Ontologische Wende
Wissenschaftler sprechen von einer »ontologischen Wende«. Gemeint ist, dass Tiere, Pflanzen, Berge, Flüsse und andere Lebensräume, die in der animistischen Weltsicht von Indigenen als Personen wahrgenommen werden, mehr und mehr auch von europäisch denkenden Wissenschaftlern und Politikern als Personen gedacht werden. Dahinter stehen oft regionale soziale Bewegungen von Indigenen.
2008 wurde in der bolivianischen Verfassung die Natur als Rechtssubjekt ausgewiesen. Darin heißt es: »Die Natur oder Pachamama, in der sich das Leben reproduziert und realisiert, hat das Recht, in ihrer Existenz vollumfänglich respektiert zu werden, sowie auf die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen, ihrer Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse.«
Die in Kalifornien lehrende Anthropologin Marisol de la Cadena schreibt in »Die ontologische Wende« (2026) vom Kampf der in den peruanischen Anden lebenden Indigenen um ihren »Heiligen Berg« Ausangate, auf den ein Bergwerkskonzern scharf war. Die Einheimischen befürchteten, dass damit das »mächtige Erdwesen« Unglück über sie bringen würde. Sie wurden von Umweltschützern aus den Städten unterstützt, für die der Glaube an den Berggeist als Akteur allerdings eher ein Aberglaube war.
Ähnliche Auseinandersetzungen gab es wiederum in Peru, wo ein Konzern am heiligen Berg Machu Picchu Gold extrahieren wollte. Marisol de la Cadena fragte einen der Ausangate verteidigenden Aktivisten, ob man die beiden Kämpfe vergleichen könne. »Nein«, meinte er, »sie sind ganz anders. Ich kenne Ausangate viel besser. Ich weiß, was er will, und er kennt mich auch.«
Ich interviewte 2015 einen jungen mongolischen Schamanen. Ihn hatten Arbeiter eines Goldbergwerks nahe Ulaanbaatar aufgesucht. Sie verdienten nicht schlecht, aber es ging ihnen körperlich nicht gut. Er fand heraus, dass der Berggeist ihre Arbeit missbilligte. Zwar wollte er den Arbeitern helfen, aber auch den mongolischen Bergwerksunternehmer nicht brüskieren. Der Konflikt löste sich dergestalt, dass ein Unwetter die Schächte unter Wasser setzte und die Arbeit beendete.
In Australien war es der Berg Ayers Rock, von den Aborigines Uluru genannt. Jahrelang hatte das dort lebende Anangu-Volk gefordert, touristische Klettertouren auf den Uluru zu unterbinden – 2019 trat das Verbot in Kraft. Für die Aborigines wohnt die Regenbogenschlange aus ihrer Traumzeit dort, und die Touristen behandelten ihr Allerheiligstes respektlos.
Die australische Wissenschaftshistorikerin Helen Verran berichtete (in: »Science and Technology Studies«, 2017) von einem Workshop, organisiert von Aborigines, an dem Umweltwissenschaftler teilnahmen, die sich über ihre Strategien beim geplanten Abbrennen von Buschland austauschten. Während erstere über das Land und die Pflanzen dort sprachen, die mit bestimmten Geistwesen der Vorfahren in Verbindung stünden, erklärten die Wissenschaftler ihre Brandexperimente auf kleinen Versuchsfeldern, deren Bewuchs sie vorher und nachher katalogisierten. Die beiden Herangehensweisen waren trotz der Bemühungen auf beiden Seiten nicht zu vereinheitlichen. Auch der zuletzt von den Aborigines entfachte Buschbrand irritierte die Wissenschaftler, denn die Einheimischen nutzten das Feuer zum Jagen von Wild (Känguruhs) und Sammeln von Yamswurzeln, die sie anschließend mit den abwesenden Clans teilten, deren Land sie mit in Brand gesetzt hatten.
Man muss hinzufügen, dass die Kolonisierung des Westens bei den jüngeren Einheimischen dazu geführt hat, dass sie ihre animistischen Vorstellungen zum Teil ironisch oder in Anführungsstrichen äußern.
In einem Gespräch mit zwei Papuas, die in den Bergen des Südostens von Neuguinea als »Health-Officer« arbeiteten (vergleichbar den chinesischen »Barfußärzten«) und sich zwecks Weiterbildung in Manila befanden, erfuhr ich erstens, dass sie die Straßenseite wechselten, wenn ihnen Australier, die ehemaligen Kolonialherren, entgegenkamen: Und dass sie zweitens ganz unterschiedlich mit den animistischen Heilern umgingen. In ihrem Einsatzgebiet behandelten sie oft Schlangenbisse, aber während der eine, wenig selbstbewusste Health-Officer, sie bekämpfte, weil sie mit ihrem »Hokuspokus« den Leuten nur Geld abnahmen, ließ der andere, sehr selbstbewusste, die Heiler gewähren: »Sie murmeln Beschwörungen und schmieren Lehm auf die Bisswunde. Aber das hilft auch – und ich spare meine Medizin.«
Erwähnt sei noch, dass 2014 zwischen der Regierung Neuseelands und den auf der Nordinsel lebenden Maoris ein Abkommen geschlossen wurde, das erstmalig einen Fluss, den Whanganui, rechtlich als Lebewesen anerkannte.
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