Die Spucke weg
Nix wie hin: Das 79. Volksstimmefest in Wien
In Österreich ist Sprachskepsis seit Karl Kraus ein großes Thema. Zuletzt kam der Lord-Chandos-Brief jedoch verspätet an – dabei könnte die Kritik am sozialdemokratischen Herrschaftsjargon derzeit nicht größer sein. Auch im »Roten Wien«, das sich gern als Welthauptstadt des sozialen Wohnbaus inszeniert, läuft im Hintergrund längst die Begleitmusik der Immobilienindustrie. Das von der SPÖ dominierte Rathaus behandelt den privaten Wohnbau als notwendigen Partner; über die stadteigene Immobiliengesellschaft »Wien-Holding« macht sie ihm und seinen Exponenten gern Avancen.
Wie praktisch, dass Ernst Nevrivy, SPÖ-Bezirksvorsteher von Wien-Donaustadt, erst vor wenigen Tagen erläutert hat, wieviel Gemeindebau die Stadt Wien seines Geschmacks nach wirklich braucht. Gegenüber dem jüngst auf Druck der Öffentlichkeit zurückgetretenen Wirtschaftskammerboss Walter Ruck soll er erklärt haben, Wien benötige keine 220.000 Gemeindewohnungen; 100.000 oder 150.000 täten es auch. Einen Teil davon könne man einfach »verklopfen«. Den Vorschlag von Altbürgermeister Michael Häupl, wieder Gemeindebauten zu errichten, nannte er demnach »völligen Schwachsinn«. Darüber gesprochen hat er, ganz privat, im Weinkeller von Walter Ruck – dort, wo die Herrenrunde der Republik wirklich tagt. Letzterer beschwerte sich kurz vor seinem Rücktritt am selben Ort über SPÖ-Vizebürgermeisterin Barbara Novak: »Heast, ich will nicht mit einer Frau. Da kann ich nicht in den Weinkeller runtergehen, was ist des?« Auch beim sozialen Wohnbau heißt es also: »Reform«.
Doch jeder Skandal in Wien hat stets das Pech, nur bis zum nächsten der jüngste zu sein. In Floridsdorf, einem Stadtrandgebiet im Nordosten Wiens, verschwand zuletzt der Name einer der wichtigsten »Töchter« der Stadt von der Fassade einer eben erst errichteten Schule für Elementarpädagogik. Margarete Schütte-Lihotzky, erste Architektin Österreichs, Erfinderin der Frankfurter Küche, Unterstützerin der Siedlerbewegung der 1920er, Kommunistin, Widerstandskämpferin und Exilantin in der ehemaligen Sowjetunion, war der rot-pinken Kürzungskoalition womöglich zu lang, zu links oder beides.
Und so bleibt als oppositionelles Terrain zur Politik der Rathäusler neben der Lobau nur mehr der Grüne Prater. Auf der dortigen Jesuitenwiese findet am 5. und 6. September das 79. Volksstimmefest der KPÖ statt. Vor Ort aufspielen werden unter anderem Attwenger, Kreisky, Birgit Denk und das Postpunkduo Laut Fragen; neben »Kinderland«-Aktivitäten und Blitzschach wird es Arbeiterlieder und Diskussionen über Wiederaufrüstung und Demilitarisierung geben, mit Zelten vom Frauen*punkt bis zum Gewerkschaftlichen Linksblock (GLB). Da bleibt einem fürs erste nur die Spucke weg – und bis auf weiteres nicht mehr viel zu sagen. Außer das: »Genossen, kommt rüber zu euren Leuten!« Oder auf Wienerisch: »Kummt’s uma zu eichre Leit.«
→ Volksstimmefest 2026, 5. und 6. September, Jesuitenwiese im Wiener Prater, Eintritt frei
→ www.volksstimmefest.at
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