Zum Inhalt der Seite
Akademischer Boykott an Uni Leipzig

»Wir werden den Druck aufrechterhalten«

Palästina-Aktivisten an der Uni Leipzig wollen das antidemokratische Handeln des Rektorats skandalisieren. Ein Gespräch mit Orlando S.

Foto: Maria Castro/ZUMA Press/IMAGO

662 von den rund 31.000 Studierenden der Uni Leipzig haben an der Vollversammlung zum akademischen Boykott teilgenommen. Was genau wurde dort beschlossen?

Die Vollversammlung ist ein Schritt auf dem Weg, die akademische Komplizenschaft der Uni Leipzig mit Israel zu beenden. Die Uni arbeitet mit fünf israelischen Hochschulen zusammen, die mitschuldig sind an der Besetzung Palästinas, der Apartheid und dem Genozid. Zum einen, weil sie als integraler Bestandteil des israelischen Militärs gelten, aktiv Militärforschung betreiben und darauf sehr stolz sind, und zum anderen, weil sie bei der staatlichen Ideologieproduktion mitwirken, beispielsweise durch archäologische Projekte, die beweisen sollen, dass es keine Palästinenser gebe.

Im Oktober 2025 haben wir einen Bericht veröffentlicht, der detailliert die Verbindungen der Uni Leipzig zu diesen Hochschulen aufzeigt. Bei der Vollversammlung hat die Studierendenschaft unter anderem beschlossen, dass die Unileitung den Scholastizid in Palästina (die systematische Zerstörung der Bildungsinfrastruktur, jW) verurteilen und alle Kooperationen mit israelischen Unis beenden soll. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit palästinensischen Hochschulen gefördert und sich für eine Zivilklausel in Leipzig eingesetzt werden.

Es wurde kritisiert, die Vollversammlung sei nicht rechtmäßig; einen Tag vorher entzog die Uni den Hörsaal.

Anzeige

Eine offizielle Vollversammlung kann mit Zustimmung von drei Prozent der Studierenden einberufen werden. Wir haben 1.300 Unterschriften gesammelt. Die Geschäftsführung des Studierendenrats hat die Vollversammlung entsprechend einberufen. Rektorin Eva Inés Obergfell hat die StuRa-Satzung unterzeichnet, sie müsste also wissen, dass die Vollversammlung legitim ist. Die Unileitung unterwandert also ihre eigenen demokratischen Institutionen.

Den Raumentzug hat das Rektorat in einem öffentlichen Statement damit begründet, dass die Versammlung die akademische Freiheit einschränken und die Studierendenschaft vereinnahmen würde. Das ist absurd, schließlich ist es die Unileitung selbst, die die anwesende Studierendenschaft möglichst kleinhalten will, zum Beispiel, indem sie die Einladung an alle Studierenden zur Vollversammlung blockiert hat. Das ist laut Hochschulgesetz illegal. Zudem steht ein absurder Freiheitsbegriff dahinter: Die Unileitung würde sicher auch Eugenik nicht unter die Wissenschaftsfreiheit fassen. Entsprechend sagen wir, dass Forschung an Bomben nicht unter die Wissenschaftsfreiheit fällt. Ein Gesprächsangebot der Unileitung gab es seitdem nicht.

Die Beschlüsse sind für das Rektorat nicht bindend. Wie geht es weiter?

Wir werden den öffentlichen Druck auf die Uni aufrechterhalten und ihr antidemokratisches Verhalten skandalisieren. Dieses Jahr sind Rektoratswahlen, die wir auf dem Schirm haben. Wir verfolgen auch andere Boykottkampagnen, beispielsweise in Gent, wo Studierende die Uni besetzt haben, weil ihre Forderungen nicht in genügendem Maß umgesetzt wurden. Das hatte Erfolg: Das Budget, das die Unileitung für den Abbruch der Beziehungen zu Israel bereitstellt, wurde deutlich erhöht.

Orlando S. ist aktiv bei »Students for Palestine« Leipzig

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 05.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!