Zum Inhalt der Seite
Jordanien

Zwischen Trauer und Vergeltung

Anschlag in jordanischer Provinz Karak: Drei Verdächtige festgenommen. Luftangriffe in Syrien lösen diplomatische Krise aus

Foto: ABACAPRESS/IMAGO
Für kriegerische Außenwirkung: Jordaniens König besucht Anschlagsopfer in Militäruniform (Karak-Stadt, 23.10.2026)

Nach dem tödlichen Angriff auf eine griechisch-orthodoxe Kirche in der Region Karak in Jordanien hat das Militär drei Verdächtige festgenommen und zur Vergeltung Ziele in Südsyrien bombardiert. Vergangenen Freitag hatten drei Schützen während einer Beerdigungszeremonie in einer Kirche im Dorf Hammud das Feuer eröffnet. Neun Menschen starben, rund 40 wurden verletzt. Unter den Opfern waren mehrere Ärzte und Angehörige der christlichen jordanisch-palästinensischen Familie Halsa. Auch ein führendes Mitglied der Kommunistischen Partei Jordaniens, Marwan Al-Khaitan, ist unter den Getöteten, wie die Partei mitteilte.

Vier Tage später nahmen Einsatzkräfte einer militärischen Spezialeinheit drei Verdächtige fest. Die Männer hatten sich in einem verlassenen Haus verschanzt; bei der Durchsuchung wurden Waffen und Munition sichergestellt. Die Verdächtigen gehören dem Stamm der Thneibat an. Der jordanische Polizeichef Obaidallah Al-Maaita erklärte, die drei hätten laut ersten Ermittlungen »allein und aus eigener Überzeugung« gehandelt. Sie seien getrieben von einer extremistisch-fundamentalistischen Ideologie. Eine konkrete Verbindung zu einer organisierten Gruppe wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) wurde zunächst jedoch nicht bestätigt.

Noch am Abend der Festnahme flog die jordanische Luftwaffe Angriffe in den syrischen Provinzen Deraa und Suweida. Amman erklärte, die Operation sei mit Damaskus koordiniert gewesen, und es seien mehr als 20 IS-Kämpfer getötet sowie Waffenlager zerstört worden. Die syrische Regierung widersprach am Dienstag dieser Darstellung: Das Außenministerium in Damaskus beklagte einen »unannehmbaren Verstoß« gegen die syrische Souveränität und erklärte, die Schläge seien ohne vorherige Abstimmung erfolgt. Nach syrischen Angaben starben bei den Angriffen sieben Zivilisten – eine Frau, drei Kinder, ein älterer Mann und zwei weitere Männer; Jordanien räumte zivile Opfer später ein und bedauerte sie.

Anzeige

Die Krise eskalierte zunächst: Syrien schloss am Dienstag den Grenzübergang Nasib. Bereits am Dienstag abend zeichnete sich jedoch eine Entspannung ab: In einem Telefonat zwischen den Außenministern betonten beide Seiten die Bedeutung der bilateralen Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus. Am Mittwoch morgen wurde der Grenzübergang wieder geöffnet. Gleichzeitig einigten sich beide Regierungen auf die Bildung eines gemeinsamen Untersuchungs- und Sicherheitsausschusses, der die Umstände der Luftangriffe klären und künftige Vorfälle an der Grenze verhindern soll.

Die Regierung und staatliche Medien sind derweil sichtlich bemüht, den jordanischen König als starken Mann und entschlossenen Beschützer zu porträtieren. Unmittelbar nach dem Anschlag äußerte Abdullah II., er werde dafür sorgen, dass die Verantwortlichen »mit eiserner Hand« zur Rechenschaft gezogen würden, während er in Militäruniform Verletzte des Massakers im Krankenhaus besuchte.

Der Anschlag trifft Jordanien an einem sensiblen Punkt: Die Monarchie gilt als relativ stabil, aber politisch repressiv. Jordanien ist ein enger Verbündeter der USA und der NATO und unterhält diplomatische wie wirtschaftliche Beziehungen mit Israel. Die vergangenen Jahre waren jedoch geprägt von wirtschaftlichen Problemen und Protesten, die gerade die Anbindung an die USA und Israel sowie Jordaniens zweifelhafte Rolle während des Genozids in Gaza anprangerten. Ein Angriff auf die christliche Minderheit – die in der Provinz Karak eine lange Tradition hat – ist in Jordanien ungewöhnlich und hat landesweit Bestürzung ausgelöst. Einhellig haben sich Menschen öffentlich gegen religiöse Intoleranz und Gewalt ausgesprochen und betont, dass christliche und muslimische Gemeinschaften auf Jahrhunderte der Koexistenz in der Region zurückblicken. Sinnbildlich steht dafür, dass eines der christlichen Opfer des Anschlags den Vornamen Mohammed trug.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 29.10.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!