Der Salonkommunist
Beim Komponieren so richtig happy: Hans Werner Henze zum 100. Geburtstag
Schon früh in seiner Karriere war der aus Ostwestfalen stammende Komponist präsent auf den großen Bühnen des Landes, bald Europas, bald der Welt. Hans Werner Henze, der sein Handwerk an Theatern in Bielefeld, Konstanz und Wiesbaden von der Pike auf erlernt hatte, hatte dem bildungsbürgerlichen Publikum etwas zu bieten, das unwiderstehlich war: Literaturopern nach Kafka, Hauff, Gozzi oder Euripides, die den Opernbetrieb bedienten und ihm Zeitgenössisches lieferten, das nicht weh tat und die Konsumgewohnheiten und Rituale des bürgerlichen Konzertlebens nicht antastete. Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger und W. H. Auden lieferten die Libretti. Während Pierre Boulez noch die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte, komponierte Henze bereits für die Salzburger Festspiele.
Die große Wertschätzung des kulturellen Establishments für den Komponisten, der seit 1953 hauptsächlich in Italien lebte, hielt an bis zu seinem Tod. Henze starb 2012 als »Capell Compositeur« der Sächsischen Staatskapelle in Dresden. Zwei Jahre zuvor hatte im Rahmen der Kulturhauptstadt »Ruhr 2010« ein großangelegtes »Henze-Projekt« stattgefunden – letztlich ein Zeichen der Mut- und Ideenlosigkeit der Programmverantwortlichen, aber auf Henze konnten sich im Zweifelsfall eben immer alle einigen. Wenn er in der Zeit nach 1968 dann für einige Jahre doch mit Liebesentzug bestraft wurde, dann lag das an seinem politischen Engagement. Henze sprach jetzt nicht mehr davon, in seiner vom »ariosen Süden« geprägten Musik das »Unsagbare« der menschlichen Gefühlswelt darstellen zu wollen, sondern wollte soziale Utopien entwerfen und dem Sozialismus helfen. Henze, der 1965 noch mit Ingeborg Bachmann, Günter Grass und vielen anderen Wahlkampf für Willy Brandt gemacht hatte, lernte Rudi Dutschke kennen, nahm 1968 am Vietnam-Kongress in Westberlin teil, wurde aber auch als korrespondierendes Mitglied in die Ostberliner Akademie der Künste gewählt. Dass sich seine gemäßigt moderne Musik, welche die Kulturfunktionäre im Osten so wenig schreckte wie die Festspielintendanten im Westen, in den Jahren des Engagements verändert hätte, kann man freilich nicht sagen.
Bezeichnend ist ein Skandal, in den Hans Werner Henze auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung 1968 in Hamburg verwickelt war. Der NDR hatte bei ihm ein Oratorium in Auftrag gegeben, dessen Uraufführung Henze selbst dirigieren sollte. Die Uraufführung konnte nicht stattfinden, im Saal spielten sich chaotische Szenen ab, schließlich wurde die Polizei gerufen – jedoch nicht, weil die Musik das Publikum in so starke Unruhe versetzt hätte oder weil der Stoff des Oratoriums »Das Floß der Medusa« nach einem Libretto von Ernst Schnabel so brisant gewesen wäre, sondern weil sich die Interpreten, darunter der RIAS-Kammerchor aus der Frontstadt Westberlin, weigerten, neben einer roten Fahne zu musizieren, die Aktivisten auf dem Podium aufgepflanzt hatten. Von dem Che Guevara gewidmeten Oratorium erklang kein Ton. Henze hatte zu jener Zeit nicht nur die radikale Avantgarde gegen sich – Boulez, Nono und Stockhausen hatten bereits 1957 in Donaueschingen demonstrativ den Saal verlassen, als die »Nachtstücke und Arien« uraufgeführt wurden. Auch der Spiegel attestierte ihm jetzt, ein »gepflegter Epigone« und »geschmäcklerischer Eklektizist« geblieben zu sein, und hielt dem Komponisten, der für die breite Masse zu komponieren vorgab, zu recht entgegen: »Sein Publikum aber kommt in Smoking und Nerz, ins teure Salzburg und Edinburgh, in die Berliner Philharmonie und ins Amsterdamer Concertgebouw. Es knabbert nicht an den Fingernägeln, es riecht nicht nach Achtstundentag. Es verlangt nach pastoraler Schönheit, nach Idylle, nach dem Opiat des Wohlklanges und nach blanker Kantabilität.«
