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PKK-Friedensprozess

Wie begegnet der Staat dem Gedenken?

Im laufenden Friedensprozess konnten Hunderte Identitäten gefallener PKK-Kämpfer veröffentlicht werden, erklärt Mehmet Emin Kılıç

Foto: Sertac Kayar/REUTERS
Mütter in Amed/Diyarbakır gedenken ihrer Kinder (11.8.2026)

Auf einer der Befreiungsbewegung nahestehenden Webseite wurden seit dem 21. August die Identitäten von mehr als 240 Gefallenen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) veröffentlicht. Über 500 weitere Identitäten sollen noch folgen. Warum passiert das erst jetzt?

Es gibt tausende Familien von Guerillakämpfern, die das Schicksal ihrer Angehörigen nicht kennen. Dabei geht es auch um Personen, die sich schon in den neunziger Jahren der Guerilla angeschlossen haben. Festzustellen, wer gefallen ist, war in den letzten Jahrzehnten des Krieges oft nicht möglich. Es gab oft keine Lebenszeichen von den Kämpfern, aber es war nicht klar, ob nur der Kontakt beendet wurde oder ob sie in die Hände des Feindes gefallen waren. Auch eine Bergung der Leichen war aufgrund der Kriegsbedingungen meist nicht möglich. So wurde mit einer Veröffentlichung oft gewartet, bis der Tod und die genauen Todesumstände sicher geprüft werden konnten. Dank des Friedensprozesses hat sich die Lage nun aber etwas verbessert. Die aus dem aktiven Kampf zurückgekehrten Guerillas können sich jetzt freier bewegen, und das Geschehene wird dokumentiert. Dass nun Gefallene in solch großen Gruppen verkündet werden, ist für das Volk dennoch ein großer Schmerz. Denn seit dem Friedensprozess haben natürlich viele gehofft, dass ihre Angehörigen bald heil und gesund zurückkommen würden.

Auch in den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Todesmeldungen. Wie ist der türkische Staat dem Gedenken begegnet?

Vor dem Friedensprozess war unsere Arbeit deutlich erschwert. Der Staat hat uns und die Familien der Gefallenen ständig bedroht und erpresst. Man hat zum Beispiel gedroht, dass ihnen die Leichen nicht ausgehändigt würden, wenn sie sich an unseren Verein wenden. Über Monate hinweg wurden die Mütter und die gesamten Familien der Gefallenen über den Verbleib der sterblichen Überreste ihrer Kinder und Angehörigen im unklaren gelassen. Dann wiederum wurden die Körper eines Tages einfach vor dem Gebäude der Gerichtsmedizin abgelegt oder auf eine entwürdigende Art und Weise den Familien übergeben. Auf diese Weise wollten sie die Hoffnung der Menschen brechen.

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Sehen Sie im laufenden Friedensprozess die Chance, den seit mehr als 40 Jahren andauernden Krieg zu beenden?

Für uns ist klar: Dieser Krieg, der seit so langer Zeit geführt wird, muss nun beendet werden. Es liegt auf der Hand, dass die Arbeiterpartei Kurdistans den bewaffneten Kampf nicht aus Lust und Laune begonnen hat. Die Menschen haben zu den Waffen gegriffen, weil sie sich verteidigen mussten. Abdullah Öcalan hatte bereits 1993 dazu aufgerufen, Frieden zu schließen. Auch bei den Waffenstillständen 1998, 1999 oder auch 2009 und 2013 hatte die PKK ihren ernsthaften Willen, das Töten zu beenden, unter Beweis gestellt. Doch der Staat hat es nie ernst gemeint. In den vergangenen 100 Jahren hat sich aber das Weltsystem verändert, und wer seine inneren Probleme lösen kann, der wird sich einen guten Platz in der entstehenden neuen Ordnung erringen können – das ist die Logik, die der Staat verfolgt. Er meint es inzwischen ernst, nicht weil er auf einmal von Barmherzigkeit erfüllt ist oder er der Gewalt müde geworden ist, sondern weil er entsprechend seiner Interessen handelt. Daher glauben wir, dass dieser Prozess Erfolg haben kann.

Braucht es für einen dauerhaften Frieden nicht mehr als das Schweigen der Waffen?

Es benötigt umfassende Reformen und eine Verfassungsänderung. Denn noch immer gelten in der Türkei die Gesetze der Militärjunta von 1980. Dieser Staat wurde entsprechend der Idee »ein Staat, eine Nation, eine Fahne« geschaffen. Für eine Türkei, in der alle gesellschaftlichen Gruppen, Völker und Religionsgemeinschaften einen gleichberechtigten Platz einnehmen können, bedarf es einer Verfassung, die die Vielfalt und die Farben dieses Landes abbildet. Die Arbeiterpartei Kurdistans war die 29. Aufstandsbewegung des kurdischen Volkes. Wenn man verhindern möchte, dass eine 30. folgt, braucht es eine wirkliche Demokratisierung.

Mehmet Emin Kılıç ist Kovorsitzender des Vereins der Familien Gefallener, MEBYA-DER, in Amed/Diyarbakir

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.09.2026, Seite 3, Ausland

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