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Radsport

Schweres Gepäck

Radsport: Tadej Pogačar bestimmt vom ersten Tag an das Geschehen der Vuelta

Foto: Manon Cruz/REUTERS
Erst mal ’n Bier: Champion vor dem Start

Und dann kam Pogi. Wie ein Messias wurde der Mann bei der diesjährigen Ausgabe der Vuelta empfangen, die am Wochenende gestartet ist. Hier, wo er als Neoprofi seine Laufbahn begonnen hatte. 2019, mit einem dritten Platz im Classement und drei Etappensiegen, bei seiner ersten Grand Tour überhaupt. »Wir betrachten es als einen echten Erfolg, dass Tadej kommen kann«, hatte Renndirektor Javier Guillén Anfang August gesagt. Selbstvertrauen klingt anders. Die Spanien-Rundfahrt steht seit je im Schatten des Giro, im Schatten der Tour ohnehin.

Pogacar verfolgt seinen eigenen Plan. In diesem Jahr konnte er drei weitere Häkchen machen: Tour de Romandie, Tour de Suisse und – im sechsten Versuch – Mailand–Sanremo gewinnen. Lediglich vier Rennen bleiben damit, die er noch gewinnen will. Mit der Baskenlandrundfahrt die letzte Majortour, mit Paris–Roubaix das letzte Monument, das Olympische Straßenrennen und eben die Vuelta, die er wohl noch dieses Jahr von der Bucketlist nehmen kann.

Die Konkurrenz im Classement scheint beherrschbar, deutlich schwächer als die bei der Tour im Juli, wo Pogačar bereits leichtes Spiel hatte. Der vierfache Vuelta-Sieger Primož Roglič dürfte keine Rolle spielen, Enric Mas könnte sich, wie üblich, konstant und unspektakulär aufs Podium dieseln, Richard Carapaz hat in den letzten Jahren eine Konstanz über drei Wochen hinweg vermissen lassen, für Oscar Onley, Sepp Kuss, Tobias Halland Johannessen und Mattias Skjelmose ist das Podium drin. Pogačars härtester Konkurrent dürfte Felix Gall sein, der im Frühjahr beim Giro Platz zwei belegte.

Die Streckenführung der Vuelta irritiert auch dieses Jahr. Der allgemeine Trend weg von reinen Sprintetappen zeigt sich hier in extremer Gestalt. Bis zur 16. und 17. Etappe sind alle Abschnitte hügelig bis bergig. Bei diesen beiden bleibt es dann auch, weshalb nicht verwundert, dass erstklassige Sprinter nicht am Start sind. Abgesehen von Matthew Brennan, der mit 21 Jahren eine Handbreit unter Weltklasse fährt.

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Im Zeitfahren zum Auftakt in Monaco belegte Brennan den 16. Platz, 16 Sekunden hinter Pogačar, der den Tagessieg holte. Gewöhnlich fährt Pogačar bei kürzeren Time-Trial-Kursen vorn mit rein, hat aber meistens ein oder zwei Spezialisten vor sich. Wie Ethan Hayter, der auf Rang zwei landete, oder Joshua Tarling, der den dritten Platz belegte. Tarling war mit schwerem Gepäck an den Start gegangen. Vor anderthalb Wochen starb sein 19 Jahre alter Bruder Finlay bei der Portugal-Rundfahrt, als er mit einem entgegenkommenden Auto kollidierte, das zu früh auf den abgesperrten Kurs gelassen wurde. Wie Pogacar am Samstag mitteilte, wollte er Tarling den Sieg überlassen, als er jedoch bei der Zwischenzeit Hayter vor Tarling liegen sah, legte er zu, holte vier Sekunden auf und siegte äußerst knapp mit neun Hundertsteln.

Und das gar nicht so überraschend. In seiner Profi­laufbahn hat Pogačar 53 Zeitfahren bestritten, zehn davon gewonnen, 22 auf dem Podium beendet. Dass er als guter, nicht aber exzellenter Zeitfahrer gilt, hat damit zu tun, dass er eigentlich kein genuiner Zeitfahrer ist. Auf flachen Kursen profitiert er von seinen beträchtlichen Wattzahlen, hat aber leichte Defizite in der Aeroposition auf der Zeitfahrmaschine. Bei mehr Höhenmetern tritt die Aerodynamik gegenüber dem Verhältnis Watt pro Kilogramm Körpergewicht zurück, entsprechend gewinnt Pogačar Zeitfahren eher auf bergigeren Kursen.

Die Strecke in Monaco war flach, doch auch technisch, eng und kurvenreich: mit Start im Casino von Monte-Carlo, dann der berühmten Haarnadel­kurve des Formel-1-Kurses, mehreren Tunneln und einer Durchfahrt im Chapiteau de l’Espace Fontvieille (dem Zelt, worin das Zirkusfestival stattfindet). Wie auch in der Abfahrt vor Sanremo profitierte Pogačar, der in Monaco lebt und an seinem Apartment vorbeifuhr, von seiner Ortskenntnis. Auf einem Kurs zudem mit vielen engen Kurven spielt Aerodynamik eine untergeordnete Rolle. Desgleich ist Krafteinteilung im aeroben Bereich hier zweitrangig, mit Wattkalkulationen kommt man auf einem solchen Kurs nicht weiter. Mit technisch präzisem Kurvenfahren und der Fähigkeit, immer wieder zu beschleunigen, der mehr oder weniger kontrollierten Nutzung anaerober Kapazität also, schon eher. Zwei Erfordernisse, die Pogačar, der mit technisch anspruchsvollen Strecken und ständigen Tempowechseln gut klarkommt, liegen.

Entsprechend fuhr der Favorit am ersten Tag ins Führungstrikot, und wichtiger noch: Die direkte Konkurrenz um den Gesamtsieg war bereits am ersten Tag empfindlich distanziert. Gall hat auf der kurzen Strecke 46 Sekunden verloren, Mas 33, Skjelmose 29, Johannessen 23. Auf der zweiten Etappe kamen dann weitere Sekunden hinzu.

Hier, auf den 202 Kilometern von Monaco nach Manosque, siegte erwartbar souverän der zugleich bergfeste Sprinter Brennan vor Pau Miquel, der überraschend auf Platz zwei fuhr, und Pogačar, der sich den dritten Platz und vier Sekunden Bonifikation holte. Zuvor war eine Attacke von Wout van Aert vereitelt worden, und nachdem Skjelmose jetzt bereits 33 Sekunden, Mas 37, Onley 54 und Gall 1:08 Minuten Rückstand haben, scheint die Vuelta dasselbe Schicksal zu erleiden wie im Juli die Tour: bereits entschieden sein, noch ehe sie richtig losging.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 16, Sport

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