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Krieg gegen Gaza

Zahlenspiele auf Kinderrücken

Israel interpretiert UN-Ernährungsstudie zu Gaza nach eigenem Gutdünken und versucht so, die immer noch desolate Lage in dem besetzten Gebiet zu relativieren

Foto: Tariq Mohammad/APAimages/IMAGO
So sieht die Realität vielerorts in Gaza aus: Dutzende Kinder hoffen auf Essen einer Hilfsküche (Al-Mawasi, 7.8.2026)

Seit einigen Tagen wabert durch soziale Netzwerke die Behauptung, es gebe keinen Hunger in Gaza. Hintergrund ist eine Einschätzung des israelischen Außenministeriums, das vergangene Woche über seine Profile verbreiten ließ: »Eine neue, von UNICEF in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass die Ernährungssituation im Gazastreifen – entgegen aller Propaganda – heute besser ist als in allen benachbarten arabischen Staaten und sogar besser als in einigen europäischen Ländern«, hieß es etwa auf X. »Der Anteil akuter Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren liegt zwischen 0,2 und 0,8 Prozent. In Ägypten sind es 2,9 Prozent, in Jordanien 2,0 Prozent, in Syrien über zwölf Prozent und sogar in Bulgarien vier Prozent«, so das Ministerium weiter. »Mit anderen Worten: Im Gazastreifen gibt es keine Hungersnot.«

Die Falschbehauptungen des Außenministeriums – der Post wurde mittlerweile gelöscht – wurden von zahlreichen Akteuren der proisraelischen Szene ungeprüft weiterverbreitet, darunter rechte Influencer und NGOs oder die israelische Botschaft in Berlin. »Die Hungersnot von Gaza war, ist und bleibt eine Lüge, die von Judenhassern verbreitet wird«, kommentierte Bild-Nachrichtenchefin Maike Klebl. »Israel lässt Kinder nicht verhungern. Israel bekämpft den Terrorismus der Hamas«, zitierte die Jüdische Allgemeine den israelischen UN-Botschafter Danny Danon. Wer Lügen verbreite, müsse nun »zur Verantwortung gezogen werden«, sagt er.

Nur: Die Studie gibt die Darstellung, es gebe keine Hungersnot in Gaza, nicht her. Die methodologische Schwäche der Erhebung besteht darin, dass jene Gebiete, in denen Menschen besonders drastisch unter der humanitären Krise leiden, aus technischen Gründen nicht aufgenommen wurden. Diese Zahl entspricht laut Studie über 358.000 Personen (17 Prozent). Der Umstand, dass sich das Verhältnis von Gewicht zu Körpergröße bei Kindern verbessert habe, ließe sich wesentlich damit begründen, dass Israel zwar den Import von kalorienreichem Junkfood wie Schokolade, anderen Süßigkeiten und Cola genehmige, erklärt der palästinensische Journalist Muhammad Shehada in einer Analyse der Studie auf X. Dies sei die Hauptursache für Fettleibigkeit bei Kindern; frische Nahrungsmittel gelangten kaum nach Gaza hinein. So nehmen drei von vier Kindern im wesentlichen ungesunde Nahrung zu sich. In der Studie wird daher vor »schlechter Ernährungsqualität« gewarnt; über die Hälfte aller Kinder in Gaza (53 Prozent) nimmt demnach überhaupt kein Obst oder Gemüse zu sich. Jedes achte Kind leidet aufgrund von Nährstoffmangel an Wachstumsstörungen. 12,2 Prozent der Kinder in den zugänglichen Gebieten im Gazastreifen seien demnach »chronisch unterernährt«. Auch die Mangelernährung schwangerer und stillender Frauen biete laut der Studie Grund zur Sorge.

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Die letzte systematische Untersuchung der Nahrungsmittelkrise in Gaza durch das IPC (Integrated Food Security Phase Classification) umfasst den Zeitraum von April bis Juni dieses Jahres. Das IPC ist ein Zusammenschluss von über 20 UN- und Nichtregierungsorganisationen, der weltweit Regionen mit Ernährungsunsicherheit identifiziert und diese je nach Schweregrad in fünf Phasen einteilt. Seit dem »Waffenstillstand« im Gazastreifen im Oktober 2025 konnte die Ernährungslage durch zunehmende Hilfslieferungen zwar verbessert werden, heißt es dort. Der Bedarf bleibe jedoch weiterhin hoch. Im Erfassungszeitraum waren demnach mehr als 1,2 Millionen Menschen, knapp drei von fünf Personen in der Enklave, von akuter Ernährungsunsicherheit der IPC-Phase 3 oder höher betroffen. Darunter befanden sich 212.000 Menschen in akuter Notlage (Phase 4). Alle fünf Gouvernements des Gazastreifens wurden als »Krise« (Phase 3 und höher) eingestuft. Für den Zeitraum bis Dezember 2026 wird sogar eine Verschlechterung der Werte erwartet.

Der von den israelischen Behörden verbreitete Post enthielt eine selbsterstellte Karte Westasiens, auf der die falsch interpretierten Daten der Studie im Vergleich zu den Werten benachbarter Staaten dargestellt wurden. Diese enthielt zahlreiche geographische Fehler. So war Kuwait vom Persischen Golf verschlungen, die Sinaihalbinsel samt Afrika war mehrere hundert Kilometer nach Süden verschoben, so dass Gaza keine Grenze mehr zu Ägypten hat, und die meisten Länder wiesen sonderbare Verformungen auf, auch Israel und Palästina selbst. Zumindest waren dort aber die illegal besetzten Golanhöhen wieder Teil Syriens.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.08.2026, Seite 6, Ausland

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