Alles fordern
Rezension: Anna Opel hat das Leben der überzeugten Pazifistin und subversiven Künstlerin Judith Malina durchforstet und lesenswert zu Papier gebracht
Sie hat das Theater in der Nachfolge Erwin Piscators und Bertolt Brechts revolutioniert – die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Judith Malina. »Es gibt stärkere Werkzeuge als Waffen, um eine neue Welt zu schaffen! Finde sie!« – so die am 4. Juni 1926 Geborene, die fest davon überzeugt war, Theater müsse radikal, experimentierfreudig, dezidiert politisch sein, und Kunst könne einen Beitrag zur Veränderung der Welt leisten.
Gemeinsam mit ihrem Lebensbegleiter, dem Schauspieler und Regisseur Julian Beck, der als Bühnenbildner berühmt wurde, hatte Malina 1947 das Living Theatre in New York aus Protest gegenüber dem Unterhaltungstheater des Broadway gegründet und zu ihrem Lebensprojekt gemacht. Es war der Beginn eines neuen Kapitels in der Theatergeschichte, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit. Programme von Konstantin Stanislawski und Antonin Artaud fanden Realisierung, und mit Stücken von Brecht, Jean Genet und W. H. Auden machte das Living Theatre von sich reden. Die erste öffentliche Produktion im Cherry Lane Theatre in Greenwich Village war Gertrude Steins »Doctor Faustus Lights the Lights«, ein Klassiker der literarischen Moderne. Heftige Debatten lösten Malinas Methoden und Absichten aus, Theater neu zu definieren.
Zum 100. Geburtstag der Künstlerin ist nunmehr eine Biographie unter dem Titel »NOW! Judith Malina und das Living Theatre« aus der Feder der Autorin und Übersetzerin Anna Opel erschienen. Sie war Malinas Spuren gefolgt. Briefe und Tagebücher wurden von ihr gesichtet und Gespräche mit Freunden und Weggefährten ausgewertet. Entstanden ist ein eindrucksvolles Porträt der überzeugten Pazifistin und subversiven Künstlerin. Minutiös begleitet die Autorin Malinas Lebensweg und vermittelt uns mit ihrem Buch eindrücklich das Besondere an deren Leben und Wirken: ihre Unermüdlichkeit, ihren Optimismus und ihren Ideenreichtum.
Als Tochter eines Rabbiners und einer Schauspielerin wuchs Judith Malina in Kiel auf, bevor die Familie vor dem Hintergrund des sich radikalisierenden Klimas in Deutschland und des wachsenden Antisemitismus nach New York auswanderte. Hier studierte Malina Schauspiel und Regie bei Erwin Piscator im Dramatic Workshop, wo auch Marlon Brando und Tennessee Williams Schüler waren. Hier lernte die Schauspiel-Elevin eine andere Form des Theaterspielens kennen, das engagierte Theater: »Man muss etwas zu sagen haben, wenn man auf der Bühne steht.« Hier erfuhr sie etwas über die Möglichkeit, das Publikum in das Theatergeschehen einzubinden. Und hier lernte sie die Avantgardekünstlerin Valeska Gert kennen, die in ihrer Beggar Bar Auftritte performte »als Ansammlung irritierender Erfahrungen in einer verrückten Welt«. Gerts Live-Performance avant la lettre inspirierte Malina, Brechts Antigone-Legende in die eigentliche Sprache – die des Körpers – zu übersetzen.
Bekanntheit erlangte Malina mit Inszenierungen bahnbrechender Dramen wie Jack Gelberts »The Connection« – der erschütternden Darstellung von heroinsüchtigen Jazzmusikern, die auf ihren Dealer warten – und Kenneth H. Browns Antikriegsstück »The Brig« vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs: ein Stück bedrückender Aktualität, das Drill und Unterdrückung in einem Armeegefängnis darstellt und strukturelle staatliche Gewalt kritisiert.
Mit der Post-Artaud-Performance »Paradise Now«, die aus Vignetten, rituellen Übungen, Umarmungen und antikapitalistischen Parolen bestand und zum Ziel hatte, gewaltfreie revolutionäre Aktionen über Provokationen zu ermöglichen, machte sich Malinas Living Theatre weltweit einen Namen. Um politische Werke wie etwa das über die Gentrifizierung im Village aufführen zu können, benötigte das Theaterensemble wegen der hohen Mietkosten der Spielstätte viel Geld, das Malina mit der Annahme von Filmrollen – so in der Serie »The Sopranos« – verdiente.
Aus der lebendig geschilderten und lesenswerten Biographie erfahren wir, dass die Theaterkompanie auf Straßen spielte – etwa in den Favelas Rio de Janeiros –, in Fabriken, in psychiatrischen Kliniken und dass sie an Friedensmärschen teilnahm. Die totale Präsenz war ihr wichtig: die Abkehr vom etablierten Theaterbetrieb hin zur offenen Form des Theaters.
In einem Interview mit dem New York Times Magazine formulierte Malina ihr idealistisches wie leidenschaftliches Credo: »Ich fordere alles – bedingungslose Liebe, ein Ende aller Formen von Gewalt und Grausamkeit wie Geld, Hunger, Gefängnisse und Menschen, die Arbeit verrichten, die sie hassen.«
→ Anna Opel: NOW! Judith Malina und das Living Theatre. Aviva-Verlag, Berlin 2026, 296 Seiten, 24 Euro
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