Wörter trennen, Bilder verbinden
Von Florian Neuner
Für die Vermittlung neuartiger Inhalte müssen auch neue Sprachen erfunden werden – das war und ist in der Linken vielen nicht bewusst. In den frühen Jahren der Sowjetunion gab es dieses Bewusstsein, und auch im »roten« Wien der 1920er Jahre gab es einen Mann, der innovativen Kommunikationsstragien die höchste Priorität einräumte: Der Nationalökonom Otto Neurath (1882–1945), der in der Wirtschaftsabteilung des k.u.k. Kriegsministeriums gearbeitet und in den Tagen der Bayerischen Räterepublik ein Zentralwirtschaftsamt initiiert und geleitet hatte, fand in der nach dem Ersten Weltkrieg von einer fortschrittlichen Sozialdemokratie regierten österreichischen Hauptstadt ein Betätigungsfeld, dessen Zustandekommen und weitere Wirkung das Wien-Museum jetzt in einer gut gemachten Ausstellung nachzeichnet.
Nachdem Neurath 1920 den Österreichischen Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen gründete und in diesem Rahmen seine volksbildnerische Tätigkeit entfaltete, eröffnete sich ihm ab 1925 die Möglichkeit, mit Unterstützung der Stadt Wien und der Arbeiterkammer ein völlig neuartiges Museum aufzubauen: das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum. Den »Museen der Vergangenheit« mit ihren »Kuriositäten- und Raritätenkabinetten« stellte er in einer Denkschrift seine Vision eines Museums als »Lehrbuch im Grossen« gegenüber: »Die Gegenwart verlangt vom Einzelnen als Mitglied einer Demokratie ein Erkennen und Verstehen gesellschaftlicher Zusammenhänge; er muss die Auswirkungen von Gesetzen, Einrichtungen, aber auch grosser geschichtlicher Entwicklungstendenzen begreifen.« Dieses Museum neuen Typs fußte auf keiner Sammlung, sondern machte es sich zur Aufgabe, Wissen zu vermitteln. Dabei wurde die Notwendigkeit erkannt, in der visuellen Kommunikation neue Wege zu beschreiten. Ein Team um Otto Neurath erarbeitete die sogenannte Wiener Methode der Bildstatistik, die bald internationales Interesse weckte und als »Isotype« (International System of Typographic Picture Education) bekannt wurde. So wurde 1931 in Moskau das Institut für Bildstatistik gegründet, das die Wiener Methode aufgriff.
Gemäß dem Motto »Wörter trennen, Bilder verbinden« kreierte Neurath mit seinen Mitarbeitern, zu denen seine spätere Frau Marie Reidemeister und sozialistische Künstler wie Gerd Arntz zählten, eine auf Piktogrammen basierende Bildsprache, die Balken und Kurven vermied und Mengenunterschiede nicht durch unterschiedlich große, sondern durch eine unterschiedliche Anzahl von Piktogrammen verdeutlichte. Angélique Groß hebt in ihrem Katalogbeitrag hervor: »Neurath konstatiert, dass die eingesetzten Vermittlungsmethoden von Wort und Schrift bürgerlich geprägt sind und die Masse der Arbeiterschaft exkludieren, weil sie diese Kulturtechnik nicht beherrscht. Deshalb entwickelt er eine visuelle Vermittlungsmethode, die mit der bürgerlich tradierten bricht.«
Sujets, die in der neuen Bildsprache dargestellt wurden, waren etwa der Zusammenhang von Tuberkulose und Wohnsituation, die Gliederung eines industriellen Unternehmens, der »Kraftwagenbestand der Erde«, die Belastung der Arbeiterinnen mit Hausarbeit oder auch Errungenschaften der Sozialdemokratie wie der Aufbau der »Schülerspeisung der Gemeinde Wien«. In Wien wurde an einem umfassenden Zeichenalphabet gearbeitet, das die gesamte Ding-, aber auch die Pflanzen- und Tierwelt umfassen sollte. 1930 publizierte das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum den Band »Gesellschaft und Wirtschaft« als »bildstatistisches Elementarwerk«. Mit der Volkshalle des Wiener Rathauses war man an zentraler Stelle präsent, trug die Ausstellungen aber auch in die Außenbezirke.
Otto Neurath visierte nicht weniger als ein »Museum der Geschichte der Menschheit«. Indes endete seine so fruchtbare Tätigkeit in Wien, als 1934 die Austrofaschisten an die Macht kamen und dem »Roten Wien« ein Ende bereiteten. In der letzten Dekade seines Lebens, die er im Exil zubringen musste, konnte er seine Arbeit immerhin fortsetzen: in Den Haag, wo er mit Mitstreitern aus Wien bei der International Foundation for Visual Education arbeitete; später – nach der Besetzung der Niederlande durch Hitlerdeutschland – in Oxford, wo er 1941 das Isotype-Institut gründete, das seine Frau nach seinem Tod bis 1971 weiterführte und wo auch das Medium Film an Bedeutung gewann. Die sehenswerte Ausstellung rollt nicht nur die Geschichte der aus einem politischen Anliegen geborenen neuen Bildsprache auf, sondern zeigt auch, wie die Ideen weiterwirken und wie einige Gegenwartskünstler sich (nur mäßig spannend) daran abarbeiten.
»Wissen für alle. Isotype – Bildsprache aus Wien«, bis 5. April, Wien-Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien
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