Zum Inhalt der Seite
Spanische Exklave Ceuta

»Wir wurden kriminalisiert und häufig angegriffen«

Ceuta: Spanische Polizei und Faschisten attackieren neben Migranten auch freiwillige Helfer. Ein Gespräch mit Francesca Fusaro

Foto: IMAGO/Europa Press
Dutzende Frauen und Mädchen sind in einem Sportzentrum untergebracht und werden von freiwilligen Helfern mit Lebensmitteln versorgt (Ceuta, 4.9.2026)

Etwa 72.000 Menschen haben rund um den 30. und 31. Juli die Grenze von Marokko zur spanischen Exklave Ceuta überquert, etwa 150 sind dabei gestorben. Spanien hat mutmaßlich Tausende zurückgezwungen. Wie ist die Situation vor Ort?

Die ist weiterhin sehr kompliziert. Viele Menschen leben noch immer auf der Straße. Jeden Tag werden zahlreiche Menschen abgeschoben. Sie leben in inoffiziellen Camps, in Zelten und im Wald. Einige verstecken sich auch in Häusern, deren Bewohner sie aufnehmen. Viele Menschen leben zudem in offiziellen Camps.

»El Guano«, das letzte große, inoffizielle Camp, wurde am 11. Oktober geräumt. Die spanischen Behörden sprechen jedes Mal von freiwilliger Rückkehr. Wie haben Sie das erlebt?

In den Tagen davor hatten wir vielen Räumungen beigewohnt, haben gefilmt und berichtet. Es ist immer dasselbe: Es kommen sehr viele Polizei- und Militärtransporter sowie Busse. Die Beamten zwingen die Menschen in die Busse und fahren sie zur Grenze. Dann geben sie ihnen kurze Belehrungen, etwa zwei bis drei Minuten lang, bevor sie sie zurück über die Grenze zwingen. Im Anschluss räumen sie alle Zelte weg. Es ist jedes Mal schockierend, mitansehen zu müssen, wie Menschen Häuser und Zelte bauen und wenige Tage später alles komplett leer ist. Jede Räumung treibt zudem mehr Menschen in Verstecke. So sind auch immer mehr auf unsere Essensverteilung angewiesen in den vergangenen Tagen.

Was sind die größten Probleme der Geflüchteten vor Ort?

Vor allem die Gewalt, die sie Tag und Nacht von Polizei und Militär erleben. Aber auch das Fehlen einer politischen Antwort der spanischen Regierung auf die Situation. Je kälter es wird, je mehr es regnet, um so schlimmer ist es zudem für die Menschen, die auf der Straße leben.

Gibt es auch Angriffe durch rechte Gruppen?

Anzeige

Die Spuren der Attacken durch faschistische Gruppen tragen die Leute noch auf ihren Körpern. Das hat aber auch psychische Auswirkungen. Die Opfer essen nicht mehr oder schlafen nicht aus Angst vor Angriffen. Auch wir wurden von solchen Gruppen attackiert.

Existiert in Ceuta überhaupt noch ein Recht auf Asyl?

Die GEAS-Reform (Gemeinsames Europäisches Asylsystem der EU, jW) hat bereits alles verändert. Durch die Screeningverfahren an den Grenzen ist es extrem schwierig, mittlerweile überhaupt noch einen Asylantrag an den Außengrenzen zu stellen. Viele Menschen landen in den Schnellverfahren, es gibt wenige Termine bei den Behörden. Die Lage ist sehr schwierig. Trotzdem dürfen wir nicht aufhören, um das individuelle Recht auf Asyl zu kämpfen.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Jeden Morgen nehmen unsere verschiedenen Teams die Arbeit auf: Das Kochteam bereitet rund 1.000 Mahlzeiten vor. Das Awarenessteam sammelt Berichte von Betroffenen. Unsere Gruppe für Gesundheitsversorgung leistet Erste Hilfe, und wieder andere arbeiten an juristischen Fällen. Nachmittags verteilen wir Essen und Kleidung. Wir machen auch Nachtschichten, um Polizeigewalt zu dokumentieren und den Menschen zu helfen.

Geflüchtetenunterstützung wird oft kriminalisiert. Ist die Lage in Ceuta auch dadurch noch verschärft?

Wir wurden in den vergangenen zwei Monaten oft kriminalisiert und angegriffen. Wir wurden durchsucht, unsere Personalien wurden aufgenommen. Man hat uns festgenommen und verprügelt, weil wir unsere Arbeit tun. Ein Teil der Bewohner von Ceuta, vor allem die muslimische Community, ist solidarisch. Aber es gibt auch Menschen, die gegen die nach Ceuta Gekommenen demonstrieren. Wir verstehen, dass die Bewohner erschöpft sind von der Situation vor Ort. Aber die Wut sollte sich auf die Politik richten.

Welches Vorgehen schlagen Sie vor?

Es ergibt keinen Sinn, dass bisher niemand auf das Festland gebracht wurde. Es können nicht einfach immer mehr Camps hier gebaut werden.

Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit in Ceuta?

Wir haben ein Crowdfunding organisiert und brauchen immer wieder Sachspenden. Man kann auch helfen, indem man über die Situation hier spricht, damit andere Menschen erfahren, was in Ceuta passiert. Wir erleben ein anhaltendes Massaker an den europäischen Grenzen. Egal wie hoch die Festung Europa gezogen wird, Menschen werden immer kommen.

Francesca Fusaro ist Projektkoordinatorin von »No Name Kitchen« (NNK) in der ­spanischen Exklave Ceuta

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 3, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!