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Literatur

Die echten Probleme

Frauensorgen: Robert Pfaller möchte, dass Widerworte wieder möglich sind, hat es mit Dialektik aber selbst nicht so

Foto: IMAGO/Rudolf Gigler
Nicht unbedingt das Idealbild eines Dialektikers: Robert Pfaller

Es ist schön, dass dem Internet alles gleich wichtig ist, und so erfuhren wir Mitte Juli, die Moderatorin des ZDF-»Fernsehgartens« Andrea Kiewel habe sich auf Pokemon-Karten beziehend diese für chinesisch (statt japanisch) gehalten und Schriftzeichen mit »Ching, chang, chong« übersetzt, woraufhin es die übliche Empörung gegeben haben muss und die Kundschaft der Nachrichtenseite t-online.de sich über die Empörung empörte: »Wenn aus jeder flapsigen Bemerkung einer Person, die ansonsten tadelloses Wirken zeigt, jedes Mal ein Sturm im Wasserglas entstehen soll, dann haben wir die echten Probleme auf dieser Welt verkannt.« Eine andere Stimme nannte die deutsche Gesellschaft »überempfindlich«: »Jegliche Abweichung vom eigenen Weltbild wird sofort als rassistisch, diskriminierend oder im schlimmsten Fall als rechtsextrem verurteilt«; so entstehe ein Graben »zwischen denen, die es richtig und korrekt machen, und den anderen«.

Schon sind wir in der Welt des an der Kunstuniversität Linz lehrenden Philosophen und Erfolgsautors Robert Pfaller, dessen Lieblingsthese lautet, dass die modernen Überempfindlichkeiten dazu dienen, die echten Probleme zu verschleiern, was auf die Trennung hinausläuft zwischen Menschen, die es richtig und korrekt machen, und denen, die wir rassistisch nennen; statt, per Revolution oder wenigstens Keynes, das gute Leben für alle zu schaffen. Wobei das »gute Leben«, dies der zweite Pfallersche Hauptkampfplatz, nicht mit dem verwechselt werden dürfe, was die Lebensverlängerungs- und Optimierungsindustrie uns Smartphone-Monaden anbietet, sondern aus Geselligkeit und Transgression besteht. Wer immer nur vernünftig sei, handle unvernünftig, nämlich so, dass es der neoliberalen Vereinzelung und protestantischen Disziplinierung in die Hände spiele: Rauchverbot, Ächtung des Fleischkonsums und die Denunziation des guten alten Kompliments machen aus Menschen Maschinen, Erfüllungsgehilfen, und dass auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit der Tod wohnt, kann man seit Adorno wissen.

Philosophie beginnt ja erst da, wo’s kompliziert wird, und also ist alles nicht so einfach, wie es klingt; dabei klingt es erst mal gut: »Die Postmoderne mit ihrem Fokus auf das kulturell Partikulare arbeitet dem ökonomischen Neoliberalismus als Komplizin zu: Denn sie verhindert die Wahrnehmung größerer, übergreifender Interessen sowie die entsprechende Solidarisierung unterschiedlicher Gruppen.« Da können linksbürgerliche Eltern, deren Hauptangst es ist, ihr Kind könne einen Namen tragen, den ein anderes schon hat, gern mal drüber nachdenken, und dass das Banner der Revolution nicht mehr rot, sondern regenbogenfarben ist, bedeutet vielleicht nicht das Ende des Privilegs, sondern nur ein neues; wie man überhaupt »die Welt am liebsten dort verbessert, wo man nicht selbst mit seinem Arsch fett draufsitzt«, und also seine antidiskriminatorischen Manifeste auf Apple-Rechnern tippt. Tatsächlich ist nicht zu übersehen, dass »Diskriminierung« heute die von Hautfarbe und Geschlechtsvorliebe meint und nicht mehr die, die mit dem falschen Stadtviertel zu tun hat; wobei Hautfarbe und Stadtviertel ja nachweislich miteinander zu tun haben. Weshalb jener Strang der Identitätspolitik, der Marx noch nicht vergessen hat, darauf besteht, Gender, Race und Class hingen zusammen, und die Schlagzeile aus Perspektive: Zeitung für Solidarität und Widerstand nur lauten kann: »LGBTI+-Befreiung heißt Kapitalismus abschaffen!«

