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Frankreich

Geflüchtete im Untergrund

1.200 Menschen nach Abschiebung aus UK in Frankreich untergetaucht

Foto: Stephanie Lecocq/REUTERS
Seit dem Brexit nimmt die Zahl der über den Ärmelkanal Flüchtenden nach England zu (6.9.2026)

Ein weiterer Abschiebedeal mit katastrophalen Folgen: Wie ein französischer Politiker der britischen Tageszeitung Guardian anonym verriet, seien etwa 1.400 Menschen im Rahmen des »One in, one out«-Abkommens, das seit August 2025 galt, aus Großbritannien nach Frankreich abgeschoben worden. Davon seien nur noch 200 »in Kontakt mit den Behörden«. In einem Bericht vom Freitag legte die Zeitung nahe, dass mutmaßlich Hunderte Menschen ein Leben in Illegalität dem Asylverfahren in Frankreich vorziehen. Indes will Frankreich die Vereinbarung nicht verlängern und plädiert statt dessen für eine europäische Lösung.

Für die Recherche sprachen Reporter des Guardian mit vielen der Betroffenen: Sie gaben an, aufgrund der Feindseligkeit der französischen Behörden unterzutauchen, wegen des Drucks, in ihre unsicheren Herkunftsländer zurückzukehren, und der Angst, in ein anderes EU-Land wie Bulgarien überstellt zu werden. Viele Geflüchtete möchten nicht zurück nach Bulgarien oder in andere Balkanstaaten. Sie berichten von Polizei- bzw. Grenzgewalt, mangelnder bis fehlender medizinischer Versorgung und schlechten Zuständen in den dortigen Camps. Der Name des Dublin-Verfahrens zur Verteilung von Migranten innerhalb der EU hat sich mit der Reform des gemeinsamen europäischen Asylsystems zwar geändert – geregelt werden die Zuständigkeitsfragen seit 2024 in der Asyl- und Migrationsmanagement-Verordnung (AMMVO) – die Struktur ist jedoch im Kern dieselbe geblieben.

Die UN-Sonderberichterstatter hatten bereits im vergangenen Dezember gewarnt, dass es im Rahmen des Deals zwischen Frankreich und Großbritannien zu Menschenrechtsverletzungen kommen würde. Die beiden Länder wurden aufgefordert, das Abkommen auszusetzen, da extrem traumatisierte Schutzsuchende, solche mit psychischen Einschränkungen und Minderjährige abgeschoben würden. Das entspricht weder EU- noch Menschenrechten. Die Politik ignoriert das. Ausreichende psychotherapeutische Versorgung in Abschiebehaft: Fehlanzeige. Auch in Deutschland wird Geflüchteten der Zugang zu Gesundheitssystemen erschwert: Wer keine Diagnose bekommt, hat auch offiziell keine Erkrankung.

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Frankreich will das Abkommen mittlerweile nicht mehr über den 1. Oktober 2026 hinaus verlängern. Das hatte der französische Innenminister Laurent Nuñez bereits am 15. Juni im französischen Parlament verkündet: »Aus unserer Sicht sollte Frankreich das nicht allein tragen.« Weiter sagte Nuñez: »Eine Vereinbarung zwischen der EU und Großbritannien wäre besser.« Das Vereinigte Königreich will die Übereinkunft, laut dem Bericht des Guardian vom Freitag, indes weiter ausdehnen, so die britische Innenministerin Shabana Mahmood. Das Thema ist wohl schon bis in die Chefetage gewandert, denn der britische Premierminister Andrew Burnham hat das Thema beim ersten bilateralen Treffen am 3. September 2026 gegenüber dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron aufgebracht.

Allein in diesem Jahr kamen 18 Menschen bei der Fahrt über den Ärmelkanal ums Leben. NGOs berichten immer wieder von den schrecklichen Zuständen in der französischen Küstenstadt Calais, wo Schutzsuchende in Zelten und selbstgebauten Unterkünften leben müssen oder zu Tode kommen, wenn sie auf Lastwagen klettern, um den lebensgefährlichen Weg auf sich zu nehmen. Abschiebeabkommen und verschärfte Grenzkontrollen bringen Menschen in der Regel nicht davon ab. Erfahrungsgemäß entscheiden sich Menschen für Großbritannien, weil sie dort Familie haben oder die Sprache sprechen. Da London zudem seit dem Brexit nicht mehr Teil des früheren Dublin-Systems ist, können Menschen nicht mehr so einfach in andere EU-Staaten abgeschoben werden, daher entscheiden sich mehr Menschen als zuvor für eine Flucht dorthin. Auch die vorherige britische Labour-Regierung unter Keir Starmer hatte das Thema rassistisch instrumentalisiert. Klar ist: Egal welcher Deal, egal welche Regierung, eine Verbesserung der Situation für die Geflüchteten ist auch nach vielen Jahren nicht absehbar.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.09.2026, Seite 7, Ausland

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