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Kino

Mann stellt sich Deutschland

Zwei Zonen, zwei Goethe-Preise, zwei Empfänge mit Amtsträgern, Festakten und Blitzlichtgewitter. Dazwischen: Thomas Mann, der in sein Geburtsland zurückkehrt

Foto: Neue Visionen
Empfang hier, Empfang da, Thomas Mann und Erika

Man kann von Mann nun halten, was man mag: Dieser Film hat das Werk des Schriftstellers höchstens indirekt zum Gegenstand. Auch die Person Thomas Mann, seine Beziehungen, sein Denken spielen eigentlich untergeordnete Rollen, denn im Rampenlicht steht das »Vaterland«. So lautet der Titel des Films von Paweł Pawlikowski, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Es geht um das Deutschland der Nachkriegszeit, oder genauer: die zwei Deutschlands und die Deutschen, ihre Rolle in der Welt.

Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (1875–1955) ging 1933 ins Exil und übersiedelte 1938 in die USA. Erst 1949 betrat er wieder deutschen Boden, und hier setzt der Film ein: Mann, gespielt von Hanns Zischler, soll zum 200. Geburtsjahr Goethes zunächst den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main in der amerikanischen Besatzungszone, danach den Goethe-Nationalpreis im Weimar der sowjetischen Besatzungszone erhalten. Die Erzählung hält sich nicht genau an das, was war. So wird der Protagonist im Film von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) flankiert, während Mann, der echte, von seiner Ehefrau Katia begleitet wurde. »Dabei haben wir uns bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben«, erklärte Regisseur Pawlikowski.

Nur, was ist die Wahrheit der Geschichte? Laut dem Filmemacher: Manns »Versuch, die Teilung und die zunehmende ideologische Polarisierung seines Landes zu überwinden«. Der Rückkehrer steht zwischen zwei Welten. »Es ist der Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, die Auseinandersetzung über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes«, hört man ihn sagen. Der Mann von Welt will sich dezidiert auf keine der beiden Seiten schlagen, riskiert er dadurch doch einseitige Vereinnahmung. Entsprechende Gegenüberstellungen liefert Pawlikowski durchweg. »Auf welcher Seite stehen Sie, Stalin oder Micky Maus?« lässt er Manns Sohn Klaus (August Diehl) gleich zu Beginn sarkastisch fragen. Dann folgen, im groben: zwei Zonen, zwei Goethe-Preise, zwei Empfänge mit Amtsträgern, Festakte und Blitzlichtgewitter.

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Ähnliche Szenen, aber in Frankfurt scheinen die Menschen lebensfroher. Nur sind die, die sich des Lebens freuen, hier Exnazis – wie Erika Manns Exmann Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff), seines Zeichens Schauspieler und Protegé Hermann Görings, wofür sich zumindest der fiktive Gründgens eine Ohrfeige einfängt. In der Sowjetzone trifft das Vater-Tochter-Duo den Verfasser der DDR-Nationalhymne und späteren DDR‑Kulturminister Johannes R. Becher (Devid Striesow), der immerhin die Vision eines besseren Deutschlands hegt. Keine Nazis hier, dafür Überwachung und politische Verfolgung, wie in einer Szene angedeutet wird, ohne dass Mann dadurch von seinem Neutralitätskurs abweicht. »Ich stelle mich«, sagt dieser. Und zwar so: »Ich kenne keine Zonen. Mein Besuch gilt Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.« Stalin, Micky Maus, dazwischen: Mann.

Zwischen zwei Welten stand der reale Mann auch, weil er sich in der Welt der Politik eigentlich nicht zu Hause fühlte. Aber es gebe »Augenblicke des Gemeinschaftslebens«, in denen »der Künstler von innen her nicht weiterkann, weil unmittelbarere Notgedanken des Lebens den Kunstgedanken zurückdrängen«, hatte er in seiner »Deutschen Ansprache« von 1930 konstatiert. Das Thema »Deutschland« war dem in Sachen Antifaschismus zunächst eher zurückhaltenden Künstler natürlich nicht fremd. Er beschäftigte sich mit den Deutschen, suchte nach oder unterstellte dem »deutschen Volk«, der »natürlichen Anlage nach nicht radikalistisch« zu sein, und versuchte, »das Politische«, etwa das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 14. September, nicht »als ein reines Produkt des Wirtschaftlichen« zu begreifen, sondern den »Seelenzustand« der Deutschen auch aus einer »politischen Leidenschaft«, einem »politischen Leiden« heraus zu verstehen.

Politisches Vermögen kommt im Film eher von Manns Kindern. Erika Mann weiß, dass die Nichtpositionierung ihres Vaters Impotenz ist. Klaus Mann fragt nach den Beweggründen der Deutschen: »Die haben alles kurz und klein geschlagen, und jetzt soll er ihnen helfen, ihr Gewissen zu erleichtern?« Seiner Einschätzung »Wir sollten uns alle umbringen« kommt er wenig später individuell nach, was die emotionale Ebene des Films markiert und Raum für bemerkenswerte schauspielerische Leistung Sandra Hüllers gibt.

Bemerkenswert ist »Vaterland« ohnehin. Die Darstellung eines nur zögerlich politischen Mannes in einem höchst politischen Moment der Geschichte muss schwierig sein, gelingt aber – einigen pathetischen Szenen zum Trotz. Keine endlose Überhöhung der Mannschen Manier, dafür sorgt unter anderem das Korrektiv der Kinder. Und keine Langeweile: Pawlikowski nimmt sich den Rat Erikas, ihr Vater solle einen Absatz mit zu vielen Relativsätzen streichen, auch selbst zu Herzen. Auf nur 82 Minuten Spielzeit, in Schwarzweiß und im kleinen 4:3‑Format, zeigen alle, was sie draufhaben.

→ »Vaterland«, Regie: Paweł ­Pawlikowski, Polen/Deutschland/Italien/Frankreich 2026, 112 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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