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Von wegen Zusammenleben

Die aktivistische Komikerin Noam Shuster-Eliassi seziert den israelischen Apartheidstaat mit Humor

Foto: jW

Newe Schalom ist allen deutschen Friedensfreunden bekannt. In dem kleinen Dorf in den Ausläufern des Berglands zwischen Tel Aviv und Jerusalem leben seit 1978 etwa 300 jüdische und palästinensische Israelis zusammen. Die »Stätte des Friedens«, auf arabisch Wahat Al-Salam, bestätigt das positive Bild, das die Deutschen von Israel und den Israelis haben: Alle wollen Frieden. Nur die palästinensischen Terroristen verhindern das.

Noam Shuster-Eliassi, Protagonistin des Dokumentarfilms »Coexistence. My Ass« (Koexistenz. Von wegen!), lebt dort seit 1993/94. Denn ihre Eltern – die Mutter stammt aus dem Iran, der Vater aus Rumänien – hatten beschlossen, dass sie ihre Kinder nicht unter der in Israel virulenten Diskriminierung der Palästinenser aufwachsen lassen wollten, sondern in einer Umgebung, in der Gleichheit und gegenseitiger Respekt praktiziert werden: »Meine Eltern sagten: Wir wollen unsere Kinder nicht zu normalen Israelis erziehen. Wir wollen in den einzigen Ort in Israel umziehen, wo Juden und Palästinenser gemeinsam leben«, sagte Eliassi vergangenes Jahr im Gespräch mit dem US-Fernsehmagazin »Democracy Now«.

Dem Guardian erzählte sie, dass sie regelrecht als »Vorzeigebeispiel für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess« aufgewachsen sei. Nach Newe Schalom kamen alle, von Jane Fonda bis Roger Waters, der dort im Juni 2006 ein Konzert gab, das mehr als 50.000 Fans anzog. Von 2012 bis 2017 war Eliassi aktiv in einem Friedensprogramm der UNO. 2019 ging sie an die Harvard-Universität, wo sie in der Initiative »Religion, Konflikt und Frieden« ihre eigene Comedyshow entwickeln wollte für eine Tournee durch die USA. Corona verhinderte dies.

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Zusammen mit der palästinensisch-kanadischen Regisseurin Amber Fares arbeitete Eliassi mehrere Jahre an dem Film. Er wurde vergangenes Jahr auf dem Sundance-Festival uraufgeführt und gewann den Spezialpreis der Jury für Ausdrucksfreiheit im internationalen Dokumentarprogramm. Die Doku baut auf Slapstickhumor auf, mit dem die Hauptdarstellerin ihre beißende Kritik am israelischen Regime und der israelischen Gesellschaft vorbringt. Ihr darin festgehaltener Auftritt vor Palästinensern in Ostjerusalem ist ein kleines Beispiel. »Macht euch keine Sorgen, ich werde nur sieben Minuten auf der Bühne stehen, nicht 70 Jahre. Das ist übrigens ein Witz von Amber. Ich hab’ ihn gestohlen. Jetzt gehört er mir. Gott hat ihn mir schließlich versprochen.«

Fares und Eliassi wollen das endlose Gerede von Frieden und Koexistenz als einzige Lüge entlarven. Denn Koexistenz, so argumentiert der Film, ist nur möglich, wenn Israel – Regime wie Gesellschaft – den »Elefanten im Raum« erkennt: heute den Völkermord in Gaza, vor 2023 die Besatzung. Eliassi legte im Guardian den Finger in die Wunde: »Israelis haben sich nie mit den Jahrzehnten ihrer illegalen Besatzung und ihrer Kontrolle über das palästinensische Volk auseinandergesetzt. Sie haben nie hinterfragt, warum ihre Gesellschaft hypermilitarisiert ist. Jeder spielt bis heute seine Rolle bei der fortschreitenden Entmenschlichung der Palästinenser.« Trotzdem hält sie an der Hoffnung fest: »Ich weiß nicht, wie die Palästinenser das alles überleben. Oder wie meine Großmutter nach dem Nazikonzentrationslager weiterleben konnte. Wie die Menschen immer wieder ihre Häuser neu aufbauen. In der Hoffnung steckt etwas von Irrationalität. Aber wenn wir die Menschlichkeit ins Zentrum stellen, unser Leben und unser Handeln darauf aufbauen, kann alles Realität werden, Frieden und letztlich auch Koexistenz.«

Sie wird nicht müde zu betonen: »Vieles von dem, was wir in diesem Film sagen, haben die Palästinenser schon immer gesagt. Und wir fordern unser Publikum heraus: Warum glaubt ihr nicht den Palästinensern? Warum braucht ihr einen israelischen Juden, um das alles zu glauben?« Der Film fordert schließlich den Sturz des faschistischen Apartheidregimes in Israel, das Ende des Völkermords in Gaza und den Abzug aus den illegal besetzten palästinensischen Gebieten. Die israelische Gesellschaft müsse sich ihrer Untaten seit 1948 bewusst werden und endlich die längst überfällige Kehrtwende machen. Nur danach, nur auf Basis einer umfassenden Anerkennung der Palästinenser und der Bereitschaft, mit ihnen als gleichberechtigte Menschen zu leben, wird es Frieden und Koexistenz geben können.

→ coexistencemyass.com

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.08.2026, Seite 6, Ausland

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