Zum Inhalt der Seite
Kino

Die Lichter von Rom

Ein Regisseur, seine Darstellerinnen und ihre Filmphantasie von einem römischen Modehaus in den 70ern: »Diamanti« von Ferzan Özpetek

Foto: missingFILMs
Ein flammendes, sinnliches Rot

Man versetze sich nach Italien. In einen Sommer in den 70erJahren in Rom. War es nicht die Stadt der Liebe damals, mehr noch als Paris? Modernes Design, leuchtende Farben und lautes Lachen prägten das Straßenbild. Auch die Mode, das Schönheitsempfinden, der allgemeine Lebensstil waren von Sinnlichkeit und neuartiger Freiheit geprägt. Seit Anita Ekberg 1960 in »La Dolce Vita« im Trevi-Brunnen gebadet hat, gilt Rom als Hauptstadt ästhetischer Freizügigkeit. In diesen Gefilden spielt »Diamanti« (Diamanten), der neue Film des seit seiner Studentenzeit in Rom lebenden, aus der Türkei stammenden Regisseurs Ferzan Özpetek.

Es geht um eine Gruppe von achtzehn Näherinnen in einem Modeatelier. Die rothaarige Alberta (Luisa Ranieri), die zusammen mit ihrer ruhigeren Schwester das Atelier leitet, hat den Auftrag für einen Historienfilm angenommen. Den Stil des 18. Jahrhunderts will Alberta quasi neu erfinden, aber in dieser Aufgabe verliert nicht nur sie sich beinahe selbst.

Dazu gibt es eine Rahmenhandlung, deren tieferer Sinn sich erst am Ende zeigt. Um die Liebe geht es auch, aber nicht nur um deren Schokoladenseite. Im Gegenteil, Regisseur Ferzan Özpetek integriert in die nostalgischen Reminiszenzen um exotische Kleidungskreationen eine deftige Prise Sozialkritik. Eine der Näherinnen wird von ihrem Ehemann misshandelt, flieht vor ihm ins Atelier, kehrt zu ihm zurück. Das muss sie bitter bereuen. Als er schließlich vom berüchtigten Zigarettenholen nicht mehr heimkommt, wissen alle Bescheid: Der Schuft endete im Brunnen des Wohnblocks.

Anzeige

Eine andere Frau bringt ihr Kind mit zur Arbeit. Alberta ist nicht erbaut davon. Also wird der Junge fortan im Hinterzimmer, einem Lagerraum, versteckt. Zur Belohnung fürs stille Mitmachen erhält der Junge eine Glaskugel mit einem roten Fisch darin. Rot ist auch die Farbe der wichtigsten Modekreationen im Film. Ein flammendes, sinnliches Rot umhüllt als Abendrobe eine Filmdiva. Statt Diamanten glänzen darauf dekorativ geknüllte, knallrote Bonbonpapierhüllen.

Doch dann ist Alberta wie vom Schlag getroffen: Leonardo erscheint, den sie aus ihrer Vergangenheit kennt. Er war wohl ihre große Liebe. Die Luft brennt, die Blicke gehen hin und her, Leonardo (Carmine Recano) verschlingt Alberta regelrecht mit den Augen. Doch ein Happyend gibt es nicht.

Zurück zur Rahmenhandlung in der Jetztzeit: Ein Regisseur lädt Schauspielerinnen auf seine Terrasse, sie lesen gespannt sein neues Drehbuch. Für authentisches Flair ist gesorgt: Ferzan Özpetek spielt sich selbst. Im Rom der 70er Jahre zählen dann wieder die Phantasie der Frauen wie auch das Zwischenspiel, das die Liebe manchmal in unserem Leben einnimmt.

Doch es gibt auch Knatsch: Leonardo schickt Alberta Blumen, erfolglos. Der Filmdesigner ist unzufrieden, und zwar mit der Umsetzung seiner Entwürfe durch die Näherinnen. Zwischen Alberta und ihrer Schwester Gabriella (Jasmine Trinca) kommt es sogar zum großen Streit. Krach auf allen Ebenen. Jemand ruft: »Non è normale!« Nein, normal ist hier nichts, denn es ist ein quirliger, dann wieder andächtiger, mal knallbunter, dann wieder ganz zarter Film.

→ »Diamanti«, Regie: Ferzan Özpetek, Italien 2024, 135 Min., Kinostart: heute

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!