Alles nur Theater?
Premierenwochenende in Wien: »Merlin oder das wüste Land« von Tankred Dorst im Akademietheater und Elfriede Jelineks »Unter Tieren« an der Burg
Das zarte, charmante Teufelchen trägt Jokergrinsen und Narrenkappenhörner. Es spricht merkwürdig, macht Geräusche, und endlich begreift das Publikum im Wiener Akademietheater, dass es mitmachen soll. Sechsjährige hätten das schneller verstanden, aber wofür haben wir uns durch Kindheit und Jugend gequält, um nun einem Kaschperl zu gehorchen?
Vor mir sitzt am Sonnabend Stefanie Reinsperger und macht lachend mit, aber sie ist Schauspielerin und einzigartig. Zum Glück muss man nicht rhythmisch mitklatschen, ich will trotzdem nicht, und während die anderen mit »Tüfel« Marie-Luise Stockinger Feuerknistern und Chaos üben, wundere ich mich, warum Michael Maertens noch im Publikum sitzt und nicht, wie angekündigt, auf der Bühne steht.
»Zauberer Merlin, der dazu bestimmt war, die Menschheit ins Böse zu führen, widersetzte sich dem Auftrag und ernannte Artus zum König, dass er eine Tafelrunde gründe, die als Ort der Gleichheit für Gerechtigkeit sorge …« – »Anhand des Epos von der Tafelrunde erzählen Tankred Dorst und Ursula Ehler in dem 1980 fertiggestellten Theaterstück ein Märchen über das Scheitern von Utopien.« Soweit die Theorie, und wer Antú Romero Nunes als Regisseur kennt, freut sich auf Phantasie und schöne Bilder.
Auf der Bühne gebiert Michael Wächter als riesenhafte »Liebe« gerade Merlin, der einen Fatsuit trägt und auch komisch spricht. Das ändert sich auch nicht mehr, Phantasiemittelhochdeutsch wird dreieinhalb Stunden beinhart durchgesetzt. Endlich wird auch Michael Maertens aus dem Publikum geholt, der gar kein Zuschauer ist, sondern König Artus, obwohl er, ehrlich gesagt, eigentlich immer Michael Maertens ist.
Sarah Viktoria Frick ist ein überzeugender, eigensinnig-kindsgemütiger Merlin, aber statt des versprochenen Märchens gibt es Louis de Funès und seine außerirdischen Kohlköpfe plus Pupswitze. Oft schöne Bilder, viele tolle Schauspieler, und wer in der Pause nicht geflüchtet ist und »keine hôpe mêre« hatte, singt am Schluss »Ginevra, ich minne dich sô sêre«. Warum auch immer.
Tags zuvor im Burgtheater: »Gehört alles der Mama!« In Anlehnung an dessen Gerichtsposse tragen Schauspieler mit René-Benko-Masken diverse Möbel von der Bühne. Doch nicht allein die vielen schrägen und komischen Momente der Aufführung von Elfriede Jelineks »Unter Tieren« – umwerfend Sebastian Rudolph als den Kapitalismus erklärbärender Hase – lassen die knapp vier Stunden nicht lang werden. Seit der Urlesung im Mai ist wenig Zeit vergangen, aber sehr viel Inszenierung entstanden. Elfriede Jelineks großer, großartiger Text kann den Zuschauern so perfekt präsentiert jetzt richtig nahekommen.
Oder? Wie weit will Theater gehen? Die Kapitalismuskritik lassen sich sogar die zum Teil prominenten Nutznießer eines ungerechten Systems gefallen, sie fühlen sich nicht angesprochen, Benko, Marsalek, Porsche – nicht ihre Liga.
Doch dieser Text will schmerzen, will dorthin, wo fast alle schuldig werden, wo wir uns unter Tieren nicht wie Menschen verhalten. Er spricht deutlich vom unsagbar Schrecklichen, das wir ihnen antun, vor allem ihnen, den sogenannten Nutztieren, die nur am (elenden) Leben sind, weil sie uns Nutzen bringen. Keine Lebewesen, sondern Sterbewesen, die einen früher, die anderen später. Kälber schon mit drei bis 24 Wochen, weil ihr weißes Fleisch noch so unschuldig schmeckt und weil sie nutzlos sind, vor allem die männlichen, weil sie Muttermilch trinken wollen, wie jeder Säugling, aber keine geben werden, die doch für uns bestimmt ist, für unsere Knochen und für unsere Kinder. Ich habe selten eine beeindruckendere Szene gesehen, als Mavie Hörbiger mit einem Apfel im Mund, wie ein Schweinekopf, die eine furiose, mit jedem Satz verzweifeltere Anklage schreit, oder der gemeinsam gesprochene Text des ganzen Ensembles über den Verlust des letzten Rests an Würde, wenn die Kuh im Schlachthaus im Blut ausrutscht.
Verliert nicht auch der Mensch seine Würde, wenn er das zulässt, und wenn er wenige Minuten nach diesem Erlebnis am Premierenfeiertischerl steht und ihm die Wurst aus der Tierfabrik schon aus dem Maul hängt, kaum dass die Bravorufe verklungen sind? Hätte es nicht wenigstens eine Nobelpreisträgerin verdient, dass ihre Gedanken von der Bühne bis ins Catering gewürdigt werden? Ins Programmheft (wie auch in die meisten Rezensionen) hat es der tierethische Aspekt leider auch nicht geschafft – wäre es dem Ensemble aber nicht wichtig gewesen, hätte das Thema kaum 50 Prozent der Aufführung bestimmt.
»Verhüllen Sie Ihr Inneres und geben Sie Ruh’«?
Nächste Vorstellungen:
»Merlin oder das wüste Land«: 9., 17. und 30.9.
»Unter Tieren«: 9., 14., 21. und 29.9.
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