Henze indes ging 1969 nach Kuba, wo er einen Lehrauftrag annahm und die Uraufführung seiner 6. Symphonie dirigierte. Wenn der Komponist, der an der Schaffung »des größten Kunstwerks der Menschheit«, der »Weltrevolution«, mitwirken wollte, daraus auch keine kompositorischen Konsequenzen zog wie etwa Luigi Nono, dann war er doch offen für Einflüsse der kubanischen Kultur. In Havanna entstand auch das Rezital »El Cimarrón«, basierend auf den Erlebnissen des entflohenen Sklaven Estéban Montejo. Das Stück für Bariton, Flöte, Gitarre und Schlagzeug war dem großartigen Stimmkünstler William Pearson, einem in Deutschland lebenden schwarzen US-Amerikaner, auf den Leib geschrieben und wurde nach der Uraufführung im britischen Aldeburgh in aller Welt gespielt. Aber auch diesem Stück mit seiner stark illustrativen Musik schlug Skepsis entgegen. So schrieb Werner Klüppelholz 1972 in der Zeitschrift Melos: »So werden revolutionäre Themen auch fürs bürgerliche Publikum goutierbar. Sozialismushelfer Henze passt ursprünglich revolutionäre Themen dem kapitalistischen Markt an und macht sie für diesen verwertbar.«
Aus den revolutionären Jahren stammt auch die szenische Kantate »Streik bei Mannesmann«, uraufgeführt 1973 in Berlin. Aber vielleicht konnte Hans Werner Henze, der den Zweiten Weltkrieg noch als Funker in einer Panzereinheit erlebt hatte und unter dem restaurativen Wirtschaftswunderdeutschland so stark litt, dass er seit den 1950er Jahren nur noch zu Arbeitsbesuchen in die BRD kam, sein politisches und soziales Engagement auf einem anderen Feld überzeugender verwirklichen denn als Komponist: als Gründer des Cantiere Internazionale d’Arte in Motepulciano oder der Mürztaler Musikwerkstätten im obersteirischen Mürzzuschlag, wo er die Arbeit mit Kindern und Laien anstoßen wollte und phantasievolle Formen der Vermittlungsarbeit ersann, noch ehe »Education« in aller Munde und Pflichtprogramm an allen Institutionen des Musiklebens war. Darüber hinaus war Henze ein mächtiger Mann im deutschen Musikbetrieb, lehrte in Köln Komposition und gründete 1988 die Münchener Biennale für neues Musiktheater, die er bis 1996 selbst leitete und die bis heute besteht.
Die radikalere Avantgarde aber blieb ein Stachel im Fleisch Hans Werner Henzes. So geriet er 1982 in Stuttgart mit Helmut Lachenmann aneinander, dem er als Vertreter einer »Musica negativa« »Materialzertrümmerung« vorwarf, während es ihm genüge, »beim Komponieren so richtig happy« zu sein. Der Komponist von zehn Symphonien und erfolgreichen Opern wie »König Hirsch«, »Der junge Lord« oder »Wir erreichen den Fluss«, der an diesem Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre, hat nach wie vor ein großes Publikum und behauptet seinen Platz im Repertoire. Es ist und bleibt aber schade, dass dieses Publikum sich mit Henzes weichgespülter Moderne begnügt.
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