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Der Reader »Klare Striche zu wunden Punkten« versammelt Gespräche und kleine Reden (übrigens auch zu Humor und schönen Autos), was den Effekt hat, dass sich dieselben Thesen in je anderen Worten wiederholen. Das tut den Thesen insofern nicht gut, als sie dadurch so undialektisch wirken, wie sie am Ende auch sind. Der linkslibertäre Pfaller hat nichts dagegen, als Talkshowphilosoph zu gelten, und wehrt sich gegens »kulturlinke« Argument ad hominem, das einen Satz von Precht nur darum in der Luft zerreißt, weil er von Precht ist, die Korrekten also identitär von den Unkorrekten scheidet. Es ist nicht so, dass die Besorgnis nichts für sich hätte, denn bis zur Militanz gehende Borniertheit ist kein rechtes Privileg; nur ist Pfaller selbst nicht unbedingt das Idealbild eines Dialektikers, obschon er insistiert, es müsse wieder miteinander gesprochen werden, statt immer bloß beleidigt zu sein. Was etwa »Me Too« über das kapitalistische Patriarchat erzählt, will Pfaller, in seinen Gedanken von der selektiven Skandalisierung verliebt, nicht wissen: »Man fragt sich in der Tat, was mit jenen vielen ist, die ›nur‹ gewaltsam fertiggemacht, erniedrigt, gemobbt, ausgebeutet oder prekarisiert werden, ohne jemals irgendein schmutziges Geschäft angeboten oder aufgenötigt zu bekommen. Warum also ausschließlich die sexuell Ausgebeuteten oder Belästigten?« Frauensorgen! »Diese Fokussierung, die, nicht unschlau, ein bestimmtes voyeuristisches Medieninteresse bedient, propagiert die in der Postmoderne beliebte Auffassung, dass alles Sexuelle immer etwas ganz besonders Schlimmes, ja das einzig wirklich Schlimme sein muss.«

Ein Blick ins Internet genügt, um zu erkennen, dass das barer Unsinn ist, wie die linkskorrekte Formel von der »sexualisierten Gewalt« ja eben nicht den Sex, sondern die Gewalt inkriminiert. Aber nur so wird der Vorwurf rund, der sich dem ubiquitär-bigotten Moralismus machen lässt, und aus der richtigen Beobachtung, dass Skandal nicht gleich Skandal ist, folgt ein verdächtig schneller Schluss: »Die Entscheidung darüber, wen es (die Empörung) trifft, liegt bei jenen Eliten, die über Medienmacht – einschließlich solcher in sozialen Netzwerken – verfügen.« Falls der Mob, zumal der rechte, der alles linksgrün Versiffte an den Galgen wünscht, seine Entscheidung nicht ohne und gegen Pfallers (immer linke) Eliten trifft; und sosehr Pfaller erst mal recht hat mit der antiidentitären Forderung, nicht nach der Person, sondern dem Argument zu gehen, litten schon Bände wie »Erwachsenensprache« (2017) darunter, dass die Personen auch mal Verschwörungstheoretiker waren. Was natürlich gut zur elitären Medienmacht passt.

Bevor es wacklig werden kann, wird es laut, und dem linkslibertären Grundwiderspruch, dass Freiheit unter unfreien Bedingungen die Freiheit ist, sein Kind mit Kartoffelchips in die Fettsucht zu füttern, begegnet Pfaller im besseren Fall mit Brecht und Epikur, im schlechteren mit der Wut auf puritanische »Propagandaapparate« und »fanatische Gesundheitsapostel«, die den Sieg über schöne Unvernunft und entgrenzte Geselligkeit schon davongetragen haben; als gäbe es weder Oktoberfest noch Ballermann mehr und wären nicht Fleischtheken und Flughäfen so voll wie eh und je. Und mit den Corona-Fanatikern sind natürlich nicht die fanatischen Impfverweigerer gemeint, die, durchaus partikular, die Intensivstationen verstopften, während unter Bolsonaro und Trump Hunderttausende staatlichem Nichteingriff zum Opfer fielen.

Dem Band dient ein Wort Ludwig Wittgensteins als Motto: »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen«, und dass die ständigen Verletztheiten Kritik unmöglich machen, hat ein klares Wort verdient. Doch opfert Pfaller seiner universalistischen Volkstümlichkeit, zu der dann auch ein gewisser Antiamerikanismus rechnet, zu oft den Unterschied von Klarheit und Schlichtheit, was der Ironie nicht entbehrt, wenn es doch gegen die Schlichtheit linker Moralfrömmelei geht. In einer dritten, restlos triftigen Lieblingsthese beklagt Pfaller den »Verlust der Form«, doch fehlt ihm das Gespür für die Untiefen der eigenen, wesensmäßig polemischen, obwohl er sich doch leidenschaftlich auf Richard Sennett und dessen Klage über den Verlust der Öffentlichkeit bezieht, welche durch Contenance und Nicht-Ich erst entsteht: Der »klare Strich« markiert ja allenfalls die Sorte Öffentlichkeit, die der Politische Aschermittwoch herstellt. Den muss es zwar auch geben; aber ob’s deshalb gleich Philosophie und, über das Kathartische hinaus, »Befreiung« (Pfaller) ist?

→ Robert Pfaller: Klare Striche zu wunden Punkten. Philosophie im Alltags-Check. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2026, 272 Seiten, 22 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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