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Rock

Bis in alle Ewigkeit

Verlässlich fetzig: Dinosaur Jr.s neues Album »There Near«

Foto: Adam Hampton-Matthews/Avalon.red/IMAGO
Ausgezogen, den College Rock zu zerstören: J Mascis von Dinosaur Jr.

»Zeitlos« ist ein schönes Wort. Auf die dreizehnte Platte von Dinosaur Jr. trifft es voll zu oder eben gar nicht, je nach Standpunkt. Versuchen wir uns also erst einmal historisch, dann privat, schließlich zeitgenössisch »There Near« zu nähern.

Dinosaur Jr., das sind J Mascis, der Mann, der sich mit seinen Gitarren seit Dekaden vor einen Marshall-Verstärker-Turm stellt, Lou Barlow, der sensible Bassist, der gern eigene Projekte pflegt wie andere ihre Gärten, und Murph, der Schlagzeuger. Gegründet hat sich das Trio Anfang der 80er Jahre. Ausgezogen sind sie damals, um den College Rock zu zerstören, Grunge vorzubereiten und Indierock als Ewigkeitsprojekt zu etablieren. Es ist ihnen weitgehend gelungen.

Es gab eine Phase, in der J Mascis ziemlich allein dastand, trotzdem sein Bestes gab, um Airplay bei MTV zu bekommen und viel Geld zu verdienen. Danach passierte lange nichts, bis sich Lou Barlow überlegte, ob er nicht wieder einsteigen sollte. Dann, wir nähern uns der Gegenwart, erschienen immer wieder Platten der Band, die so klangen wie früher, gleichzeitig immer auch ein wenig anders. Sie erschienen zahlreich wie die der Pixies nach der Reunion, wie die von Built to Spill. Scheint so, als ob sie ewig weiter erscheinen werden, anders als Alben von Sonic Youth, R.E.M. oder Nirvana. Hab’ ich alle wichtigen Referenzen genannt? Denke schon.

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Kommen wir zur privaten Annäherung: Erstmals im niederländischen Radio gehört, bei VPRO, liebte ich das Frühwerk innig. »Freak Scene« war eine Hymne, die Coverversion von The Cures »Just Like Heaven« eine Offenbarung. Später, in der J-Mascis-allein-zu-Hause-Phase, sorgte die Band für eine der wenigen Überschneidungen mit meinem damaligen Mitbewohner, der lieber Crossover von den Red Hot Chili Peppers und Clawfinger mochte. Es war das Schluffige, das uns an Dinosaur Jr.s Musik so anzog: Kaugummi kauen als Statement, Wichtigkeitsferne als Leistung, Melancholie, Eigensinn und Höllenlärm. Mit der Zeit war ich dann aber eher gelangweilt; die experimentellen Phasen, als sich Mascis an Metal versuchte, Barlow an Soundcollagen, hatten mir besser gefallen.

Ähnlich geht es mir mit Dinosaur Jr.s Platten seit der Wiedervereinigung. Die sind recht solide, immer irgendwie gut, erzählen stets vom Alleinsein, von Grillpartys, langen Silberhaaren, Rückzugskäffern, während man selbst eine Insel des Widerstands gegen den allgemeinen Schwachsinn da draußen ist, wenngleich eine eingebildete. Stichwort Zeit: Sinnbildlich stelle man sich einen guten Mitfünfziger im Shirt der finnischen Humppa-Band Eläkeläiset vor, der in einem von einem windigen Tourismusunternehmen betriebenen Ferienlager am See Ferien macht und das Shirt auch am dritten Tag beim Minigolf trägt.

Mascis, der immer lieber Neil Young sein wollte, näselt sich auf »There Near« durch neun Songs, von denen manche, etwa der Opener »Several Got Away«, sehr spritzig geraten sind, manche die gewohnte Schluffigkeit mit interessanten Soli zu brechen verstehen – anscheinend hat man sich neue Distortion-Pedale gegönnt. Strophe, Bridge, Refrain, an den grundsätzlichen Songstrukturen wird schon ewig nicht mehr herumexperimentiert. Barlow, der immer lieber Neil Young sein wollte, statt dessen aber Bass spielen musste, darf seine handelsüblichen zwei Lieder beisteuern, deren eines, »Blowin’ Up«, tatsächlich interessant um die Ecke guckt. Das zweite heißt »No Ones Ready«, ist das letzte des Albums, hat sogar eine politische Message: »No, don’t fake me, don’t ya know no one’s ready for your war?« Murph trommelt wiedererkennbar verlässlich und verlässlich wiedererkennbar.

Alles beim alten also. In Zeiten von, sagen wir, Dua Lipa wirken Dinosaur Jr. überraschend fetzig, wie man früher gesagt hätte. Fans wissen, was zu tun ist: sich das Vinyl besorgen und derweil den Rasen vom Mähroboter stutzen lassen.

→ Dinosaur Jr.: »There Near« (Jagjaguwar/Cargo)

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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