Ketchup auf dem Boden
Stereo Total noch mal: Brezel Göring verfilmt in »Für immer 16« das Romanfragment seiner verstorbenen Partnerin Françoise Cactus
Sicher ist »Für immer 16« auch ein Film für und über Françoise Cactus, die 2021 viel zu früh verstorbene Sängerin der Berliner Band Stereo Total. Brezel Göring, ihr Partner in Liebe und in Kunstverbrechen, verfilmt mit zwei lachenden und einem weinenden Auge das Fragment ihres Romans bzw. Drehbuchs. Alles an diesem Film strahlt absurd und bemüht sich auch durchweg um diese Aura. Oder halt auch nicht – der Untergrund ist ja längst zum Förderhort des Obergrunds geworden. Zwanzigmal vier verdaute Schichten von Ironie kann die Generation Faktencheck viel besser und noch dazu achtsam in Rücksichtnahme auf wirklich jede Halluzination von Ungerechtigkeit verarbeiten. Auf den Sack gehen ist paritätisch geworden. Lustig sein ist saugefährlich. Egal, Göring, der im Alter von 59 Jahren zuvor noch nie Langfilmregie geführt hatte, macht es einfach. Er holt sich einen Kameramann, der eigentlich Produzent ist (Stephan Holl). Und ein paar Schauspieler ohne und mit sehr viel Schauspielerfahrung. Selbstverständlich alles auf Super-8 ohne Tonspur, dafür asynchron nachsynchronisiert und mit Stereo-Total-Soundtrack.
Lilith Stangenberg alias Charlotte spielt neben ihren Freundinnen Mücke alias Helena und Chang Wang alias Oskar. Die drei fahren in den Urlaub nach Sizilien, waren einst gemeinsam die Enfants terribles. Charlotte zahlt, ist als einzige als Schauspielerin erfolgreich. Die anderen beiden dümpeln so beiläufig kunstproduzierend in Berlin rum, wie man halt so rumdümpelt in Berlin. »Arm aber sexy«, elf Buchstaben purer Hass formten die Bewohner der Stadt. Taschengeld gibt Charlotte ihnen im Urlaub, der sie alle drei eigentlich vom ersten Tag an kollektiv anödet. Da fläzen sie jetzt am vermüllten Strand und dürfen nicht schwimmen. Starker Wellengang auf dem windstillen Meer. Die Kamera ist unscharf, der Ton passt nicht auf die Lippen. Die eine verkauft sich, die andere frustriert sich, der/die andere gibt den Geist auf. Könnte auch der verschollene dritte Teil von Rosa von Praunheims »Bettwurst« sein. Die dämlichen Dialoge, die starren Situationen, die emotionalen Ausbrüche im unpassenden Setting. Dazu noch ein Mord mit viel Ketchup auf dem Boden. Das geht im Paralleluniversum der distinguierten Körper-, Gesichts- und Wortspastik freilich nur makaber und bizarr. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, John Waters, zum 80. Geburtstag. Eine richtig eklige Divine gibt es leider nicht, alle sind eigentlich zu SO36-sexy, inklusive Minimal-Synth-Männermodel Twiggy alias Rudolph mit Tätowation, Hosenträgern, F.S.K.-Shirt.
Wenigstens »spielt« die Stangenberg halbwegs, kann wohl nicht anders, trotz gegenteiliger Regieanweisung, oder soll nicht anders, weil: Kontrast. 74 Minuten trägt das »witziche« Popfilmchen kaum, zum Glück kommt immer wieder Musik. Françoise aus dem Off macht das Hitzeflirren sympathisch, erinnert, welchen Geistes Kind diese Dramasabotage ist. 50 Minuten hätten aber auch gereicht. Es fehlen Ideen im Drehbuch, und egal ob mit oder ohne Metaspaß auch der Gag abseits vom Selbstzweck. Für Fans, Nostalgiker und Ulknudeln aus Kreuzberg ist das sehenswert, denn »Für immer 16« ist wohl auch das letzte Ausrufezeichen hinter dem Schlusspunkt von Stereo Total.
→ »Für immer 16«, Regie: Brezel Göring, BRD 2026, 73 Min., bereits angelaufen
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