Haus Nr. 54 nach Bewohneraussagen bis März drei Araber gewohnt, angeblich Studenten. Nach einem noch nicht ausrecherchierten Hinweis soll heute nachmittag bereits die Polizei im Haus gewesen sein.«

Diese Behauptung kann einfach falsch gewesen sein. Anderenfalls würde sie den von der Hamburger Polizeiführung später präsentierten, minutiös detaillierten Zeitplan für den Ablauf der Ereignisse am 12. September in Frage stellen. Diesem Protokoll zufolge bekam die Polizei, vermutlich von Zand-Vakili, um 19.10 Uhr den ersten Hinweis auf die Marienstraße 54. Daraufhin wurden von der nächstgelegenen Wache Polizisten in Zivil zwecks »Lageklärung« dorthin geschickt, die im und vor dem Haus zwei Fernsehteams und sieben Journalisten vorfanden, als sie gegen 19.15 Uhr eintrafen.

Etwas später erschienen drei Mannschaftswagen und drei Zivilfahrzeuge der Polizei mit Blaulicht, um die Straße abzusperren. Gegen 20.09 Uhr wurde das Objekt polizeiamtlich als »Terroristenwohnung« eingestuft. Das Mobile Einsatzkommando (MEK) wurde mobilisiert. Aufgrund sorgfältiger Vorbereitungen und Vorsichtsmaßnahmen vergingen mehr als drei weitere Stunden, bis das MEK gegen 23.40 Uhr in die Wohnung eindrang, in der bis vor einigen Monaten Mohammed Atta, Said Bahaji und Ramzi Binalschib gewohnt hatten. Von den beiden letzteren fehlte zunächst jede Spur.

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Bahaji soll einige Tage vor dem 11. September nach Karatschi (Pakistan) geflogen sein, um sich islamistischen Kämpfern anzuschließen. Binalschib, dessen Visumsanträge von den US-Behörden mehrmals abgelehnt worden waren, wurde am 11. September 2002 in Karatschi festgenommen. Soweit bekannt, handelte es sich dabei um einen gemeinsamen Zugriff des pakistanischen Geheimdienstes ISI und der »Special Activities Division« der CIA. Binalshib wurde in die USA gebracht, zunächst jahrelang in illegalen Verhör- und Folteranlagen im Ausland misshandelt und wird seit Anfang September 2006 im US-Lager Guantanamo auf Kuba gefangen gehalten. Am 24. August 2023 wurde sein Verfahren vor einem Militärtribunal vom Hauptprozess abgetrennt. Er sei psychisch nicht imstande, sich selbst zu verteidigen, verfügte ein Militärrichter. Seine Anwälte vertreten die naheliegende These, dass er durch die Folter und andere Haftbedingungen schwer geschädigt sei.

Keine Unbekannten

Der »Hamburger Zelle« wurden nach dem 11. September 2001 auch Marwan Al-Schahi und Siad Dscharrah zugeordnet, die aber nicht in der Marienstraße gewohnt hatten. Ebenso wie Atta sollen sie eines der entführten Flugzeuge gesteuert haben. Nicht nur die »Zelle«, sondern auch deren unterschiedlich enge Kontakte waren offenbar schon seit Monaten im Blick der Überwachungsorgane. Journalisten des zum Springer-Konzern gehörenden Hamburger Abendblatts bekamen am Abend des 12. September auf eine Anfrage beim Polizeipräsidium die Auskunft: »Die Adresse ist seit drei Jahren bekannt. Der Verfassungsschutz war schon mal da. Das ist eine kalte Spur.«

Das offizielle Polizeiprotokoll der Abläufe am 12. September verzeichnet zusammen mit der Alarmierung des MEK für 21.15 Uhr: »Gleichzeitig werden die Wohnungen in der Bunatwiete und Wilhelmstraße als weitere mögliche Terrorwohnungen identifiziert.« Beide liegen ebenfalls im Stadtteil Harburg. Aus der Wohnung Bunatwiete 23, wo der zu diesem Zeitpunkt schon in Pakistan befindliche Bahaji gewohnt hatte, wurde gegen 0.34 Uhr dessen Ehefrau zur Vernehmung abgeführt. Und dabei blieb es in dieser Nacht nicht: »Zeitgleich werden sieben weitere Wohnungen überprüft, vier davon durchsucht. Bis in die Morgenstunden rückt das MEK noch mindestens achtmal aus«, berichtete das Abendblatt am 14. September. Am 26. September behauptete die Tageszeitung, Bahaji sei dem Verfassungsschutz schon vor mehr als einem Jahr aufgefallen.

Inzwischen kann längst als unstrittig gelten, dass die gesamte islamistische Szene Hamburgs beobachtet und überwacht wurde. Einer ihrer zentralen Kontaktpunkte, die Al-Quds-Moschee am Steindamm im innerstädtischen Viertel St. Georg, war im Visier des Verfassungsschutzes. Nicht so eindeutig zu belegen ist die Beobachtungstätigkeit US‑amerikanischer Staatsorgane. Im gemeinsamen Untersuchungsbericht beider Häuser des Kongresses, der im Dezember 2002 vorgelegt wurde, hieß es dazu: »Seit 1995 war der CIA eine radikalislamische Szene in Deutschland bekannt, einschließlich Personen mit Verbindungen zu Osama bin Laden. Vor dem 11. September hatte die CIA erfolglos versucht, zusätzliche Informationen über Personen zu erhalten, die später als Bekannte bzw. Verbindungen einiger Entführer identifiziert wurden.«

Der damalige Innensenator Olaf Scholz (SPD) sagte während einer Pressekonferenz am 13. September 2001, der erste Hinweis auf die Wohnung in der Marienstraße sei vom Springer-Auslandsdienst gekommen – nicht etwa vom FBI. In den Zeitangaben der Hamburger Polizei heißt es, das BKA habe am 12. September um 22.19 Uhr eine Verdächtigenliste der US-Bundespolizei weitergeleitet. Um 22.43 Uhr habe das FBI mitgeteilt, dass ein Mann, der mit Mohammed Atta in Hamburg gelebt hätte, in die USA eingereist sei.

Mehrere Stunden, bevor das FBI seine Erkenntnisse dem BKA mitteilte, waren sie aber schon zur Nachrichtenagentur AP »durchgesickert«, die daraus eine Meldung formulierte, die wiederum unter anderem den Anstoß zur ersten SAD-Meldung von 17.58 Uhr gegeben hatte. Geradezu abenteuerlich erscheinen die damaligen Erzählungen, wie das FBI auf die »Hamburger Spur« gekommen sei: Angeblich war in einem von Atta benutzten, am Flughafen Portland abgestellten Leihwagen ein Zettel gefunden worden, auf dem Straßenname, Hausnummer und Postleitzahl notiert waren. Eine andere Version ist, dass dieser Zettel in Attas letzter Wohnung in Florida gefunden worden sei. Noch spektakulärer war die Version des Spiegels (25.11.2001), dass die Harburger Adresse auf einem »angekokelten Zettel« in den Trümmern der am 11. September bei Pittsburgh/Pennsylvania abgestürzten Maschine gefunden worden sei. Am wahrscheinlichsten ist heute, dass das FBI die Passagierliste der vier entführten Flugzeuge in Höchstgeschwindigkeit durch die damals vorhandenen Suchmaschinen gejagt hatte und dabei sehr schnell auf die Marienstraße gestoßen war.

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Erschienen in der Beilage vom 09.09.2026, Seite 3, Ausland

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