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Tal der Arbeitslosen
Aufsichtsratssitzung: VW-Bosse wollen an vier Standorten Produktion auslaufen lassen – auch in Zwickau. Westsachsen droht industrielle Verödung
Es war weit mehr als ein technischer Bauakt: die Grundsteinlegung für das VW-Werk in Mosel bei Zwickau im September 1990. Es war eine öffentliche Inszenierung des BRD-Kapitals gegenüber der DDR-Industrie wenige Tage vor dem Anschluss, der »deutschen Einheit«. Hauptdarsteller ist Helmut Kohl. Mit staatsmännischer Geste rollt der Kanzler der »blühenden Landschaften« ein Bündel Zeitungen und Dokumente zusammen, stopft sie in die kupferne Zeitkapsel und legt sie in die vorbereitete Mauerwerksöffnung. Mit einer Kelle Mörtel streicht er über einen Vollziegel und verfugt ihn im Mauerwerk. Die Kassenschlager Golf und Polo werden nach der Sachsenring-Übernahme produziert – am laufenden Band. Ein Werk als industrielles Aushängeschild für Westsachsen – doch heute droht nur eines: Betriebsdemontage.
Denn die VW-Bosse planen einen »radikalen Konzernumbau«, berichtete Tagesschau.de am Donnerstag. Standorte, Arbeitsplätze, Modelle, Beteiligungen – alles soll einem zuvor geleakten Sanierungskonzept zufolge auf dem Prüfstand stehen. Besonders heikel: Vier Werken droht das Aus – in Emden, Hannover, Neckarsulm und eben in Zwickau.
Darüber beratschlagte am Donnerstag nachmittag (nach jW-Redaktionsschluss) der Aufsichtsrat von Europas größtem Autobauer – in der Zentrale in Wolfsburg. Betriebsräte und Gewerkschafter hatten bereits im Vorfeld angekündigt, gegen mögliche Werksschließungen samt Jobvernichtung zu stimmen. Eigens dafür hatten sie die Belegschaft bundesweit zum Protest mobilisiert.
Ob das die Vorstandsriege um Vorturner Oliver Blume beeindruckt? Kaum. Nach Bild-Informationen schwadronieren die Kahlschläger von einer »existenzbedrohenden Situation« im Konzern. »Harte Gegenmaßnahmen« seien erforderlich – mit dem Ziel einer höheren Umsatzrendite. So etwas gelingt mit einem »gewaltigen Stellenabbau«. Fix sei die Zahl laut Bild noch nicht, aber bis zu 120.000 Arbeitsplätze könnten betroffen sein – weltweit. Hierzulande betrifft es die Abteilungen technische Entwicklung (15.000 Stellen) und Produktion (5.000 Stellen). Ferner dürfte es »Einschnitte« in Verwaltung und weiteren Bereichen geben.
Die VW-Chefs setzen zunächst auf »Freiwilligkeit« – Altersteilzeit, Abfindungen, Austritte, Ausgliederungen. Doch in der Vorstandsetage weiß man: Deutschland ist wegen Beschäftigungssicherung, Standortvereinbarungen und Mitbestimmung das härteste Pflaster. Deshalb eine Demontage in Etappen. In den vier vakanten Werken sollen künftig keine neuen Fahrzeugmodelle mehr gefertigt werden. Ab 2031 soll in Zwickau und Emden Schluss sein, 2032 bei den Nutzfahrzeugen in Hannover, 2034 bei Audi in Neckarsulm. Eine Art Auslaufkalender – als »Planungsrunde« verkauft.
Wichtig dabei: VW ist das größte Industrieunternehmen im Freistaat, erklärte Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) am Donnerstag gegenüber Tagesschau.de. Neben dem VW-Werk in Zwickau-Mosel sind es das Motorenwerk Chemnitz und die VW-Manufaktur in Dresden. Allein in Zwickau sind rund 8.000 Kollegen beschäftigt. Vom Standort sind 20.000 Zulieferer abhängig und weitere 20.000 lokale Gewerbetreibende. In Westsachsen seien hochgerechnet 100.000 Menschen von einer Schließung betroffen, »in einer Gegend mit 1,5 Millionen Bewohnern«, betonte Panter. Das weiß auch Jan Otto.
Deshalb organisiert der IG-Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen den Schulterschluss mit der Belegschaft – und probt den Aufruhr gegen den Angriff der VW-Spitze. »Wer auch nur einen Standort in Frage stellt, stößt auf den entschiedenen Widerstand der IG Metall und der Beschäftigten«, so Otto gegenüber jW. Und Henning Homann, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, sagte zu jW: »Wir werden in Sachsen mit allen Mitteln für das Werk in Zwickau kämpfen.« Der wirtschaftspolitische Sprecher der BSW-Landtagsfraktion, Ralf Böhme, ergänzte auf jW-Anfrage: Zuerst seien die Zwickauer Arbeiter in die Falle der E-Auto-Produktion gelockt worden, »um dann trotz hoher Profitabilität geopfert zu werden«.
Mehr noch: Opfer wäre eine ganze Region in Ostdeutschland – Westsachsen als industrielle Brachlandschaft nach dem »Rückbau Ost«.
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