Mehr Treue als Wandel
Vor 150 Jahren fanden erstmals die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth statt, 1951 wurden sie wiederaufgenommen. Über eine Stunde Null, die keine war
Es fällt schwer, sich einer gewissen Schadenfreude zu erwehren, wenn die Politprominenz dieses Landes alljährlich nach Bayreuth auf den Grünen Hügel pilgert, um sich dort mutmaßlich viele Stunden lang zu langweilen. Sie kann ja auch schlecht in der Pause gehen, ohne dass das registriert würde. Als die Richard-Wagner-Festspiele 1951 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder stattfanden, begab sich der damalige Bundespräsident Theodor Heuss nicht in die fränkische Provinz. Und es war auch keineswegs allgemeiner Konsens, dass es eine gute Idee war, die Bayreuther Festspiele wieder aufleben zu lassen. Denn ein stärker kompromittierter Ort als »Hitlers Hoftheater« (Thomas Mann) mit der mit Adolf Hitler eng befreundeten Wagner-Schwiegertochter Winifred als Leiterin war schlechterdings nicht vorstellbar. Dennoch gelang 1951 nicht nur ein erfolgreicher Neustart als Simulation einer »Stunde Null«, »Neu-Bayreuth« vermochte künstlerisch zu überzeugen, und auch der Wagner-Clan konnte sich im Sattel halten. Wie konnte das passieren?
Nachdem die »Götterdämmerung« keine Fiktion mehr war, sondern eine Metapher für den Zusammenbruch Hitlerdeutschlands, konnte man sich in Bayreuth nicht so leicht in die neuen, demokratischen Zeiten schwindeln wie anderswo; man stand unter verschärfter Beobachtung. Selbstverständlich war Winifred Wagner, Ehefrau des 1930 verstorbenen Wagner-Sohns Siegfried, als Leiterin untragbar. Aber auch ihre Söhne Wieland und Wolfgang waren schon in der Nazizeit als Nachfolger aufgebaut worden. Wieland, anders als sein Bruder künstlerisch und intellektuell begabt, hatte sich noch in den Kriegsjahren als Bühnenbildner und Regi→sseur ausprobieren können und 1943/44 seinen ersten »Ring« in Altenburg inszeniert. Um die Ausbildung des Hitler-Protegés kümmerten sich Heinz Tietjen, Generalintendant der Preußischen Staatstheater und künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele, und der österreichische Dirigent und Komponist Kurt Overhoff.
Bitte möglichst unpolitisch
Die Voraussetzungen für »Neu-Bayreuth« waren gut. Das Festspielhaus hatte den Krieg überstanden, lediglich die Villa Wahnfried war – symbolträchtig genug – den Bomben zum Opfer gefallen. Die US-amerikanischen Besatzer waren daran interessiert, »dass die Festspiele ihre weltumfassende, kulturelle Aufgabe so schnell wie möglich wieder aufnehmen«. Zudem war die Familie Wagner juristisch gut abgesichert, ihre Enteignung wurde nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Dabei hätte es auch eine saubere Lösung geben können: Der in der Schweiz lebende erste Wagner-Enkel Franz Wilhelm Beidler, Sohn der Wagner-Tochter Isolde, war 1933 emigriert und im Gegensatz zum Rest der Familie politisch nicht belastet. Freilich war dieser Familienzweig schon von der Komponistengattin Cosima kaltgestellt worden. In seinen »Richtlinien für eine Neugestaltung der Bayreuther Festspiele« schlug Beidler die Enteignung der Familie und die ^Einrichtung einer Festspielstiftung vor. Ihm war vor allem daran gelegen, sich der Unterstützung Thomas Manns zu versichern und ihm schwebte ein Komitee progressiver Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst vor, darunter Leo Kestenberg, Alfred Einstein, Arnold Schönberg und Paul Hindemith. Für Wolfgang Wagner war das alles nur eine »tragikomische Beidleriade«.
