Zum Inhalt der Seite

Bildung wird Besatzersache

Palästinensischen Schulen in Ostjerusalem wird das israelische Curriculum aufgezwungen

Foto: jW

Im Junikrieg 1967 wurde Ostjerusalem annektiert und zum Teil der ewig unteilbaren Hauptstadt Israels gemacht. Seit dem 1. September 2026 müssen die städtischen Schulen Ostjerusalems nach dem israelischen Curriculum unterrichten. Direkt nach Anfang der Besatzung 1967 versuchten die Besatzer schon einmal, den Schulen in Ostjerusalem das israelische Curriculum zu oktroyieren. Resultat war ein langer Streik aller Schulen, unterstützt durch die gesamte Gesellschaft. Israel blieb keine andere Wahl, als einen Rückzieher zu machen.

Bis zu Beginn der Osloer Periode galt das jordanische Curriculum – Ostjerusalem und die Westbank wurden nach der Gründung Israels Teil des haschemitischen Königreichs. Als die Palästinenser »übernahmen«, wurden die neu entwickelten palästinensischen Lehrpläne eingeführt. Abschluss der zwölfjährigen Schulzeit war das palästinensische Abitur, das Tawjihe. Mit diesem Abitur konnte man an allen palästinensischen Universitäten studieren. Wer ins Ausland wollte, zum Beispiel nach Deutschland, musste für ein Jahr aufs Studienkolleg. Wenn sich einige wenige Jerusalemer Schüler entschieden, an der Hebräischen Universität in Jerusalem zu studieren, war dort ein Vorbereitungsjahr zu absolvieren.

Schüler in Israel legen das israelische Abitur, das Bagrut, ab. Mit dem Bagrut könnten auch Ostjerusalemer ihr Studium direkt an der Hebräischen Universität oder einer der anderen israelischen Universitäten aufnehmen. Also eine »Win-Win«-Situation: Ein Jahr wird eingespart, inklusive der beträchtlichen Studiengebühren für das Vorbereitungsjahr. Mit dem israelischen Bachelorabschluss könnten Ostjerusalemer problemlos Stellen im israelischen Arbeitsmarkt finden. Das ist die israelische Version der aktuellen Entscheidung.

Anzeige

Die Palästinenser sehen das anders. Ein Studium an der Hebräischen Universität wird auf hebräisch abgelegt, also in einer Fremdsprache. Diskriminierung an der Universität ist nicht nur latent, sondern oft direkt und offen. Eine palästinensische Professorin aus Haifa, also mit israelischem Pass, Nadera Shalhoub-Kevorkian, wurde zum Beispiel so heftig attackiert und unter Druck gesetzt, dass sie ihre Professur auf Lebenszeit aufgab und ins Ausland ging. Der Hintergrund für die Anfeindungen: ihre Kritik am Völkermord Israels in Gaza. Theoretisch ist es richtig, dass man mit einem israelischen Bachelorabschluss überall in Israel eine Stelle findet. Ob diese Stelle jedoch einem Palästinenser aus Ostjerusalem gegeben wird, ist eine andere Frage.

Nun zwingt Israel die Lehrer in Ostjerusalem dazu, ihren Schülern staatsbürgerliche Erziehung zu geben: »Was heißt es, Bürger in Israel zu sein, in Israel, einem jüdischen und demokratischen Staat?« Unter diesem Titel folgen Details zum israelischen Wahlsystem, zu den Rechten aller Bürger und zur klaren Trennung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative. Das entscheidende Problem für die bedauernswerten Lehrer: Palästinenser in Ostjerusalem – sie machen mindestens 40 Prozent der Bewohner Jerusalems aus – sind keine Staatsbürger, sondern schlicht »permanent residents«, sie sind also nicht wahlberechtigt. Und sie leiden tagtäglich unter dem Apartheidsystem, unter brutalen Polizeiattacken, unter alltäglichem Rassismus, unter Häuserzerstörungen, unter ethnischer Säuberung.

Nichtsdestotrotz haben die Stadt Jerusalem und das israelische Erziehungsministerium seit 2018 versucht, Schulen in Ostjerusalem durch einen Fünfjahresplan zu »israelisieren«. Finanzieller Druck spielte dabei eine wichtige Rolle und führte letztendlich zum Ziel. Selbst Schulen, wie etwa im Schufat-Flüchtlingslager, die dem palästinensischen Erziehungsministerium unterstehen, wurden jetzt vor die Wahl gestellt: Entweder ihre Lizenz wird entzogen und die Schulen müssen schließen, oder sie führen den israelischen Lehrplan ein. Das wirkte.

60 Prozent der 120.000 Schüler besuchen christliche und muslimische Privatschulen. Dort hält man am palästinensischen Curriculum fest. Etwa 7.000 ihrer Lehrer kommen aber aus der Westbank. Zum Schuljahresbeginn erhielten sie keine Genehmigung zur Einreise nach Jerusalem. Internationaler christlicher Druck führte dazu, dass schon am Dienstag abend die notwendigen Genehmigungen ausgestellt waren. Anders war die Situation an den muslimischen Schulen. Bis Donnerstag, so konnte ich in Erfahrung bringen, hatten ihre Lehrer keine Einreisegenehmigung. Sollten die Genehmigungen nicht bis Sonnabend ausgestellt sein, werden alle Privatschulen streiken, wie mir diverse christliche Schulen bestätigten.

Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!