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25.04.2026
- → Feuilleton
Sprache unter den Zeichen der Macht
Der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Czurda zum 80. Geburtstag
Die politische Relevanz literarischer Werke wird meist gemessen an ihren Themen, am Plot, an den Biographien der auftretenden Figuren – an Kriterien, die nichts aussagen über die sprachliche Gestaltung. Wo aber Sprachkunst ansetzt, dort stehen die Konventionen der sprachlichen Kommunikation, in denen die Herrschaftsverhältnisse sedimentiert sind, auf dem Spiel. Sie muss ihnen begegnen. Eine Autorin, die diese Reibung immer gesucht hat, ist die am 25. April 1946 im oberösterreichischen Wels geborene Elfriede Czurda, die mit ihrer Poetik des Regelverstoßes wie keine andere ästhetische Konsequenzen aus dem feministischen Aufbruch der 1970er und 80er Jahre gezogen hat.
Als einzige Tochter einer alleinerziehenden Mutter in provinzieller Enge aufgewachsen, begann Czurda mit 16 ein selbstbestimmtes Leben, nahm einen Bürojob im nahegelegenen Linz an, holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und studierte Kunstgeschichte und Archäologie in Salzburg. Ein Dissertationsprojekt ermöglichte einen einjährigen Paris-Aufenthalt, der nicht ohne Folgen blieb. »Es gab kaum einen Tag, an dem ich in die Bibliothèque nationale gegangen und nicht einem Demonstrationszug über den Weg gelaufen bin«, erinnerte sich Czurda später in einem Interview. »In Paris habe ich schließlich kapiert, wogegen rebelliert wurde – und dass das politische Feld ein wichtiger Bereich des Wahrnehmens ist, zu dem man als Intellektueller verpflichtet ist.«
In Linz war Elfriede Czurda Heimrad Bäcker und seinem Kreis begegnet, der für sie literarisch prägend werden sollte. Bäckers Zeitschrift neue texte, später die edition neue texte, für die Czurda zeitweise als Lektorin tätig war, waren eine wichtige Plattform für experimentelle Literatur und konkrete Poesie. In diesem Umfeld anzusiedeln sind auch Czurdas erste literarische Publikationen: »ein griff = eingriff inbegriffen« erschien 1978 in Rainer Pretzells Rainer-Verlag in Westberlin, »Fast 1 Leben« kam 1981 in Gerhard Jaschkes Freibord-Sonderreihe in Wien heraus. Dort ist ironische Distanz zu den (männlichen) Dogmatikern der Avantgarde bereits spürbar, wenn es heißt: »unsere amtlich zugelassene sprache ist die monomanie der elite«, die »mit den mitteln des sprachlichen experiments« bestimmte Worte »aus ihrem sprachgebrauch eliminiert« habe.
1982 veröffentlichte Elfriede Czurda, die seit 1980 in Westberlin lebte, bei Rowohlt mit »Diotima oder die Differenz des Glücks« einen Prosaband, in dem es um weibliche Selbstermächtigung geht und der sich verstärkt erzählerischer Mittel bedient – was ihr von ihren Freunden in Linz und Wien als Verrat an der Avantgarde übelgenommen wurde. Ästhetisch und inhaltlich schonungslos mit patriarchalen Strukturen nimmt es Czurda schließlich 1987 in ihrem »Abenteuerroman« »Kerner« auf, in dem es heißt: »Ein Mann macht nicht viel Worte. Er ist das Wort.« Martin Kubaczek attestiert Czurda »eine Schreibtechnik, die ihr fortan als Instrumentarium zum Aufbrechen der sprachlichen Grundlagen von Herrschaftsverhältnissen dienen wird: Kürzestsätze, elliptische, evokative Aussagesätze, Minimalisierung von Grammatik und Reduktion von syntaktischen Formen auf eine Basisstruktur«. Im Gegensatz zur gleichaltrigen Elfriede Jelinek, die zunehmend ins Plakative, mit dem sprachlichen Holzhammer grob Überzeichnende vorstieß, besticht Czurdas Spracharbeit durch Genauigkeit. Indem sie seziert und zuspitzt, erreicht sie eine größere Sprengkraft – wenn es etwa im »Kerner« um sexualisierte Gewalt geht: »Die Gier harpuniert seinen Leib und verhakt sich in seinem Fleisch. Edith. Elf Jahre. Einmal ist Kain Mal.«
Czurdas bekannteste Bücher aber sind die Romane »Die Giftmörderinnen« (1991) und »Die Schläferin« (1997), die ersten Teile einer bis heute Torso gebliebenen Trilogie, in der es Czurda zufolge um »Frauen und Sprache unter den Zeichen der Macht« geht. In ihrer Gegenwehr greifen die Frauen zum Äußersten: »Die Männer sind ein Gift in der Welt, sagt Erika. Ja, sagt Else. (…) Man müßte etwas tun gegen ein Gift, das so giftig ist, sagt Erika. Ja, sagt Else. Man müßte ein Gegen Gift geben, sagt Erika.« Das Gegengift ist das Rattengift, das die Freundinnen ihren Männern verabreichen. Erst in der Liebe zueinander nach dem Mord finden die beiden Giftmörderinnen zu ihrer eigenen Sprache.
Neben den Prosabüchern publizierte Czurda Gedichtbände wie »UnGlüxReflexe« (1995) oder »wo bin ich wo ist es« (2002) und Übersetzungen, etwa von Michel Métail und Rosmarie Waldrop. Lehraufträge führten sie seit den 1990er Jahren in die USA und nach Japan, wo sie zur Auseinandersetzung mit der Form des Waka (31 Silben in fünf Zeilen) angeregt wurde. Nachdem der Rowohlt Verlag die Sprachkunst längst aussortiert hat und auch die Wiener Edition Korrespondenzen, in der Bände wie »ich, weiß« (2008), »dunkelziffer« (2011) und zuletzt das »Buch vom Fließen und Stehen« (2014) erschienen sind, sich nicht mehr für sie engagiert, ist es still um Elfriede Czurda geworden, die heute zurückgezogen in Wien lebt. Wenn die Literatur sich aber nicht ärmer und dümmer als nötig machen will, ist es dringend erforderlich, ihr Werk wiederzuentdecken und neu aufzulegen.
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