Gemeinsam mit seinem Bruder Wieland stand er für ein »Neu-Bayreuth«, dessen Voraussetzung zwei Arten von Rettungsversuchen waren, wie der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger sie beschrieb: die Verdrängung von Richard Wagners Antisemitismus und die »Entrümpelung« Bayreuths als »Tempelreinigung«. Wieland Wagner sprach in pathetischen Worten von »Treue und Wandel«, nun sei der Wandel unvermeidbar. »Hier gilt’s der Kunst« – mit dem Zitat aus den »Meistersingern« wurde der paradoxe Versuch gemacht, die ersten Nachkriegsfestspiele in einen »unpolitischen« Rahmen zu stellen. Die Besucher lasen im Festspielhaus die Aufforderung: »Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen.«
Vom Neuanfang an und bis zu seinem frühen Tod 1966 war Wieland Wagner der dominierende Regisseur in Bayreuth: 1951 inszenierte er »Ring« und »Parsifal«, lediglich die »Reichsparteitagsoper« »Die Meistersinger von Nürnberg« wurde in einer altbackenen Inszenierung von Rudolf Otto Hartmann gezeigt. Wieland Wagner wollte an die Zeit vor 1945 möglichst nicht erinnert werden und sein »Neu-Bayreuth« so betrachtet sehen: »Bayreuth ist nicht mehr einfach ein nationaler Schrein. Seit 1951 ist es der Treffpunkt von Menschen aus vielen Nationen geworden, argumentierend und zum Großteil jung, die Wagner nicht als einen umstrittenen Repräsentanten des Historismus aus dem 19. Jahrhundert, sondern als eine universelle Figur sehen wie: Aischylos, Shakespeare oder Calderón.«
Kollektiv geschichtsvergessen
Wieland Wagner gab auch die Losung aus: »Uns interessieren keine germanischen Götter mehr, sondern nur der Mensch.« Seine Götter machten denn auch einen eher griechischen Eindruck. Die Bühne wurde entrümpelt, wobei die bis 1958 zu sehende »Ring«-Inszenierung Jahr für Jahr überarbeitet und dabei szenisch immer minimalistischer wurde, wie Frank Piontek gezeigt hat. 1951 etwa gab es im »Siegfried« noch einen richtigen Drachen und eine Schmiedewerkstatt. Auch die Kostüme wurden zunehmend »abstrakter«, die »germanischen« Kopfbedeckungen entfielen, die Lichtregie gewann an Bedeutung. Der in den 1930er Jahren in Bayreuth vielbeschäftigte Wilhelm Furtwängler durfte 1951 nur das Eröffnungskonzert mit Beethovens 9. Symphonie dirigieren, die maßgeblichen Dirigenten waren Hans Knappertsbusch und Herbert von Karajan. Knappertsbusch, kein Parteimitglied und in der Nazizeit ein unangreifbarer Querkopf, stand für die große Wagner-Tradition, war für den »Parsifal« zuständig und teilte sich mit dem Jüngeren die »Ring«-Dirigate. Karajan, NSDAP-Mitglied und aufstrebender Stardirigent, brachte einen moderneren, weniger gravitätischen Wagner-Stil auf den Grünen Hügel, wie der Mitschnitt seiner musikalisch sehr gelungenen »Meistersinger« beweist.
Auch wenn Knappertsbusch, erbost über Wieland Wagners Inszenierungsstil, ihm nach dem ersten Festspielsommer die Gefolgschaft kündigen wollte und davon schrieb, auf dem »richtigen Weg« derer, die »Wagner endlich erledigt wissen wollen«, nichts zu suchen zu haben: Bei genauerer Betrachtung war »Neu-Bayreuth« mehr von Treue als von Wandel geprägt, und auch »Kna«, wie der polternde Grandseigneur aus München liebevoll genannt wurde, dirigierte dort bis 1964. In den Programmheften schrieben nach wie vor alte Nazis wie Curt von Westernhagen. Und auch Wieland Wagners leergefegte Bühne hatte durchaus Vorläufer in der Zwischenkriegszeit – bei Adolphe Appia, aber auch bei Emil Preetorius, der bereits in den 1930er Jahren einen gemäßigten Modernismus auf die Bayreuther Festspielbühne brachte. Ingrid Kapsamer resümiert in ihrer Wieland-Wagner-Biographie, dass die »Neucodierung« der Festspiele nur »realisierbar war unter den Vorzeichen der kollektiven Geschichtsvergessenheit«.
In dieser ruhigen, malerisch gelegenen fränkischen Stadt kehrt allmählich wieder Festivalstimmung ein. Obwohl die Bayreuther Festspiele 1951 noch fast ein Jahr entfernt sind, gibt es in der Stadt bereits Stände, an denen Reservierungen für den kommenden August vorgenommen werden können, und im Festspielhaus sowie in der Villa Wahnfried herrscht reges Kommen und Gehen.
Wenn alles nach Plan verläuft, wird alles wieder so sein wie früher. Zumindest bleibt das Festival ausschließlich in der Hand der Familie Wagner, und das Repertoire wird ausschließlich aus Wagner-Werken bestehen. In der Zwischenzeit von 1945 bis 1949 gab es zahlreiche Diskussionen darüber, ob das Festspielhaus und die Festspiele vom Staat übernommen und das Repertoire erweitert werden sollten. Doch im April 1949 wurde das Anwesen, das zuvor unter Treuhandverwaltung der bayerischen Regierung stand, an die Familie Wagner zurückgegeben, deren heutige Vertreter ebenso traditionsbewusst sind wie ihre Vorfahren.
→ Auszug aus: »Bayreuth wird wiederbelebt. Wagners Enkel planen wieder Festspiele für 1951«, New York Times, 1.10.1950
Alles wieder wie früher
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