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Klassenkampf

Proletarische Gegenmacht

Die Gewerkschaft Sudd Cobas organisiert den Klassenkampf im Textilsektor der italienischen Stadt Prato

Von Nico Reissner
Foto: IMAGO/ZUMA Press
»Wer keine Streikposten will, will Sklaverei.« Demonstration der Basisgewerkschaft Sudd Cobas nach Räumung der Acca-Fabrik in Seano (Prato, 5.7.2026)

Die Fahnen der Basisgewerkschaft Sudd Cobas sind mit Klebeband am Werkstor befestigt. Ausnahmsweise weht jetzt ein Wind und mildert ein wenig die Hitze am Streikposten. Seit sieben Wochen sind hier die Zelte aufgeschlagen, harren Arbeiter und Gewerkschaftsaktivisten aus und blockieren die Warenströme des Logistikriesen Acca in Prato, um ihre Streikforderungen durchzusetzen.

Prato, 20 Kilometer nördlich von Florenz gelegen, war ab dem 19. Jahrhundert ein Zentrum der italienischen Textilindustrie. Viele Fabriken mussten im globalen Wettbewerb allerdings Konkurs anmelden und vermieteten ihre Werkshallen an einen der etlichen chinesischen Betriebe. Von rund 200.000 Einwohnern der Stadt sind rund 20 Prozent Chinesen, die sich seit den 1980er Jahren in Prato ansiedelten. Der Streikposten befindet sich im Industriegebiet Macrolotto im Süden der Stadt, dort, wo auch all die anderen Werkshallen sich befinden.

Zwölfstundentag

»Letztes Jahr gab es nur einen einzigen Tag, an dem wir nicht irgendwo im Streik waren«, erzählt Francesca, die seit vielen Jahren beratend und organisierend bei der Gewerkschaft tätig ist. Sudd Cobas hat einen schlagkräftigen Widerstand gegen die Ausbeutungsbedingungen rund um Prato aufgebaut. Mittlerweile sei oftmals die bloße Androhung eines Streiks schon genug, um die Bosse zum Einlenken zu bringen. In Prato weiß man: Haben sich die Leute von Sudd Cobas zu einem Streik an einem Standort entschieden, dann lassen sie nicht locker, bis sie gewonnen haben. Und gewonnen haben sie viel. Mit den entschlossenen Streiks gelang es den Arbeitern an zahlreichen Standorten, den Achtstundentag an fünf Tagen in der Woche zu erkämpfen.

Im Textilsektor Pratos waren zuvor Arbeitstage von zwölf Stunden Normalität – an sieben Tagen in der Woche. Die Arbeiter kommen größtenteils aus Pakistan und China. Ajas erzählt uns von seiner Erfahrung bei Acca. Er erzählt, dass nach den Zwölf-Stunden-Schichten die Erschöpfung oft so groß gewesen sei, dass sogar die Energie zum Essen fehle. Dabei zahlte Acca einen Stundenlohn von ungefähr drei Euro. Wer auch nur an einem einzigen Tag im Monat nicht zur Arbeit erschienen war – egal, aus welchem Grund –, erhielt sein Gehalt nicht.

Die Unternehmen in Pratos Textilsektor reagieren mit einer altbekannten Taktik auf die organisierten Belegschaften. Wird eine Fabrik gezwungen, einen kollektiven Arbeitsvertrag zu unterschreiben, wird sie kurz darauf geschlossen. Im dichten Geflecht der Lager- und Fabrikhallen mieten sie dann ganz in der Nähe ein neues Gebäude und machen dort weiter – zu den alten Bedingungen. Das haben auch die Bosse von Acca versucht: Nachdem letztes Jahr grundlegende Rechte erkämpft worden waren, schlossen sie ihr Hauptmagazin. Daraufhin mobilisierte Sudd Cobas umgehend und blockiert nun mit Streikposten alle Areale des Logistikunternehmens und damit auch die Waren der Kunden.

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Im Kampf gegen Acca musste Sudd Cobas mittlerweile fünf Streikposten parallel aufbauen. Das ist kräftezehrend, aber effektiv. An den Tag- wie an den Nachtschichten beteiligen sich neben den Beschäftigten von Acca auch viele Arbeiter aus anderen Unternehmen. Die meisten sind über einen Streik in der eigenen Firma zu Sudd gekommen, sind Teil einer Streikgemeinschaft geworden und entschlossen, anderen zur Seite zu stehen, um die unmenschliche Ausbeutung zu überwinden.

