Zum Inhalt der Seite
Comic

Spuren im Sand

Claire Caland und Sandrine Kerion erzählen »Die Geschichte des Krimis« als Comic

Von Marc Hieronimus
Foto: Splitter Verlag
Rätselfuchs Ödipus

Man kann mit André Malraux der Meinung sein, dass Sophokles’ Fassung des Ödipus-Mythos der erste Krimi der Menschheit ist. Elemente kriminologischen Verstandes gibt es auch im persischen Märchen von den »Drei Prinzen aus Serendip«, das aus dem fünften Jahrhundert stammt und in Europa gut tausend Jahre später sehr bekannt wurde. Man goutiere nur diesen Dialog: »Habt ihr ein verirrtes Kamel gesehen? – Du meinst ein einäugiges, lahmes Kamel, das Honig und Butter transportiert? – Ihr seid ihm also begegnet? – Nein, nein, wir sahen nur seine Spuren im Sand.«

Die Anfänge der Detektiv- und Kriminalgeschichten heutiger Prägung liegen im neunzehnten Jahrhundert, nämlich bei den Memoiren des Tausendsassas Eugène François Vidocq, der nach vielen Gaunereien und langer Arbeit für die Polizei die welterste Detektei eröffnet hat. Vidocqs Memoiren inspirierten Honoré de Balzac zu seinem Krimiklassiker »Eine dunkle Affäre« und Victor Hugo zu »Die Elenden«. Nach der von Eugène Sue entfachten Mysterymania schuf E. A. Poe den Prototyp der Detektivgeschichte. Frühe Grundsteine legten auch Frauen wie die Engländerinnen Ellen Wood und Mary Elizabeth Braddon, dann kommt das »Sherlock-Holmes-Beben«.

Anzeige

Auf über zweihundert Comicseiten erzählen die Französinnen Claira Caland und Sandrine Kerion »Die Geschichte des Krimis« und sind bei den so oft adaptierten, analysierten und nicht zuletzt persiflierten Romanen von Arthur Conan Doyle gerade mal auf Seite zwanzig. Es folgen Gentleman-Gauner, alle Arten von Leinwandkrimis, Thriller, gezeichnete Krimis und vieles mehr in grafisch sehr ansprechender Manier voller Filmzitate und treffender Porträts. Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, warum der Krimi erst so spät aufkam und bis heute so erfolgreich ist. Haben Krimis eine Ventilfunktion, und wenn ja, für was wäre es ein Ventil? Woher unser Interesse an Straftätern? Weil wir in so kriminellen Zeiten leben? Oder wollen wir bloß, dass wenigstens hier die Wahrheit zuverlässig ans Licht kommt und Verbrechen gesühnt werden?

→ Claire Caland (Szenario), Sandrine Kerion (Zeichnungen): Die Geschichte des Krimis. Splitterverlag, Bielefeld 2026, 216 Seiten, 29,80 Euro

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 09.09.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!