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Literatur

Schläft ein Witz in allen Dingen

Vor zwanzig Jahren starb der heitere Poet Robert Gernhardt

Foto: Rau/imago
Satz verlangt nach Satz: / So entsteht Gedicht. / Und das macht dann Sinn. / Aber ich doch nicht.

Stapf nur, postmoderner Künstler, / durch das Grün der Kunstgeschichte. / Tritt die Halme mutig nieder / auf dem Gang ins Unwegsame. / Bahne dir mit festen Schritten / einen Weg ins Nie­betretne. / Schau nach vorne, dorthin, wo dir / Werke, Würden, Weihen winken, / aber: // Blick nicht rückwärts, denn sonst sähst du, / wie die Gräser, kaum getreten, / sich schon wieder aufwärts richten, / wie der Weg, den du gegangen, / Schritt für Schritt sich selber auslöscht, / wie die Spur von deinen Tagen / jährlich, täglich, stündlich schwindet, / bis sie so wie du vergangen: / spurlos.«

Auch so konnte Robert Gernhardt sein. Der für jenes Genre steht, das er selbst in der Formel »Lichte Gedichte« fasste, wo, was gesagt wird, nie gesagt wird, auch verkörpert eigentlich kaum. Der Sinn komischer Dichtung liegt nicht auf den Zeilen und nicht dazwischen. Eben das macht die Magie des Komischen aus, die noch schwereloser als schwerelos wird, wenn sie sich in gekonnter Form darbietet. Gernhardt war ein virtuoser Handwerker, einer der letzten Lyriker, die sich um den Reim bemühen, und der, wie eingangs zu hören, auch dort, wo der Reim fehlt, mit Metrik zu hantieren wusste. Heiter, frech, charmant dabei, bis zur Arroganz bescheiden. Kurzum, ein Robert, den man gern hat.

Vor genau 20 Jahren gab er zu verstehen, dass wir unseren Dreck künftig allein machen können. Wir haben gelernt, ohne ihn zu leben, doch die Lücke, die er hinterließ, blieb frei. Poesie ist äußerste Bemühung, rigoros daher und in Einseitigkeit schön, notorisch nicht up to date. Das Gutgemachte fällt fast zwingend aus der Zeit, deswegen bleibt es in der Zeit, in jeder. Hinter Gernhardt haben die Gräser sich nicht sogleich wieder aufgerichtet.

Maler und Poet

Geboren wurde er am 13. Dezember 1937 in Tallinn. 1939, zwei Jahre vor der Besetzung des Baltikums, übersiedelt die Familie nach Polen, ins damalige Posen, späterhin berüchtigt durch zwei Geheimreden, in denen der Reichsführer SS über die Massenvernichtung der Juden sprach. Himmler betonte, die kolossale Inhumanität auf anständige Weise durchzuführen. Gernhardts Haltung steht dazu komplementär. Der Komiker ist in der Geste unanständig, im Anliegen human.

1945 landet die Familie in Göttingen. Robert studiert Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin. Ab 1964 arbeitet er als Maler, Zeichner und Autor in Frankfurt am Main, bis 1965 als Redakteur für die Satirezeitschrift Pardon. Von seiner Kunst kann er leben. So greift 1972 der Tusculum-Komplex, Gernhardt erwirbt ein Haus in der Toskana, wo er mit seiner Frau, der Malerin Almut Ullrich, Teile des Jahres verbringt. Sie stirbt 1989. Ein Jahr später heiratet Gernhardt erneut, und erneut eine Almut, Almut Gehebe. Mit Bernstein, Waechter, Poth und anderen macht er seit den Siebzigern den Rhein-Main unsicher, später wird man die Gang »Neue Frankfurter Schule« nennen. Ihr Zentralorgan wird ab 1979 die Titanic, nach der Wendung ins Esoterische war Pardon nicht länger salonfähig. In den Achtzigern textet er mit Bernd Eilert und Pit Knorr für Otto Waalkes. Diese Verknüpfung temporeicher Slapstickperformance und virtuoser Humordichtung erweist sich als Gold, Otto wird der King of Comedy. Legendäre Nummern wie »Der menschliche Körper«, »Gerichtsverhandlung« oder »Schwamm-drüber-Blues« stammen von Eilert/Knorr/Gernhardt. 2001 hält er in Frankfurt Vorlesungen zur Poetik: »Was das Gedicht kann: Alles«. Dass er mit dem Göttinger Elch ausgezeichnet wird, versteht sich fast von selbst. Die letzten Jahre sind vom Kampf gegen den Krebs eingenommen, am 30. Juni 2006 stirbt Robert Gernhardt in Frankfurt.

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Gar nicht so leicht zu ermitteln, was den Sound seiner Gedichte ausmacht. Fände man heute welche ungezeichnet auf einem Dachboden, sofort wäre klar, wer der Verfasser nur sein kann. Gewiss gilt hier, was immer gilt im Komischen: Timing ist alles. Aber auch Spiegelung ist alles. Und die Pointe am Ende ist alles. »Komik«, schreibt Gernhardt, »lebt von vorgegebenen Ordnungssystemen (…) Daher kann das komische Gedicht nur profitieren, wenn es von allen Regeln der Kunst tradierter Suggestionstechniken wie Reim und Metrum durchtränkt ist und wenn sein Dichter von allen bereits erprobten Drehs zur Herstellung komischer Wirkung weiß.«