Dein Streik ist mein Streik

Einer von ihnen ist Kassim, der noch vor zwei Jahren ebenfalls zwölf Stunden am Tag arbeitete. Er und seine Kollegen wussten, dass die Gewerkschaft ein Büro hat, dass sie dorthin gehen könnten, um sich gemeinsam zu wehren. Es fehlten damals aber Kraft und Zeit. Niemand hatte neben und nach der Arbeit noch Energie für irgend etwas anderes. Als aber der Vorarbeiter dann eines Tages einen älteren Arbeiter als »Schwein« beschimpfte, kippte die Stimmung. Einige nahmen Kontakt zur Gewerkschaft auf, kurze Zeit später traten sie in den Streik. Heute arbeitet Kassim auf der Grundlage eines regulären Arbeitsvertrags. Seine Freizeit nutzt er, um an den Sitzungen der Gewerkschaft teilzunehmen und die Streikposten zu verstärken.

Vermittelt über die Gewerkschaft herrscht in der pakistanischen Community von Prato eine starke Klassensolidarität. Der Zusammenhalt kommt unter anderem aus der Einsicht, dass die Erfolge in den einzelnen Betrieben nur gesichert werden können, wenn den Bossen keine Ausweichmöglichkeit und keine Pause gegeben wird. Gemeinsam trotzen sie den Angriffen, den Ausweichmanövern und jedem Wetter. Acca ist dabei ein strategisch wichtiger Gegner, weil die Firma ein Scharnier bildet zwischen vielen Bereichen der Textilindustrie in Prato. Acca ist im Fast-Fashion-Bereich das zweitgrößte Logistikunternehmen Italiens, und sein wichtigster Knotenpunkt ist nun seit Wochen fast vollständig blockiert.

Es gab und gibt verschiedene Methoden, die Gewerkschaft zu bekämpfen. Anfangs wurden streikende Arbeiter auf dem Nachhauseweg angegriffen und zusammengeschlagen. Später der direkte Angriff auf die Streikposten: Chefs und Vorarbeiter aus der Region, die noch eine Rechnung mit Sudd Cobas offen hatten, rückten an. Vorarbeiter attackierten den Streikposten mit Schlagstöcken, doch die Streikenden harren aus. Sodann tritt Polizei auf. Das gab es seit vier Jahren nicht mehr. Die Polizei knüppelte auf die Streikenden ein und verhaftete viele. Doch am nächsten Tag sind sie zurück. Acca versucht zudem juristisch, den Streik zu brechen: Die Kunden der Firma klagen auf Herausgabe der Waren, die in den vom Streik blockierten Lagern des Unternehmens liegen. Bisher ohne Erfolg. Die Streikposten sind zäh, als hätten sie sich mit Krallen in den Asphalt vor den Magazinen gegraben.

Klassenkampfzone

Wie ist es möglich, dass der italienische Staat diese nach sämtlichen bürgerlichen Standards illegale Ausbeutung nicht aktiver bekämpft? Schließlich sind diese Firmen neben der skrupellosen Ausbeutung auch auf Steuervermeidung spezialisiert. Löhne werden bar ausbezahlt, und auch ein großer Teil der Warenströme geht am Fiskus vorbei.

Luca, ein langjähriger Gewerkschaftsaktivist, erklärt es so: Der Staat hat ein Interesse an diesen Arbeitsbedingungen, weil er damit Kapital anziehen kann, das dann hier in Produktionsanlagen investiert wird. Für Migranten aus vielen Ländern ist es in Italien bedeutend einfacher, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten als in anderen EU-Ländern. Italien schafft damit eine rassistisch codierte und degradierte Überschussbevölkerung, die fast keine Rechte hat, aber ihre Arbeitskraft verkaufen darf – ohne jeglichen Schutz. Somit entsteht ein Spezialsektor, der sehr konkurrenzfähig ist. Es ist vergleichbar mit den Sonderwirtschaftszonen, die man aus sogenannten Entwicklungsländern kennt.

Was Sudd Cobas in dieser Zone schafft, wirkt weit über die regionalen Grenzen Pratos hinaus, auch wenn die Kooperation mit anderen Basisgewerkschaften in der zersplitterten italienischen Linken oft schwierig ist. Sie bauen eine im Klassenkampf verankerte Struktur auf, die sich keineswegs nur um Löhne und Arbeitszeit dreht. Die Gewerkschaft war in der Region einer der zentralen Motoren in antifaschistischen Mobilisierungen und in der Palästina-Solidarität. Damit zeigen sie Wege auf, wie trotz des Erstarkens der Rechten und all der neoliberalen Angriffe der vergangenen Jahrzehnte proletarische Gegenmacht entwickelt werden kann.

An den Streikposten vor den Acca-­Standorten wird weiter ausgeharrt. Nachdem die juristische Strategie der Bosse vorerst ins Leere gelaufen ist, könnte es nun auch wieder zu physischen Angriffen kommen, wie Francesca befürchtet. Aber Sudd Cobas steht bereit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.08.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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