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Tugend

Foto: Johann Heinrich Tischbein der Ältere/wikimedia
»Herakles am Scheideweg« von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1779/1780)

Wer Tugend sagt, sagt Laster. So die Gewohnheit. Tugend bedeutet moralische Vortrefflichkeit, sittliche Strenge, Triebkontrolle. Laster so viel wie schlechtes, verbotenes Vergnügen. Das Begriffspaar scheint heute leicht angestaubt. Wer es benutzt, setzt sich dem Verdacht aus, von Kubitscheks Ziegenkäse genascht zu haben.

Begriffe haben eine Geschichte. Tugend geht auf das althochdeutsche »tugund« zurück, »taugen« und »tüchtig« sind Derivate. Ursprünglich zielt das Wort nicht auf sittliche Vollkommenheit, vielmehr auf die Tauglichkeit eines Menschen. Etabliert wurde es mit der Übersetzung antiker Texte, der römischen »virtus« und der griechischen »arete«. Arete bedeutet ziemlich das: Tauglichkeit.

Antike und neuzeitliche Ethik unterscheiden sich nicht erst in den Antworten, schon die Fragen waren ganz andere. Bei allen Gegensätzen zwischen Aristoteles, Platon und Stoa, allen Widersprüchen zwischen Aquin, Kant und Mill, die Differenz lässt sich in eine Formel bringen: Die Ethiker der Neuzeit beurteilen die einzelne Handlung, die antiken Ethiker fragen nach der zugrundeliegenden Haltung. Klingt harmlos, hat aber Folgen. Bereits der Mythos gibt ein archaisches Abbild der Tugendethik. Herakles steht am Scheideweg zwischen Arete und Kakia: Tauglichkeit und Unzulänglichkeit. Arete weist den harten Weg der Arbeit, an dessen Ende ein distinktiver Gewinn liegt, den man ohne die Mühe nicht hätte. Kakia stellt das reine Vergnügen in Aussicht, das den Weg zum tieferen Glück abschneidet. Ohne Fleiß kein Preis, sagt die Omma heute.

In Platons Kardinaltugenden Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit mag das Neuzeitliche (Belehrende, Imperative) schon anklingen, doch für ihn wird das Gute bewirkt, indem jeder Einzelne dem ihm von Natur aus Eigenen folgt. So werde es ihm wie auch der Gesellschaft gut gehen. Doch für diese Setzung benötigt Platon eine Klammer, den ethischen Intellektualismus. Unzulängliches Handeln folgt immer aus Unwissen, von Natur handele niemand schlecht.

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Aristoteles hat das durch die Unterscheidung dianoetischer und ethischer Tugenden aufgehoben, Intellektualität also und Sozialverhalten. Während phronesis (praktische Vernunft) und sophia (Weisheit) auf ein Höchstmaß zielen, geht es bei ethischen Tugenden wie andreia (Mut), sophrosyne (Besonnenheit), eleutheriotes (Großzügigkeit) oder aletheia (Ehrlichkeit) um eine Mitte. Mut zum Beispiel wäre die Mitte aus Feigheit und Tollkühnheit. Kakia und Arete stehen damit in einem Privationsverhältnis zueinander. Arete bezeichnet den bestmöglichen Zustand eines Subjekts gemäß seiner eigenen Natur, Kakia die Abwesenheit von Eigenschaften, die es seiner Natur nach haben müsste. Ein Hamster kann nicht ungerecht sein, ein Mensch schon.

Ethische Tugenden sind nun für Aristoteles nicht Ergebnis von Erkenntnis, sondern von dauerhaft eingeübten Handlungen. Wer anhaltend gerecht handelt, wird gerecht. Zweck des Ganzen ist dabei nicht Übereinstimmung mit moralischen Vorschriften. Man findet in der »Nikomachischen Ethik« keine Handlungsanleitung. Die durch anhaltendes Handeln ausgebildeten Tugenden dienen dem Ziel, glücklich zu sein.

Glück als letztes Ziel aller Ethik bleibt auch in der späteren Antike, in der Stoa etwa, wesentlich. Über Plotin und Cicero beginnt dann eine Entwicklung, die den Zugriff des Christentums auf das Konzept vorbereitet. Im Neuen Testament finden sich Kataloge von Tugenden und Lastern, Moralität und Imperativ werden implementiert. Im Laster klingt die Sünde immer mit. Thomas von Aquin übernimmt Platons Kardinaltugenden, fügt ihnen allerdings den Glauben hinzu. Der Mensch sucht jetzt nicht mehr sein Glück gemäß seiner Natur, er soll in Harmonie mit der göttlichen Ordnung leben.

Mit Kant wird diese Entwicklung im Grunde abgeschlossen. Der kategorische Imperativ sperrt Gott aus der Gleichung aus, an dessen Stelle tritt das allgemeine Handlungsgesetz. Der Mensch soll stets so agieren, dass sich aus seiner Handlung ein allgemeiner Grundsatz ableiten lässt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.09.2026, Seite 14, Feuilleton

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