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Literatur

Unser Mann in Buenos Aires

Dem Sportkorrespondenten und Fußballpoeten André Dahlmeyer zum 60. Geburtstag

Foto: Matias Baglietto/Reuters
Fußball ist keine Kleinigkeit in Buenos Aires

Aus irgendeinem Grund haben André Dahlmeyer und ich noch nie zusammen Bier getrunken. Kein Sekt, kein Selters. Nicht einmal beisammen gesessen. Kunststück, wenn er in Buenos Aires lebt und ich nie jenseits des Atlantiks war, aber oft genug ist er ja hier, im Urlaub meistens. Früher kam er dann in der Redaktion vorbei, nahm ein paar Rezensionsexemplare mit, mal sehen, was so anliegt. Ich war immer im Urlaub oder auf Ausgleich oder krank. Dumm gelaufen.

Dabei könnte es Spaß machen. Vor einem Jahr oder so schickten wir uns gelegentlich Sprachnachrichten, gerne spät. Immer ging es um Fußball. Das ist sein Metier, das verbindet uns. Eine archaische Leidenschaft, mit allen Ausreißern ins heftig Irrationale, aber schmeiß die Gläser an die Wand, nur dann merkt man doch, dass man lebt, wenn das Blut mit 180 durch die Arterien ballert und man meint, gleich kohlen die Wangen, gleich zerspringt der Kopf, mal sehen, was zuerst. Ist es nicht so?

Ein ehemaliger Kollege, den ich sehr liebe, zeigte mir einst das einzige Foto, das ich von André Dahlmeyer kenne, es war schon etwas älter. Es zeigte das Gesicht der 80er Jahre. Kantig, nicht drahtig, Bart, Vokuhila. Dazu natürlich Kutte, natürlich mit HSV-Aufnähern. Denn das, so viel weiß ich wie jeder halbwegs regelmäßige Leser der jW-Sportseite, ist seine Liebe. Die Liebe. Nicht die Art Kleingeldromantik, wie man sie von den Postkarten aus der Bahnhofsbuchhandlung kennt. Nee, ich meine das eisenharte, eingeweideumgrabende Verhängnis, das nur die Amour fou zu Verrückten oder zu Fußballklubs oder zu verrückten Fußballklubs bedeutet. André Dahlmeyer, so viel weiß ich wie jeder halbwegs regelmäßige Leser der jW-Sportseite, hat mindestens drei Lieben: den HSV, die Argentinier, insbesondere ihre Albiceleste, und die Literatur. In den frühen 90ern organisierte er das Social-Beat-Festival, diverse Lesungen, gab die Literaturzeitschrift Der Störer heraus, veröffentlichte den Prosaband »Ist hier noch frei?« (Karin Kramer Verlag, Berlin 1996) u. v. a. m.

Über Fußball und Literatur schreibt er, seit ich denken kann, für die junge Welt. Der erste Text, den das jW-Onlinearchiv verzeichnet (es muss nicht der tatsächlich erste sein), datiert auf den 21. März 1998, noch als Jörg André Dahlmeyer gezeichnet, gewissermaßen apokryph. Damals gab es auf den Themaseiten noch gelegentlich Belletristik, und schon die ersten Sätze von »Sind Sie vom Mond gefallen?« sind unverkennbar Dahlmeyer: »Oh, Mann. Mein Rücken war total im Arsch, ich hatte die ganze Nacht am Schreibtisch verbracht, ein urst spannendes Leben, sozusagen.«

Ab 2003 las man das dann vornehmlich auf der Sportseite, da war er bereits von Ostberlin nach Argentinien gezogen und berichtete, was der lateinamerikanische Fußball so zu bieten hat. Die erste »Latin Lovers«-Kolumne erschien 2004 und handelt von »teuflischen Fußballchören« am »sechsten von 19 Spieltagen des ›Torneo Apertura‹«. So etwas erfuhr man nun regelmäßig an dieser Stelle, und zwar nur da. Jede Woche (mindestens) ein Text über Fußball (manchmal auch Handball, Basketball, Polo oder Boxen) aus Süd- und Mittelamerika und das 22 Jahre lang? Da können Sie in anderen Blättern lange suchen. Das passt zur jW wie der berühmte Arsch auf den Eimer, nicht nur wegen des politisch-kulturellen Lateinamerikafimmels hier. Dahlmeyer scheißt kräftig auf den Imperialismus, ob auf den aus den Staaten oder den aus der BRD. Auch den argentinischen Aasgeiern lässt er nichts durchgehen, der Junta nicht, den Peronisten nicht, den Kirchners auch nicht und erst recht dem hijo de p… Milei nicht.

