Alltäglichkeit sichtbar machen
In Leipzig entsteht ein Gedenkort für Femizide. Präventionsangebote bleiben jedoch unterfinanziert
Vor eineinhalb Jahren fand gegenüber der Wohnung von Maria-Lusie T. ein Femizid statt. »Ich war im Schock, als ich davon erfuhr«, sagt die junge Schriftstellerin gegenüber jW. »Und dann habe ich die Zahlen angeschaut. Ich war eher davon geschockt, dass bisher kein Femizid in meiner Nachbarschaft geschehen ist.« Die Alltäglichkeit der Gewalt sei ihr zuvor nicht so bewusst gewesen, obwohl sie sich mit geschlechtsspezifischer Gewalt schon auseinandergesetzt hatte. »Ein Gedenkort für Femizide in Leipzig ist schön und gut. Aber mehr Geld für Frauenhäuser und Beratungen, Verdolmetschung oder Prävention wäre vielleicht hilfreicher«, fügt sie hinzu.
In der vergangenen Sitzung des Stadtrats am 3. Juli wurde der Gedenkort für Opfer von Femiziden in Leipzig mit rot-rot-grüner Mehrheit beschlossen, basierend auf einem Konzept, das von Initiativen und Vereinen mit erarbeitet wurde. Der Gedenkort soll zentrumsnah im Kolonnadenviertel eingerichtet werden und sowohl Raum für Erinnerung und Aufklärung bieten als auch ein Veranstaltungs- und Dialogort werden.
Von 2011 bis 2024 wurden der feministischen Initiative »#Keine mehr« zufolge 15 Femizide in Leipzig verübt. Auch im August 2025 kam es Medienberichten zufolge zu einem Femizid durch den Expartner der Ermordeten. Bei der Amokfahrt am 4. Mai, bei der ein Mann in der Leipziger Innenstadt zwei Menschen tötete, handelte es sich mutmaßlich um einen erweiterten Femizid. Das bedeutet, dass auf Misogynie basierende Gewalt sich auch auf Dritte ausweiten kann.
In Deutschland wird im Schnitt jeden zweiten Tag eine Frau getötet, weil sie eine Frau ist. Betroffen sind insbesondere marginalisierte Frauen wie beispielsweise Geflüchtete, Sexarbeiterinnen oder trans Frauen, weil sie aktiv aus Hilfestrukturen ausgeschlossen werden oder der Zugang mit zu hohen Hürden verbunden ist. Tendenz steigend. Die Gelder für Hilfestrukturen werden indes gekürzt und auch das neue Gewalthilfegesetz verschlimmert die Situation eher, als dass es sie verbessert. So sieht es beispielsweise eine Beratungsgarantie für gewaltbetroffene Frauen vor, ohne allerdings die jetzt schon restlos überforderten Beratungsstellen in entsprechendem Maß aufzustocken.
Im Gegenteil: Zum 30. Juni musste die Sofortaufnahme in Leipzig schließen. Das vom Freistaat finanzierte Modellprojekt sollte Personen, die nicht sofort einen Platz im Frauenhaus erhielten, für einige Tage eine kostenfreie Unterkunft bieten. Damit einhergehend wurde eine zentrale Telefonnummer für die Vermittlung in ein Frauenhaus angeboten. Nun müssen Fachkräfte und Betroffene wieder alle Frauenhäuser der Stadt einzeln nach einem freien Platz abtelefonieren. Das sächsische Innenministerium begründete das Auslaufen des Modellprojekts damit, dass das Gewalthilfegesetz eine ähnliche Stelle vorsehe. Allerdings frühestens ab dem kommenden Jahr.
Beate Ehms, Sprecherin für Gleichstellung der Linksfraktion im Leipziger Stadtrat, und Mandy Gehrt, kulturpolitische Sprecherin, erklärten anlässlich der Stadtratsabstimmung über den Gedenkort, dass das Thema Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit stärker sichtbar sein müsse. Viel zu oft würden Femizide als »Familientragödien« oder »Eifersuchtsdramen« abgetan. »Es sind keine unglücklichen Einzelfälle, sondern die extreme Zuspitzung einer Reihe von Gewalttaten gegen Frauen, die von physischer und psychischer Herabwürdigung, häuslicher Gewalt und Einsperren über Stalking bis zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung reicht«, so Ehms und Gehrt.
Auch Maria-Lusie T. findet es trotz allem gut, dass es den Gedenkort geben soll. Seit dem Femizid in der Wohnung bei ihr gegenüber lässt das Thema sie auch in ihrem Schreiben nicht mehr los. »Am Ende muss immer klar sein, dass wir das Patriarchat nicht im Kapitalismus abschaffen können.« Die Ausbeutung von gebärfähigen Menschen nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch zur Reproduktion von Arbeitskräften sei besonders in Krisenzeiten wie heutzutage sichtbar. »Wehrpflicht und Co.« propagierten zudem konservative und gewaltvolle Männlichkeitsbilder, egal wie vermeintlich offen die Bundeswehr sich gebe. »Wir brauchen eine Revolution«, so T. »Und sie muss feministisch sein.«
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