Ukrainische Walhalla
Die Führung in Kiew baut sich ein nationales Geschichtsbild – ohne Rücksicht auf Nachbarn und Verluste
Ob die Ukraine den gegenwärtigen Krieg gewinnt oder verliert, ist zum heutigen Zeitpunkt offen. Dafür hat ihr Präsident ihr ein Feld eröffnet, auf dem sie per definitionem nicht verlieren kann: die Geschichtspolitik. Wolodimir Selenskij hat einen Gesetzentwurf zur Schaffung einer zentralen Gedenkstätte für alle ukrainischen Nationalhelden aller Zeiten ins Parlament eingebracht. Zur Begründung schrieb er vor wenigen Tagen auf Telegram, in diesem Jahr ballten sich die historischen Jahrestage: der Schaffung der Griwna als nationaler Währung, des Aufbaus eigener Streitkräfte und der Verabschiedung der eigenen Verfassung.
Dass das Nationalgeld seit Einführung durch Hyperinflation und mehrfache Währungsreformen konstant entwertet wurde und die Streitkräfte einfach aus den zum Zeitpunkt des Zerbrechens der Sowjetunion auf dem Territorium der ukrainischen Sowjetrepublik stationierten Einheiten herausdefiniert wurden, ging in der feierlichen Deklaration Selenskijs unter: Das »nationale Pantheon« werde alle Helden umfassen, die »im Laufe der Jahrhunderte für die Ukraine gekämpft und die Ukrainer inspiriert« hätten. Diese Persönlichkeiten würden für immer mit großen Initialen geschrieben werden, und eine Ukraine, »die sich selbst achtet, ihre nationale Eigentümlichkeit wertschätzt und verteidigt«, werde sich von niemandem aus dem Ausland vorschreiben lassen, »wie wir leben, wie wir sprechen, wen wir verehren, wem wir dankbar sein und welche Helden wir verehren sollen«.
»Helden der UPA«
Das war eine frontale Kampfansage nicht nur an das in Kiew verhasste Russland, dessen Sprache sich – man höre sich einfach einmal auf deutschen Straßen die Leute an, die nach ukrainischem Dialekt das russische »g« am Wortanfang als »ch« aussprechen – gleichwohl nicht aus dem Alltag verdrängen lässt, sondern auch gegen das in der anderen Himmelsrichtung liegende Polen. Warschau hat sich zuletzt die Erhebung der Kämpfer der »Ukrainischen Aufstandsarmee« (UPA) auf die Altäre des nationalen Selbstbewusstseins verbeten. Denn die »Helden der UPA«, nach denen benannt zu werden Selenskij seinen Soldaten – als Oberkommandierender – angeblich nicht habe abschlagen können, sind in Polen bekannt als Täter eines Genozids an den bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der heutigen Westukraine lebenden Polen und wecken entsprechend wenig freundliche Assoziationen.
Das beschränkt sich nicht auf die politischen Eliten Polens; auch in der breiteren Öffentlichkeit beginnt das polnisch-ukrainische Verhältnis zu kippen. Die Tusk-Regierung hat alle Mühe, diese Tendenz mit lächerlichen Vorschlägen, Gerhard Schröder denselben polnischen Orden zu entziehen, den Präsident Karol Nawrocki seinem ukrainischen Kollegen aberkannt hat, zu kontern. Es kam sogar zu der ungewöhnlichen Situation, dass die für Auszeichnungen zuständige Staatssekretärin der polnischen Präsidialkanzlei ein paar Wahrheiten in Umlauf brachte: Unter Schröder seien in Deutschland keine Denkmäler für Hitler oder Himmler errichtet und es seien keine Bundeswehr-Einheiten nach »Helden der SS« benannt worden. Für eine Politikerin der polnischen Rechten war das allerhand.
Über die geistige Hinterlassenschaft irgendwelcher mittelalterlicher Kirchenväter in bezug auf die heutige Ukraine kann man trefflich streiten. Aber das kann man auch mit Karl dem Großen und der deutschen Nationalgeschichte, und genauso langweilig ist diese Debatte auch am ukrainischen Beispiel. Ebenso wie die Frage, ob die aufständischen Kosaken der frühen Neuzeit, die sich der Leibeigenschaft im feudalen Polen-Litauen entzogen hatten und im damaligen Grenzgebiet zwischen Polen und der Türkei ein fröhliches Räuberleben führten, wenn ihre Anführer sich nicht als Söldner bei diesem oder jenem angrenzenden Herrscher verdingten, frühe Ukrainer gewesen seien.