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Vor allem kennt sich Dahlmeyer aus: Wo haben Sie das erste Mal den Namen Neymar Jr., gelesen? Wo erfahren, warum Marcelo Bielsa nicht mehr Trainer der Albiceleste sein wollte? Na? Genau.

Warum Dahlmeyer dennoch nie bei den einschlägigen Podcasts und Sendern vors Mikro gezerrt wurde, nicht einmal während einer FIFA-WM, liegt daran, was er schreibt: das, was eigentlich los ist, cold facts. Und was er da nicht schreibt: Wie nun die Viererkette interpretiert wurde oder wie heiß im Stadion die Luft gebrannt hat, sondern wie der gemeine Fußballfan die ganze Chose in der Zeitung oder vor dem heimischen Fernseher erfährt. Nicht zu vergessen, es liegt auch daran, wie er das aufschreibt. Da steht alles drin. Kostprobe, wir schreiben 2016, in Uruguay kickt Intellektuellenklub Nacional gegen Plaza Colonia: »Verteidiger Alejandro Villoldo schoss so hart er konnte, der Ball wurde von Porras abgefälscht und krachte so in die Reusen. Was bei mir seltsame Gefühle auslöste, denn meine Exfrau heißt mit Nachnamen Porras. Aber wenn gefeiert wird, wird gefeiert. So etwas macht man, schon aus Tradition, immer auf dieselbe Weise. Erst kracht der Korken, es leidet die Decke, und neben dem Einschlag wird das Datum notiert. Die Kunst dabei ist, nicht von der Leiter zu fallen. Muss man also machen, bevor man ex-und-hopp-und-weg-jodelt und den Plastikbecher hinter sich an die Wand schmettert.«

Ich weiß nicht, ob Dahlmeyer Hunter S. Thompsons Texte kannte, als er das erste Mal selbst was zu Papier brachte, aber an all die neunmalklugen 11Freunde-Praktikanten (nicht du, Ken), die meinen, ihr Gefühlshaushalt von IKEA würde irgendwen interessieren: Ihr seid nicht »gonzo«. Das da ist »gonzo«. Dafür braucht es Persönlichkeit, und Dahlmeyer, for better or worse, hat sie.

Die kann auch nerven. Unzählige Volontäre sind über die Jahre bei uns fast kollabiert, weil sie vor lauter Klubsynonymen einfach nicht mehr durchgeblickt haben. Wie funktionieren im Silberland noch mal Ab- und Aufstieg, zählen da Clausura und Apertura, und was zum Teufel ist eine Warhol-Stunde? (15 Minuten.) Aber shit, es geht hier doch nicht einfach um Leben und Tod, bekanntlich ist es weit ernster, und wenn Dahlmeyer uns »Einen wunderschönen guten Morgen!« wünscht, selbst den Onlinelesern am Vorabend und denen, die von der Post wieder nur das wöchentliche Paket bekommen haben, dann heißt das auch: Aufgewacht, Birne an, das ist wichtig oder zumindest von öffentlichem Interesse. Eine Frage der Haltung. Als Menotti starb, kabelte er mir, sinngemäß verknappt, »Der wichtigste linke Trainer des Weltfußballs ist tot. Seite eins oder nix!« Ich antwortete »Geht nicht, die NATO liebäugelt wieder mit dem dritten Weltkrieg, aber Du hast die ganze Seite 16, einmal vollmachen bitte.« Ich bekam: Nix. Natürlich hatte er Recht.

Er liebt eben die Richtigen richtig. Menotti, Bielsa, Happel. Da würde selbst ein Pep Guardiola nicht meckern. Tun Sie sich einen Gefallen und lesen Sie Dahlmeyers Nachruf auf Kevin Keegan. Was dieser schöne Spieler dem schönen Spiel in einem hässlichen Land zu geben vermochte und warum deshalb ein Junge aus Wolfenbüttel, der mit Udo-Lindenberg-Schal Fahrrad fuhr, bei der Allgemeinen Rentenanstalt in Braunschweig einbrechen musste. Ich sag ja, da steht alles drin.

Am 16. August wird André Dahlmeyer 60 Jahre alt. Wir gratulieren!

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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