Hier passt was nicht

Je heiterer die Dichtung, desto wichtiger der Reim. Metrum lässt Sprache fließen, Reim nagelt sie fest, gut für die Pointe, denn sie ist stets eine Art Hammerschlag. Dessen Wucht noch gesteigert wird, wenn Pointe und Reim zusammenfallen, und um ein weiteres, wenn das ganze Gedicht mit einem solchen Schlag endet. Türknallend verlässt der Dichter den Raum, zurück bleibt die Wirkung, die nun Platz hat, sich zu entfalten. Es gibt Humoristen, die halten das für unfein. Gernhardt hatte diese Skrupel nicht. Vielleicht meinte er das, als er schrieb: »Ich trage, wo ich gehe, / mein Antlitz im Gesicht: / Ich schriebe gerne einfach / und schreib ganz einfach schlicht.«

Oft kommt die Wendung erst mit dem letzten Wort. »Eines Tags geschah es Kant, / dass er keine Worte fand. / Stundenlang hielt er den Mund, / und er schwieg nicht ohne Grund. / Ihm fiel absolut nichts ein, / drum ließ er das Sprechen sein. / Erst, als man zum Essen rief, / wurd er wieder kreativ, / und er sprach die schönen Worte: / Gibt es hinterher noch Torte?« Auch ein Ende ohne Pointe kann eine Pointe machen: »Lieber Gott, nimm es hin, / Dass ich was Besondres bin. / Und gib ruhig einmal zu, / dass ich besser bin als du. / Preise künftig meinen Namen, / denn sonst setzt es etwas. Amen.« Die Pointe streckt sich hier über das ganze Gedicht hin, das »Amen«, das inhaltlich nichts hinzusetzt, wirkt vermöge seines metrischen Werts und seiner Platzierung dennoch komisch.

Gestisch haben beide Gedichte etwas gemein, das für das Genre überhaupt konstitutiv scheint. Komische Dichtung lässt Erhabenes und Läppisches kollidieren, unser Lachen hat auf hintergründige, meist unbewusste Weise damit zu tun, dass da was nicht zusammenpasst, Subjekt und Situation, Gestus und Tonfall, Aktion und Reaktion: »Der Bär schaut seinen Ziesemann / nie ohne stille Demut an.« Der Bär als Sujet verkörpert von Gedanken vollbefreite Potenz, der hier aber schaut auf sein Geschlechtsteil mit nachgerade sakraler Feierlichkeit. Allein, was Teil von ihm, doch demütig abgespalten ist, wird vom Dichter alles andere als feierlich mit dem Wort »Ziesemann« eingeführt. Auch in »Kleine Erlebnisse großer Männer« zeugt Gernhardt Witz, indem er Weihevolles in komisches Setting bringt: »Steiner sprach zu Thomas Mann: / Zieh dir mal dies Leibchen an. / Darauf sagte Mann zu Steiner: / Hast du’s auch ne Nummer kleiner? // Kafka sprach zu Rudolf Steiner: / Von euch Jungs versteht mich keiner. / Darauf sagte Steiner: Franz, / ich versteh dich voll und ganz. // Steiner sprach zu Hermann Hesse: / Nenn mir sieben Alpenpässe. / Darauf fragte Hesse Steiner: / Sag mal Rudolf, reicht auch einer?« Komik entsteht hier neben der Kollision von Säulenheiligen des Bildungsbürgertums mit läppischen Situationen auch durch das strenge Satzschema, das mit jeder Wiederholung jedoch erneut überrascht. Oder durch die simple Entscheidung, die drei Heroen einander duzen zu lassen.

Das nämliche Prinzip wird bespielt, wenn Gernhardt seinen Hass auf die Form des Sonetts in Form eines Sonetts auslebt: »Sonette find ich sowas von beschissen, / so eng, rigide, irgendwie nicht gut; / es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen, / daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut // hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen; / allein der Fakt, daß so ein Typ das tut, / kann mir in echt den ganzen Tag versauen. / Ich hab da eine Sperre. Und die Wut // darüber, daß so ’n abgefuckter Kacker / mich mittels seiner Wichserein blockiert, / schafft in mir Aggressionen auf den Macker. // Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert. / Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen: / Ich find Sonette unheimlich beschissen.«

Wenig dran, viel drin

Ob sich anhand Gernhardts Œuvre ein vollständiger Katalog »Elemente des Komischen« schreiben ließe? Im Repertoire jedenfalls hat er zahllose. Auch simple Frechheit. So adaptiert er etwa den Anfang von Heines »Nachtgedanken« mit genau einer Änderung, in der Konjugation: »Denkt er an Deutschland in der Nacht, / Dann ist er um den Schlaf gebracht, / Er kann nicht mehr die Augen schließen, / Und seine heißen Tränen fließen.« Der Witz liegt hier auch darin, dass man bis zum letzten Wort noch eine Pointe erwartet. Also darin, dass genau die nicht kommt, der Dichter wiederholt einfach die Worte des Dichters.

Kein Humor ohne Technik, Humor aber ist nicht Technik, er markiert eine Haltung zur Welt. Gernhardt wusste das, wusste demnach, was er tut. Er zitiert Kant, der Lachen als »Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts« bestimmt. Die komische Haltung zu beschreiben macht immer verlegen, denn die Pointe an der Pointe und der Witz am Witz wäre, dass gerade, weil so wenig dran ist, so viel drin ist. Oder vielmehr dahinter. Lachen befreit. Vom ständig anständig sein müssen, aber auch davon, dass alles immer Sinn ergeben muss. Und so sinnfrei diese Auflösung von Sinn scheint, so viel Sinn hat sie.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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