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Neue Konstellation
Radsport: Pogačar scheidet nach Sturz aus der Vuelta. Das Rennen um die Gesamtwertung wird knapper
Es war nicht der berüchtigte Schmetterling, der einen Orkan auslöst, es war ein Pflasterstein auf der CV 675 unweit Valencias, der am Samstag um 16.40 Uhr die determinierte Ordnung der Radsportwelt zum Einsturz brachte. Das Peloton rollte mit 50 Kilometern pro Stunde, Tadej Pogačar sah das faustgroße Stück auf dem Asphalt nicht kommen, sein Rad flog durch die Luft, Schlüsselbein und Halswirbel gebrochen, Vuelta beendet, der Rest der Saison wahrscheinlich auch.
Auf der achten Etappe ist eine fabelhafte Serie gerissen. Seit Juli 2023, der großen Niederlage gegen Jonas Vingegaard, hatte Pogačar jede Rundfahrt, bei der er am Start stand, gewonnen: neun von neun. Seit seinem ersten Grand-Tour-Sieg 2020 bis zum Start der laufenden Vuelta waren es 22 Rundfahrten, von denen er 19 gewann. 86 Prozent über sechs Jahre hinweg. Wie außerhalb aller Verhältnisse diese Zahlen sind, wird deutlich, wenn man die Prime anderer Grand-Tour-Sieger danebenlegt. Vingegaard gewann zwischen 2021 und 2026 13 von 26 Rundfahrten (50 Prozent), Chris Froome kommt zwischen 2011 und 2018 auf 39 Prozent, Miguel Indurain zwischen 1991 und 1996 auf 43, Eddy Merckx, der Größte der Großen, zwischen 1968 und 1974 auf 69 Prozent.
Pogacar hat den Sport verändert, zum Cycling Manager Game degradiert. Bend it like Hannibal Smith, mit Zigarre im Mund ab zum Siegerinterview: Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Im Treiben des besten Radsportlers der Welt ging es nicht mehr um den ganz großen Lebenstraum, nur noch um Vervollständigung und Abrundung. Paris–Roubaix: das letzte der fünf Monumente noch. Baskenlandrundfahrt: die noch verbleibende Major Tour. Vuelta: das letzte Stück zum Grand-Tour-Tripple. Montreal: der dritte WM-Titel in Folge. Lombardei: sechsmal in Serie. Pogačar hat aus dem Radsport eine Briefmarkensammelei gemacht.
Das ging, so beeindruckend es war, zu Lasten der Spannung gelegentlich, und sowenig man einem Fahrer einen Sturz wünscht, im Kampf um die Gesamtwertung ist nun wieder Musik. Enric Mas, der im modernen Radsport, wo man ohne explosive Antritte eigentlich nicht mehr gewinnen kann, stets etwas aus der Zeit gefallen wirkt, liegt nach dem Ende der neunten Etappe am Sonntag auf Platz eins. Auf Rang zwei mit 1:18 Minuten Rückstand wartet Primož Roglič, der Mas im Zeitfahren noch zu Leibe rücken könnte. Sollte er die laufende Vuelta gewinnen, wäre das sein fünfter Titel, was ihn zum alleinigen Rekordsieger dieser Rundfahrt machte. Auf Rang drei liegt Felix Gall, auch er befindet sich in Schlagdistanz, mit 1:39 Minuten Rückstand. Mas scheint in guter Verfassung, zu wünschen wäre der Sieg dem soliden, kalkuliert fahrenden Kletterer allemal.
Begonnen hatte die Woche mit einer Anekdote. Auf der dritten Etappe nach Font Romeu war das Feld von Schnee und Hagel überrascht worden, binnen Minuten fiel die Temperatur von 38 auf sieben Grad. Die Fahrer bogen kurzerhand in ein Hotel nach rechts ab, die Etappe wurde annulliert, das Hotel erhielt später eine Welle von positiven Bewertungen. Gute Unterkunft, nur nicht genug Fahrradständer usw. Radsport im Social-Media-Zeitalter.
Auf der vierten Etappe am vergangenen Dienstag machte Pogacar dann in der Gesamtwertung scheinbar alles klar. Der Rennverlauf wirkte wie ein Abguss der sechsten Etappe der Tour de France im Juli. Wieder hatte die Konkurrenz früh Tempo gemacht, diesmal Decathlon für Felix Gall. Die Taktik irritierte viele, schließlich nahm man damit UAE die Arbeit ab, und je früher das Rennen schwer ist, desto besser eigentlich für Pogačar, der ja seine Stärke vor allem daraus zieht, dass er nach langen Belastungen immer noch seinen zweiten Motor (den anaeroben) voll aufdrehen kann. Tatsächlich aber war Decathlons Ansatz so absurd nicht, lediglich Ausdruck davon, dass man von vornherein gar nicht auf Platz eins fuhr. Die Tempoverschärfung sollte Galls Konkurrenten im Kampf um Platz zwei mürbe machen. Pogačar fuhr erwartungsgemäß sein eigenes Rennen, attackierte 50 Kilometer vor Schluss und gewann – wie bei der sechsten Tour-Etappe im Sommer – auf allen Terrains Zeit: im Anstieg, im Flachen und in der Abfahrt. Seine Verfolger fuhren 2:39 Minuten nach ihm durchs Ziel, der Abstand zu Platz zwei im Klassement war schon auf 3:21 Minuten gewachsen, im Rest der drei Wochen schien es nur noch um Minutenkosmetik und Etappensammelei zu gehen.
Der Donnerstag, auf dem Weg nach Castello, brachte dann wenigstens eine kurze Irritation, als Mas gelang, im steilsten Abschnitt des letzten Anstiegs, einem Schotterabschnitt zudem, eine Lücke zu Pogačar wieder zuzufahren. Der hatte über Funk falsche Informationen und mit seinen Kräften gehaushaltet. In der folgenden Abfahrt kam er noch von der Straße ab, setzte sich aber dennoch im Sprint gegen Mas durch.
Nachdem der Erstplazierte am Samstag die Rundfahrt verlassen hatte, konnte Mas am Sonntag auf der neunten Etappe zeigen, dass er Rang eins nicht bloß geerbt hat. Zwei Attacken auf dem 22 Kilometer langen Alto de Aitana genügten, sämtliche Konkurrenten bis auf Oscar Onley zu distanzieren. Er geht nun als Favorit in die kommende Woche. Und – zumindest aus spanischer Sicht – als Erlöser. Acht Jahre ist es her, dass zum letzten Mal ein Spanier das rote Trikot getragen hat.
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