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Am Rande der Existenz

Ernteausfall und Bauernkrise

Foto: IMAGO/serienlicht
Marktmacht und monopolartige Strukturen im Lebensmitteleinzelhandel verschärfen die bäuerliche Misere

Die Felder reißen auf, die Ernten brechen ein. In Süddeutschland drohen Totalausfälle – Weizen, Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Sojabohnen. Die Dürre frisst sich durch die Ackerlandschaften. Bauernvertreter sprechen von einer »brutal angespannten« Lage. Recht haben sie. Der Befund ist eindeutig: Die Höfe stehen am Rand der Existenz.

Futter wächst kaum nach. Kühe geben weniger Milch. Manche Betriebe schlachten früher, weil die Tiere nicht mehr versorgt werden können. Wer noch Pflanzen schützen oder düngen will, kann oft die Rechnungen nicht bezahlen. Liquiditätskredite, Überbrückungsdarlehen – kurz: die Verschuldungsspirale dreht sich immer schneller.

Zumal gleichzeitig die Kosten steigen. Diesel, Energie, Betriebsmittel. Die Erzeugerpreise für Agrarprodukte bleiben hingegen niedrig. Eine Kalkulation, die für viele landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr aufgeht, nicht mehr aufgehen kann.

Was macht Bundesagrarminister Alois Rainer? Er beobachtet. Der CSU-Politiker reist über ausgedorrte Felder – und zeigt sich »tief besorgt«. Und hält das gelockerte Lkw-Sonntagsfahrverbot für einen »wichtigen und pragmatischen Schritt« für die Agrarlogistik. Im gleichen Atemzug verweist der Ressortchef auf die Länder. Die seien für Hilfsmaßnahmen bei Extremwetterereignissen wie Trockenheit verfassungsrechtlich in der Pflicht. Eine Verantwortungsabgabe, die Rainer zupass kommt. Während Bauern vielerorts um ihre Zukunft kämpfen.

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Dabei ist die Realität auf den Feldern längst weiter: Millionen Tonnen Getreide sind schon verloren. Und es dürfte noch schlimmer kommen. Der Erntebericht aus dem Rainer-Haus folgt Ende August – dann soll final Bilanz gezogen werden.

Drastische Ernteausfälle sind nicht nur ein ökonomisches Problem. Es ist ein klimapolitisches Menetekel. Hitzeperioden von mehr als 40 Grad, marode oder defekte Wasserspeicher. Die Landwirtschaft wird zum ersten Opfer der Klimakrise – und zugleich zum Schlüssel für ihre Bewältigung. Doch ohne stabile Höfe gibt es keine Transformation. Keine regionalen Kreisläufe. Keine Ernährungssouveränität. Kurz: Die Situation offenbart, wie verletzlich Agrarökosysteme sind. Ein paar Dürrejahre reichen, um ganze Regionen in Not zu stürzen.

Zurück zur Ökonomie: Die Interessenorganisation Freie Bauern fordert seit Jahren schärfere Gesetze gegen das hiesige Agrobusiness. Marktmacht und monopolartige Strukturen im Lebensmitteleinzelhandel (Aldi und Co.) und in der Agrarindustrie (Molkereien) erzeugen starken Preisdruck, verschärfen die bäuerliche Misere – vor allem für Familienbetriebe.

Fraglos: Wer die Sicherheit der Ernährung ernst nimmt, muss investieren. In Wasserinfrastruktur. In Klimaanpassung. In faire Preise. In die Höfe selbst. Die Essensmacher schaffen den Grundstock unserer Nahrung. Durch Ackerbau und Viehzucht. Auf dem Feld und im Stall. Wenn sie fallen, fällt das Gros der Versorgung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Helmut aus Dortmund 18. Aug. 2026 um 09:08 Uhr
    Die Landwirtschaft ist ja wohl nicht nur Opfer! Wie kann man im Jahr 2026 noch so über Landwirtschaft und Klimakatastrophe schreiben? Die Dürre ist dramatisch. Und viele Höfe haben große Probleme. Für mich hört sich der Artikel aber so an, als sei die Landwirtschaft nur Opfer der Klimakatastrophe. Das ist ja völliger Unsinn. Die Landwirtschaft verursacht rund neun Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Fast zwei Drittel der direkten Emissionen aus der Landwirtschaft gehen auf die Tierhaltung zurück. Mehr als drei Viertel des Methans und Lachgases in Deutschland stammen aus der Landwirtschaft. Und dann dieser Satz: »Die Essensmacher schaffen den Grundstock unserer Nahrung. Durch Ackerbau und Viehzucht. Auf dem Feld und im Stall.« Das klingt vielleicht schön. Es ist aber eine völlige Verklärung der Landwirtschaft. Als würde alles, was auf unseren Feldern wächst und in den Ställen passiert, automatisch unserer Ernährung dienen. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland wird für Futtermittel gebraucht. Nur auf 27 Prozent werden pflanzliche Lebensmittel angebaut, die direkt für Menschen bestimmt sind. Weitere zwölf Prozent werden für Energiepflanzen genutzt. Ein großer Teil unserer Äcker schafft also gerade nicht direkt den »Grundstock unserer Nahrung«. Er dient der Tierindustrie oder der Energieerzeugung. Und Tiere sind fühlende Lebewesen und keine Essensmaschinen. Natürlich müssen landwirtschaftliche Betriebe unterstützt werden. Aber Unterstützung darf nicht bedeuten, dass alles so weitergeht wie bisher. Wir brauchen deutlich weniger Tierhaltung, mehr pflanzliche Lebensmittel und eine Landwirtschaft, die Böden, Wasser und Klima schützt. Die Landwirtinnen und Landwirte müssen bei diesem Umbau unterstützt werden. Die heutige Landwirtschaft trägt selbst erheblich zur Klimakatastrophe bei. Die Höfe müssen gerettet werden. Aber nicht die klimaschädliche Tierindustrie.
  • Thomas Bartsch-Hauschild aus Hamburg 17. Aug. 2026 um 14:00 Uhr
    Es gibt noch viel mehr Probleme als Hitzetote – Wasser und unsere Grundnahrungsmittel wachsen nicht mehr auf den Äckern – die Landwirte verlieren damit ihr Einkommen und teure Importe und Preiserhöhungen sind die Folge. Die Milliardäre von Lidl bis Aldi sollten jetzt gemeinsam einen »Zukunftsfond für die Landwirte« einrichten, um das ökologische Gleichgewicht für unser Überleben in und mit der Natur zu sichern. Wir haben nur eine Erde – und die KI kann uns nicht retten.
    • Onlineabonnent*in Michael S. aus H. 17. Aug. 2026 um 15:54 Uhr
      Es gibt noch andere Probleme in und mit der Landwirtschaft. Der Beitrag über wachsende Schwierigkeiten der Landwirte durch zunehmende Ernteausfälle als Folge des Klimawandels stimmt. Aber das ganze hat auch eine andere Seite. Mit der selben Begründung setzen die Agrarbetriebe Unmengen von Insektiziden zur Schädlingsbekämpfung und Mengen von Unkrautbekämpfungsmitteln ein, obwohl Glyphosat im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Dazu kommt der Einsatz von Unmengen an mineralischem Dünger. Schädlingsbekämpfung führt zum Insektensterben, Überdüngung führt zum Algenwachstum und Sauerstoffmangel in den Binnengewässern. Irgendwo gelangt das Wasser ins Meer und das Seegras stirbt ab. Dies ist nur ein kleiner Teil der Folgen. Es gibt also auch gegensätzliche Herausforderungen in der Landwirtschaft.
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