Volksbadengehen
Geraune
Man wünscht sich ja manchmal, es gäbe mehr Leute, die nicht nur die richtige Idee haben, sondern das auch noch zur richtigen Zeit, und die dann nicht davor zurückscheuen, diese Idee am richtigen Ort umzusetzen. Seit dem 7. August steht nun vor der Berliner Volksbühne ein Schwimmbad. Das ist eine alte Idee. Ivan Nagel meinte in den frühen 90ern über die Volksbühne, er kenne »eine junge wilde Gruppe, der man das Haus geben solle. Wenn die scheitern, soll man das Haus schließen und ein Schwimmbad daraus machen.« Aus dieser Geschichte lässt sich Freibad auch als Ritual verstehen, Ritual des Schließens, Reinwaschens und auch des Neuanfangs.
Das Volksbad ist höchst umstritten. Damit hat es ein wichtiges Ziel schon erreicht. Wer denkt, das Schwimmbad sei nur zum Baden da, hat die ganze Sache nicht verstanden. Es ist ein Stück, ein Ausstellungsstück. Es eine öffentliche Anstalt des Staates und damit ein Stück Staat, und zwar eines, das man von diesem Staat im gegenwärtigen Zustand schon gar nicht mehr erhofft. Es ist eine Schule der praktischen Weisheit, wie alle Schwimmbäder. Durch den Streit, den es entfacht hat, wird es auch zu einem Wegweiser durch das Leben des Bürgertums, mit all seinen Aufgeregheiten, Wünschen und Bosheiten. Ob es damit auch einen Schlüssel zu den geheimsten Ecken der menschlichen Seele liefert, lässt sich schwer sagen, seit die Seelen abgeschafft und durch Social-Media-Accounts ersetzt worden sind.
Fakt ist jedenfalls, dass es sich beim Volksbad zwar um ein Stück Theater handelt, aber nicht um ein Theaterstück. Dass das Grips-Theater schon einmal ein Stück mit dem Titel »Baden gehn« gemacht hat (damals, 2003, noch vom großen Volker Ludwig, jW) führt zu einem offensichtlich blödsinnigen Vergleich. Wichtiger wäre da schon der Hinweis, dass die Volksbühne selbst schon etliche Pools auf der Bühne hatte, selbst zugefrorene. Dass dieses Becken soviel kostet wie eine mittlere Theaterproduktion, tut nichts zu Sache, denn das hat sich durch den Werbeeffekt des gelungenen »Event-Bluffs« schon x-fach ausgezahlt. Der reicht weit über das Theater hinaus. Auch dass das Becken als Bad nicht funktioniert und elend teuer kommt, wenn man die Summe auf die Anzahl der Badenden umrechnet, ist ein kleingeistiges Argument.
Die ganze nörgelige Rechnerei verkennt den alten Umstand, dass das Theater weder nur ein Raum für die Reklamation von Stücken noch nur eine Bade- oder sonstige geschlossene Anstalt ist, sondern ein Stück Welt. Dass es mit dieser Welt im Augenblick nicht zum besten steht, dürfte bekannt sein, und zwar genau so, dass man nicht den Eindruck hat, der Staat würde sich besonders große Mühe geben, die Welt für seine Bürgerinnen und Bürger auch nur ein Stück besser zu machen. Sorge um das Wohl des Volkes erwartet man von der Politik und vom Staat schon gar nicht mehr. Die allgemeine Grundannahme ist die, dass so gut wie alles, was von Staats wegen geschieht, die Lebensumstände auf die eine oder andere Weise verschlechtert. Die Regierung, so der weitverbreitete Eindruck, regiert nicht für die Bürger, sondern gegen sie. Nun mag man zwar einwenden, dass dies in einer Oligarchie ganz normal sei und sich für die Drehtürkarrieren der Politiker doch durchaus auszahle, aber noch gilt das Land ja zumindest offiziell als eine Demokratie. Also als ein Land mit einer von den Bürgern gewählten Regierung, die etwas für die Bürger und nicht gegen sie tun sollte.
Die Aufregung dreht sich um etwas ganz anderes. Wie kann man es wagen, in einer Zeit, in der es zum guten Ton gehört, öffentliche Infrastruktur verfallen zu lassen, immer teurer zu machen, die allgemeine Lebensqualität mit jeder Reform und jedem Haushalt weiter zu verschlechtern und die Gewinne den ohnehin schon Reichen zuzuschanzen – wie kann man es in so einer Zeit also wagen, etwas zu finanzieren, das den Leuten nutzt und womöglich auch noch Spaß macht? Die Botschaft ist nämlich nicht die, dass hier ein Spinner seinen Laden ruiniert – da haben wir ja rundum bis in höchste Ämter hinein viele bessere und viel, viel teurere Beispiele –, sondern dass hier jemand den Mut hat, aus seiner geschlossenen Theateranstalt herauszutreten und ein Gegenbild zu den widrigen Umständen für alle zur Ansicht vor seinem Haus auf die Straße zu stellen.
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