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Krieg in Osteuropa

Kein Eis und kein Netz

Ukraine: Immer größere Teile der Infrastruktur unter russischem Feuer. Schwere Kämpfe an der Front

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Press service of the State Emergency Service of Ukraine in Odesa region/Handout via REUTERS
Auch der ukrainische Logistikkonzern Nova Post war wieder Ziel russischer Angriffe (Odessa, 27.9.2026)

Russland weitet seine Drohnen- und Raketenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur aus. Seit Freitag mehren sich Schläge gegen Datencenter ukrainischer Internetprovider. Die Anlagen des größten IT-Dienstleisters der Ukraine, Cosmonova, mussten am Sonnabend den Betrieb einstellen, nachdem die Server durch russischen Beschuss zerstört worden waren. Als Folge fiel nicht nur in Teilen der ukrainischen Hauptstadt das Internet aus, sondern auch das online verbreitete Fernsehprogramm ukrainischer Sender. Neben Anlagen der Energiewirtschaft, Tankstellen und Lagerhallen wurden aber auch Betriebe getroffen, deren militärische Nutzung nicht nachgewiesen ist. So wurde in Schitomir westlich von Kiew die Produktionsanlage des größten Herstellers von Speiseeis in der Ukraine vollständig zerstört. Das getroffene Unternehmen hatte einen Marktanteil von 30 Prozent.

An der Intensivierung der Angriffe auf Ziele auch weit von der Front zeigt sich die sinkende Fähigkeit der Ukraine, auch nur Drohnen abzuwehren. Wie Präsident Wolodimir Selenskij am Wochenende mitteilte, gelingt es der Ukraine aktuell nur noch, etwa 55 Prozent der angreifenden Drohnen abzuschießen oder abzulenken. Früher waren es 90 Prozent. Dies betrifft die traditionellen, propellergetriebenen und damit relativ langsamen Drohnen; modernere Drohnen mit Düsenantrieb und ballistische Raketen können mit den vorhandenen Mitteln sowieso nicht abgefangen werden. Selenskij nahm die verstärkten Angriffe zum Anlass, von der EU zusätzliche Sanktionen gegen Russland und von den USA die Inkraftsetzung des kürzlich von Präsident Donald Trump unterzeichneten Pakets mit Sanktionen gegen Importeure russischer Rohstoffe zu verlangen.

Beide Seiten sind bemüht, ihre Drohnen und Raketen weiter zu verbessern. Selenskij kündigte an, im Spätherbst werde die erste in der Ukraine selbst entwickelte ballistische Rakete einsatzbereit sein. Ihre Reichweite soll nach seinen Worten ausreichen, um Moskau anzugreifen. Auf russischer Seite sind die in letzter Zeit gesteigerten Angriffe auf Eisenbahnanlagen auch in frontfernen Gebieten der Westukraine offenbar darauf zurückzuführen, dass das von Russland als Gegenstück zum US-amerikanischen »Starlink«-Satellitensystem entwickelte Satellitennetz »Ras­swet« inzwischen offenbar teilweise einsatzbereit ist. Die Kommunikation über Satellit in Echtzeit ermöglicht Angriffe auch auf bewegliche Ziele wie fahrende Züge.

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Der Krieg hat sich damit weitgehend auf das Hinterland der beiden Seiten verlagert. Von der Front kommen wenige Nachrichten. Auch russische Seiten berichteten in den vergangenen Tagen von »erbitterten Stellungskämpfen« vor Kramatorsk und Slawjansk sowie südlich von Saporischschja. Die ukrainische Seite hat derweil auf die kritische humanitäre Situation in der Kleinstadt Oleschki am Dnipro hingewiesen. Nach Angaben von Außenminister Andrij Sibiga vor der UNO vergangene Woche drohe den etwa 20.000 verbliebenen Bewohnern der einstigen Vorstadt von Cherson eine Hungersnot, wenn nicht schleunigst Hilfsgüter dorthin gelangen würden. Die Bewohner kochten schon Unkraut aus den Gärten ab, um etwas zu essen zu haben.

Die Lage, für die Sibiga Russland verantwortlich machte, ist jedoch komplizierter, als er sie darstellt. Denn der ständige Drohnenbeschuss, über den er klagte, kommt den Umständen nach höchstwahrscheinlich nicht von russischer, sondern von ukrainischer Seite. Oleschki liegt am linken, russisch besetzten Ufer des Flusses gegenüber der Großstadt Cherson, zu der die Brücken gesprengt sind. Eine Reportage des Spiegel vom Wochenende, die sich auf geflohene Bewohner auf ukrainischer Seite beruft, berichtet, dass Russland im Frühjahr Minen entlang einer Zufahrtsstraße nach OIeschki geräumt habe. Die Nutzung der Straße sei aber durch ständigen Drohnenbeschuss zu gefährlich geworden, um auf diesem Weg Lebensmittel zu beschaffen. Aus dem ukrainisch kontrollierten Cherson wird ebenfalls von ständigem Drohnenbeschuss auch ziviler Passanten und von Verkaufsständen für Lebensmittel berichtet.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.09.2026, Seite 6, Ausland

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