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Comic

Das große Elend

Jean-Pierre Pécaus und Nicolas Otéros Comic »Die Geschichte der Drogen«

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Den Schmerz bekämpfen und danach die Sucht: Fentanyl
Splitter-Verlag
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Splitter-Verlag

Der Comic »Die Geschichte der Drogen« überrascht von der ersten Seite an. Er beginnt mit einer Autoschlange. »Die Appalachen. Normalerweise kommen die Leute zum Jagen oder zum Wandern her. Aber 2006 hätte ein erstaunter Beobachter einen Stau auf der Ausfahrt der Route 52 bemerken können. Wo wollten all diese Leute bloß hin, mitten im Nirgendwo?« Leute gucken aus Autofenstern. »Nach Kermit, einer 382-Seelen-Gemeinde in West Virginia. Die Sav-Rite-Apotheke verkaufte an guten Tagen bis zu 200.000 Schmerztabletten: Hydrocodon, Vicodin, Lortas und vor allem Fentanyl, ein Analgetikum. Fünf Millionen Dosen in zwei Jahren, mehr als in einer Stadt wie Philadelphia. Jim Wooley, der Eigentümer, musste Zelte auf seinem Parkplatz aufstellen, um alle Kunden bedienen zu können, die aus Tennessee und sogar aus dem weit entfernten Florida kamen. Hände reichen Geldscheine, greifen gierig nach Beuteln. Wie war so etwas möglich? Es war das einfachste der Welt: Alle Tabletten waren frei verkäuflich, es genügte ein simples Rezept, um sie sich verschreiben zu lassen. Und Jim schaute nicht so genau auf die Herkunft und die Echtheit der Rezepte. So begann das größte Gesundheitsproblem der Vereinigten Staaten. Und es dauert noch an …«

Immer noch sterben in den USA jährlich mehr als 100.000 Menschen durch Fentanyl und andere Opioide. Prince und Tom Petty waren berühmte Opfer, die allermeisten sind Durchschnittsbürger. Wie konnte es zu dieser Krise kommen? Die massenhafte Verschreibung durch wohlmeinende, von der Pharmaindustrie dazu angehaltene Ärzte ist ein Aspekt, ein anderer das spätere Verbot, als Millionen Menschen hochgradig abhängig waren und sich ihr Dope nun halb- oder illegal besorgen mussten. »Denn wie immer begann das Problem mit einer Lösung und einer revolutionären Entwicklung. Fentanyl, 50- bis 100fach stärker als Morphium, war die Lösung auf dem Schlachtfeld. Es stabilisierte den Verwundeten und ermöglichte, ihn zu evakuieren und ihm das Leben zu retten. Dafür hatte man die neuen Opioide entwickelt: Um Leben zu retten! Seltsamerweise erinnerte sich niemand daran, dass die Chemiker, die das Opium, das Kokain und das Morphium entdeckten, in gutem Glauben genau dasselbe gesagt hatten.«

Überraschend ist auch der Zeichenstil. Die zuletzt bei Bahoe Books erschienenen »unglaublichen« Geschichten der Medizin (jW, 1.12.2025) und des Biers (jW, 6.8.2025) und die nicht minder lesenswerten Historiographien des Geldes (jW, 17.12.2025) und der Naturwissenschaften (jW, 30.1.2026) bei Knesebeck und Kosmos sind bunt, humorvoll, anschaulich, einladend. Das ist ein erprobtes Muster, auch für Biographien. Die abstrahierende Darstellung der Personen vor realistischem Dekor erlaubt die Identifikation mit den Protagonisten: Das könntest du sein, stell dir vor, du hättest damals gelebt. Farbe, Witz und Körperproportionen nehmen dem Erzählten die Schärfe und schaffen heilsame Distanz: Wenn es auch wahr ist, so ist es doch Geschichte, heute sind wir viel weiter.

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Die nun erschienene »Geschichte der Drogen« bei Splitter verfolgt einen semifotografischen Stil: Nicolas Otéro malt hier nicht mehr wie in früheren Werken frei Hand, sondern Fotovorlagen ab, die dann von seiner Frau, der Koloristin Ivers2anes alias Vérane Otéro, sparsam gefärbt werden. Diese unter anderem von Sean Phillips, dem Zeichner der gerade mit dem dritten Sammelband abgeschlossenen und uneingeschränkt lesenswerten Serie »Criminal« (jW, 2.2.2026), oder von Jens Harder in seiner Welt- und Menschheitsgeschichte angewandte Technik wirkt kalt, scharf und realistisch, wo doch gerade das Rauschmittelthema bei allen Gefahren und Nebenwirkungen des Konsums zur phantasievoll verzerrten Darstellung verleiten könnte. Wer denkt bei Drogen nicht zumindest auch ein klein wenig an Party und Bewusstseinserweiterung? Nein, und das ist eine weitere Überraschung: Für den Szenaristen Jean-Pierre Pécau ist die Geschichte der Drogen in erster Linie eine von Reichtum, Macht, Abhängigkeit, Elend und untrennbar mit den Kriegen des Westens verbunden.

Mit denen kennt Pécau sich aus, denn er hat zuvor reihenweise Kriegs- und Heldengeschichten erdacht. Eine Weile verbleibt er in seiner Drogengeschichte bei den Opioiden, dann geht er zweihundert Jahre zurück zum Opium, genauer zu den Kriegen, die das britische Empire gegen China führte, um den äußerst lukrativen »Freihandel des Giftes«, wie Marx ihn nannte, zu erzwingen. »Das Opium wurde zum Symbol der kolonialen Unterdrückung in China. Und es ist keineswegs paradox zu denken, dass die Entwicklung des Imperialismus damit einherging, den Chinesen Opium aufzuzwingen, um den Freihandel durchzusetzen … und dass sich die Situation 200 Jahre später radikal gewendet hat, als man Beijing aufforderte, den Export von Fentanyl-Vorprodukten nach Mexiko einzustellen.«

Pécau entgeht natürlich nicht, dass es neben der Kriegs- auch eine Kulturgeschichte der Rauschmittel gibt. Dumas, Baudelaire und Gautier waren berühmte Haschischesser (frz. hachishin), doch es ist wohl ein Mythos, dass ihre orientalischen Vorläufer bereit waren, für ihre Droge Morde begehen (hachishin ≈ assassin). Auch Pilze, LSD und andere durch Nasen, Mägen, Lungen und Adern indigener Völker und berühmter westlicher Künstler gegangene Mittel führt er auf, aber der Fokus bleibt auf dem Elend, dass einige von ihnen bei den Konsumenten verursachen und auf den Kriegen, die mal zu ihrer Verbreitung, mal zu ihrer Eindämmung geführt wurden. Gerade die Naturvölker haben über Jahrtausende gezeigt, dass der Gebrauch von Drogen eine menschliche Grundkonstante ist und unter selbstbestimmten und nicht entfremdeten gesellschaftlichen Bedingungen – also anderen als unseren – keine Ursache von Krankheit und Verelendung, sondern eine Bereicherung bedeutet. Bis dahin gilt aber: Finger weg!

→ Jean-Pierre Pécau (­Szenario), ­Nicolas Otéro (Zeichnungen), ­Ivers2anes (Koloration): Die Geschichte der Drogen. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter-Verlag, ­Bielefeld 2026, 136 Seiten, 25 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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