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»Blutkitt« schweißt zusammen
Israels Gesellschaft verdrängt und leugnet ihre eigene Gewaltgeschichte. Das begünstigt neue Verbrechen
Die israelische Gesellschaft leidet unter moralischer Amnesie. Das ist die Diagnose des Historikers Adam Raz von der Menschenrechtsorganisation Akevot in Haifa. Er verweist vor allem auf zwei Punkte: zum einen den Umgang des Staates Israel mit den offiziellen Archiven, also Staatsarchiv und Archiv der Armee. Seit Oktober 2023 sind die Militärarchive nicht mehr zugänglich, und das Staatsarchiv ist erst wieder seit einem Jahr offen nach einem angeblichen Cyberangriff. Und der Katalog, nach dem Dokumente angefordert werden könnten, ist »verschwunden«.
Zum anderen spielt die Altersstruktur eine zentrale Rolle. 50 bis 60 Prozent der jüdischen Israelis sind nach 1995 geboren. 1995 betrachtet Raz als entscheidendes Jahr in der israelischen Geschichte. Der damalige Premierminister Jitzchak Rabin wurde mitten in Tel Aviv auf einer Friedenskundgebung von Jigal Amir, einem extrem rechten, religiös-zionistischen jungen Israeli, erschossen. Amir unterstützte die koloniale Siedlungspolitik und folgte einem rabbinischen Diktum, nach dem jeder, der jüdisches Leben in Gefahr bringt, getötet werden darf. Laut Amir war das bei Rabin wegen der »Oslo-Verträge« der Fall.
Raz meint, für Israelis, die heute zwischen 18 und 31 Jahre alt sind, sei all dies »Urgeschichte«, von der sie schlicht nichts wüssten. Das treffe in noch viel stärkerem Umfang auf die Besatzung seit 1967 und die damals begangenen Verbrechen und schließlich auf die Nakba von 1948 zu. Diese Generation sei, so Raz, mit der Besatzung aufgewachsen, die in Israel nie thematisiert wurde – übrigens bis heute nicht, wie Redakteurin Hanin Majadli Ende Juni in einer Anklage gegen die angebliche Linke, die Demokratische Partei von Jair Golan, in Haaretz herausstellte. Raz selbst erlebte bei einer Rede vor israelischen Teenagern, dass sie keine Ahnung von der »Flüchtlingsfrage« von 1948 hatten. Nach etwa einer Viertelstunde seines Vortrags fragte eine Zuhörerin schüchtern, ob er von Geflüchteten aus dem Sudan rede, die aktuell in Israel auf Schutz hoffen.
Der Umgang des Staates mit den Archiven ist weltweit einzigartig. Nur vier Prozent der Dokumente im Staatsarchiv sind zugänglich, im Archiv der Armee sind es sogar nur ein Prozent. Wer das Kufr-Kassem-Massaker am ersten Tag des Krieges gegen Nassers Ägypten 1956 untersucht – es erging ein Befehl, dass jeder, der sich nach einer Ausgangssperre ab 17 Uhr im Freien aufhielt, zu erschießen sei –, ist direkt damit konfrontiert. Akevot führte einen langen Prozess, ehe der Staat endlich relevante Dokumente offenlegte. Viele wichtige Papiere und Fotografien sind aber immer noch nicht zugänglich. Akevot plant deshalb ein weiteres Gerichtsverfahren, um nicht zuletzt den Befehl für die »Operation« in Kufr Kassem und den umliegenden Dörfern zu erhalten. Offensichtlich hoffte die Armee auf eine Flucht der Palästinenser über die »grüne Grenze« in die Westbank als Folge der Massenerschießungen.
Ist es Ignoranz, die zur Leugnung des Völkermordes in Gaza und der immer gewaltsameren »ethnischen Säuberung« in Ostjerusalem und der Westbank führt? Wie Majadli konstatieren auch die Journalistin Amira Hass oder der Rapper Tamar Nafar aus Lydda ein bewusstes Wegsehen und Ignorieren dieser Kriegsverbrechen, an denen eine ganze Generation junger Israelis beteiligt ist, die sich in sozialen Netzwerken regelrecht mit ihnen brüstet. Hass konzentriert sich zuletzt auf die israelischen Mütter, ob koloniale Siedlerinnen, Religiös-Orthodoxe oder säkulare, sich liberal-kritisch verstehende Akademikerinnen: Alle leisten, so Hass, ihren »historischen Beitrag«, »indem sie jubeln, sich für Schweigen entscheiden, wegschauen oder weder fragen noch wissen wollen«.
Adam Raz ist für einige Jahre in Berlin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Gerade arbeitet er an einem neuen Buch über Hitler und den Holocaust und stellt einen bis dahin übersehenen Aspekt in die Mitte seiner Untersuchungen, zusammengefasst im Begriff »Blutkitt«. Er argumentiert, dass alle historischen Völkermorde von Regimen begangen wurden, die wussten, dass der Krieg, den sie führten, schon verloren war. »Blutkitt« sollte sie trotzdem an der Macht halten. Mit ihm wollten sie ihre Bürger durch immer neue Kriegsverbrechen, an denen alle beteiligt wurden, zusammenschweißen, einst in Deutschland und heute in Israel, wie Raz unser Telefongespräch provokant abschließt.
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«.
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