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Kino

Fahrt durch die Nacht

Roderick Warichs Film »Funeral Casino Blues«

Foto: eksystent Filmverleih
Gespenster werden zu Schatten (Filmszene)

Bei der Fahrt durch das Dunkel der Nacht schimmern die vorbeiziehenden Baumwipfel in rötlichem Licht. Blau leuchtet die Dämmerung vor dem Fenster eines Hotelzimmers, in dem ein Mann sich gerade aus dem Schlaf schält. Der Luftzug des Ventilators bewegt sacht einen Vorhang. Etwas später arbeitet der introvertierte Wason (Wason Dokkathum), so der Name des Schlaftrunkenen, hinter dem Tresen einer Bar in Bangkok. Auch dort oszilliert das Licht rötlich-blau. Selten wird es hell in Roderick Warichs traumverlorenem Nachtfilm »Funeral Casino Blues«, der in drei deutlich voneinander abgesetzten Kapiteln eine erzählerische Kreisbewegung vollzieht. Wie in einer Zeitschleife verbinden sich dabei Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits. Die nächtliche Atmosphäre mit ihren wechselnden Lichtstimmungen und Spiegelungen findet ihren Widerhall in den gerahmten Parzellen urbaner Räume. Die Sprache der Bilder und die von ihr ausgelösten Stimmungen bilden den Kern von Warichs melancholischem Film.

Dabei beginnt dieser fast mit einem Augenzwinkern, als der schweigsame Raucher Wason sich zunächst vergeblich nach einem Feuerzeug durchfragt, bis ihm die hübsche Rezeptionistin Jen (Jutamat Lamoon) eine Schachtel Streichhölzer entgegenstreckt. Die Großaufnahme dieses Bildes ist für einen Kinomoment eingefroren. Dieses Signal markiert den zündenden Funken für eine Liebe, die in der Folge wie eine Freundschaft aussieht. Denn Jen arbeitet hauptsächlich als Escort für ausländische, zahlungskräftige Männer. Und Wason wird zu ihrem heimlichen Begleiter und Beschützer. Was die beiden außerdem verbindet, sind Geldsorgen und Schulden. Eine latente Gefahr schwebt über ihrer Beziehung, visuell immer wieder verstärkt durch subjektive Perspektiven und die Schwarzweißbilder von Überwachungskameras. Der Regisseur vermeidet allerdings weitgehend die Darstellung von Sex und Gewalt; diese Auslassungen verleihen seinem langsam erzählten Film eine schwebende Unheimlichkeit.

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Diese verstärkt sich sukzessive, als Jen nach einem Besuch bei ihrer Familie außerhalb der Metropole plötzlich verschwindet. So begibt sich Wason auf die Suche nach ihr und gerät dabei immer deutlicher in ein geradezu lyncheskes Zwischenreich aus An- und Abwesenheit, in dem sich die Spuren verlieren und die Liebenden auf geheimnisvolle Weise einander begegnen. Als Gespenster werden sie zu Schatten, deren Anwesenheit unsichtbar, doch fühlbar bleibt. Bis die Fahrt durch die Nacht mit ihrem rötlich flackernden Leuchten schließlich von jenem undurchdringlichen Dunkel verschluckt wird, das von einem ewigen, unumkehrbaren Verschwinden kündet.

»Funeral Casino Blues«, Regie: Roderick Warich, BRD/Thailand 2026, 153 min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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