Geschichte wird gemacht
Bogdan Chmelnizkij, der Anführer des größten Kosakenaufstands in der Mitte des 17. Jahrhunderts, war als polnischer Kleinadliger geboren worden und – eine Kohlhaas-Natur – über einen verlorenen Prozess und die dadurch gekränkte Adelsehre zum Gegner der polnischen Monarchie geworden. Dass er sich streckenweise mit dem türkischen Sultan und dann auch wieder mit dem russischen Zaren verbündete, kennzeichnet ihn eher als in der Wahl seiner Allianzen wenig wählerischen politischen Opportunisten, der sich mit allen verbünden musste, in deren politischen Kalkulationen Platz für sein Kosakenheer war. So eben auch mit dem moskowitischen Zaren, dem er sich 1654 andiente und die ausbedungene Autonomie seiner Kosaken nicht lange aufrechterhalten konnte. Man könnte auch daran erinnern, dass mit dem Chmelnizkij-Aufstand zahlreiche Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung einhergingen – aber ob das eine Konstante des ukrainischen Nationalcharakters bezeichnen soll, die sich in der Aktivität der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) als Kollaborateure der deutschen Besatzungsherrschaft zwischen 1941 und 1944 erneut manifestierte, das wird dann in Kiew heute doch lieber nicht so genau diskutiert.
Behaupten könnte man es allemal, und die moderne Ukraine, die sich solcher Helden rühmt, müsste sich mit entsprechenden Rückschlüssen zunächst einmal auseinandersetzen, anstatt mit einem oberflächlichen Konter zu kommen: Ein Land, das sich einen Präsidenten mit jüdischen Wurzeln leistet, könne schon aus diesem Grund nicht faschistisch oder faschistoid sein. Genau in diesem Kontext fehlender selbstkritischer Aufarbeitung wird in Kiew, wenn überhaupt, auf die Zeit nach dem Krieg vertröstet, wo alle Fragen angesprochen werden könnten. Aber bitte nicht jetzt. Wenn Polen heute von der ukrainischen Seite verlangt, sich für den Genozid an den polnischen Bewohnern seiner damaligen »östlichen Grenzgebiete« zumindest zu entschuldigen, wird das mit Gegenaufrechnungen polnischer Untaten an Ukrainern – die es zweifellos gegeben hat – beantwortet. Selbst der Wunsch Warschaus, die Opfer der Massaker aus den Jahren 1943 bis 1946 würdig zu bestatten, wird allenfalls einmal als humanitäre Geste »ohne Anerkennung einer Rechtspflicht« im Einzelfall berücksichtigt, aber nie so, dass daraus irgendwelche allgemeinen Schlussfolgerungen abgeleitet werden könnten.
Goldene Gelegenheit
Das war nicht immer so. Die polnisch-ukrainische Aussöhnung war schon weiter, bevor der Krieg das ukrainische Selbstbewusstsein radikalisiert hat. Ein in dieser Frage relativ diskussionsbereiter Direktor des ukrainischen Instituts für nationales Erinnern wurde 2025 abgelöst und durch einen Mann aus der »Asow«-Bewegung ersetzt. Für die ukrainischen Nationalisten ist der aktuelle Krieg eine goldene Gelegenheit, ein verbindliches Geschichtsbild in ihrem Sinne zu kreieren und alle Zweifel oder Reflexionen nach Möglichkeit zu unterdrücken. Wer sich diesem Zwang zum Anschluss an den von den ukrainischen Rechten geprägten Diskurs entzieht, kann froh sein, wenn er es noch ins Ausland schafft und nicht wegen Wehrkraftzersetzung in den Kellern des Geheimdienstes SBU landet.
Die Bestimmtheit, mit der ukrainische Vertreter heute über die Parteigrenzen hinweg polnische Kritik an diesem Geschichtsbild zurückweisen, spiegelt das Selbstbewusstsein einer politischen Elite wider, die die nicht nur in Polen, sondern auch in Berlin geäußerten Komplimente, die Ukraine kämpfe für die »Sicherheit Europas« und die »europäischen Werte«, nicht als den Zynismus zurückweist, der solche Lobhudeleien objektiv ist, sondern diesen Zynismus ins Positive wendet: Wenn wir schon unsere Knochen für euch hinhalten, dann redet uns gefälligst nicht rein, wie wir uns diese Rolle als Verbrauchsmaterial europäischer und US-amerikanischer Anti-Russland-Strategien für den internen Gebrauch schönreden.
Wenn dabei acht Jahrzehnte nach der Niederlage des deutschen Faschismus das von der Befreiung 1945 geprägte Geschichtsbild mitentsorgt wird, weil die ukrainische Nebenform dieses Faschismus wieder zu Ehren kommt, dann ist das der Preis, den auch deutsche Eliten leichten Herzens zahlen. Es wäre ja auch noch vor wenigen Jahren nicht denkbar gewesen, dass ein halbwegs prominenter Politiker wie Roderich Kiesewetter (CDU) sich mit der Aussage zitieren lässt, Russland müsse »verlieren lernen wie Deutschland 1945«. Man kann das für komplett realitätsfremd auf der faktischen Ebene halten, aber auf die kommt es Kiesewetter mit diesem Zitat auch gar nicht an. Es geht ihm – und den geschichtsrevisionistischen ukrainischen Nationalisten – um die symbolische Ebene: die Revanche für 1945 und alles, was damals im Sieg der Sowjetarmee untergegangen ist. Das scheinen die »europäischen Werte« zu sein, für die die Ukraine kämpft.
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