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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
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Die Terminierung des Dauerauftrags

Robert Gernhardt zum 85. Geburtstag am 13. Dezember
Von Christian Y. Schmidt
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Hans Zippert, Robert Gernhardt, Christian Y. Schmidt (v. l. n. r.) 1984 in Frankfurt am Main

Selbstverständlich habe ich Robert Gernhardt bewundert, vor allem wohl deshalb, weil er alles konnte: zeichnen, malen, sehr komisch dichten, lustige Romane schreiben und sogar Theaterstücke. Auch schien er alles zu wissen, zumindest soweit es die komischen Künste betraf, weshalb er auch zum Humortheoretiker und -kritiker prädestiniert war wie kein zweiter im deutschen Sprachraum. Das machte ihn für mich – obwohl streng protestantisch erzogen – zu so etwas wie meinem persönlichen Papst. So jedenfalls nannte ich ihn sowohl im Gespräch mit anderen als auch in meinem Tagebuch.

Und natürlich war ich stolz, als ich Robert Gernhardt dann 1984 auf einer Titanic-Buchmessenparty persönlich kennenlernte. Er entpuppte sich als allürenloser Mann, der sich sogar dazu herabließ, ein Foto mit seinen Fanboys Hans Zippert und mir zu machen. Die Strahlkraft Gernhardts war sicher auch einer der Gründe, weshalb ich mich 1986 entschloss, als erster von vier Bielefelder Dreck-Magazin-Redakteuren ein Praktikum bei der Titanic anzutreten, aus dem dann im April 1989 eine richtige Redakteursstelle bei dem Frankfurter Satiremagazin wurde.

Damit begann sich das Verhältnis zu meinem bisher nur aus der Ferne bewunderten Idol schnell zu verweltlichen. Weil ich im teuren Frankfurt am Main keine Wohnung fand, ließ mich Papst Robert zunächst provisorisch in seine prächtig ausgebaute Dachgeschosswohnung im noblen Holzhausenviertel einziehen. Die stand gerade leer, aus Gründen, von denen hier nicht die Rede sein soll. Ein Glücksfall für mich, denn Gernhardt erwies sich als äußerst großzügig. Für den riesigen, mit Parkett ausgelegten Palast hatte ich keine Miete, sondern nur die Nebenkosten zu zahlen.

Der Vermieter

Aus dem Provisorium wurde rund ein halbes Jahr später ein echtes Mietverhältnis. Gernhardt richtete im Dachgeschoss sein Atelier ein; dafür durfte ich in eine schöne Zweizimmerwohnung im ersten Stock desselben Hauses wechseln. Die hatte Gernhardt – er verdiente zu dieser Zeit als Drehbuchautor für die »Otto«-Filme sehr gut – kurzerhand dazugekauft. Jetzt bekam ich einen Mietvertrag vom Satirepapst, in dem auch alle meine Pflichten als Mieter fein säuberlich aufgelistet waren. So hatte ich zum Beispiel im Wechsel mit meinem Geschossnachbarn mindestens einmal wöchentlich das Treppenhaus zu putzen.

Das verkomplizierte unsere Beziehung. Einerseits blieb Robert natürlich weiter Papst, auch wenn ich inzwischen jeden Montag auf der Titanic-Konferenz gleichberechtigt mit ihm herumalberte und brainstormte. Andererseits war er mein offizieller Vermieter, und zwar ein recht penibler. Das war um so unangenehmer, als er jetzt nahezu täglich auf dem Weg zu seinem Atelier durchs Treppenhaus stiefelte, an meiner Wohnungstür vorbei. Und immer wieder fiel ihm etwas auf, das sein Missfallen erregte.

Das war die Zeit, in der ich immer häufiger kleine, schwungvoll beschriebene Zettel von ihm bekam. Ich habe einige dieser päpstlichen Edikte gesammelt, auch weil ich ihnen damals schon literaturhistorische Bedeutung zumaß. Die Zettelschreiberei hatte bereits begonnen, als ich noch im Dachgeschoss wohnte, zu dem Robert natürlich auch Zugang hatte: »Die Heizung ist sehr effizient, muß also nicht tagsüber stark durchheizen, ich habe die Heizkörper runtergedreht.« Jetzt aber häuften sich die Botschaften. Eine ist sogar datiert, auf den 26. Mai 1990 nämlich: »Zur Erinnerung: Bitte den Dauerauftrag so terminieren, daß das Geld bis zum 3. auf dem Konto ist, sonst gibts da Löcher. Und klärt doch mal untereinander, wer wann die Treppe fegt. Gruß Robert.«

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Die Fliege

Natürlich versuchte ich meinen Vermieter so gut, wie ich es eben konnte, zufriedenzustellen. Aber eventuell gab ich nicht genug. Eines Tages nämlich klingelte es an meiner Tür, davor stand Robert Gernhardt. Er machte ein tiefbetrübtes Gesicht. »Christian, ein tragisches Unglück ist passiert.« – »Wie, was, wo?« stammelte ich irritiert. Ich hatte keinen Schimmer, was los war. »Komm mal mit«, gab Gernhardt zurück und führte mich die halbe Treppe herab, um dann auf dem Absatz stehen zu bleiben. »Fällt Dir irgend etwas auf?« Ich sah mich suchend um, wusste aber nicht, was der Wahrnehmungspapst meinte. Da deutete Robert mit dem Zeigefinger auf die Fensterbank. »Siehst du das?« Ich guckte genauer hin. Oh je, verdammt. Da lag eine tote Fliege, ein richtig fetter Brummer. »Diese Fliege«, erklärte mir mein Vermieter, »sieht mich seit Wochen anklagend an. Und jedesmal, wenn ich vorbeikomme, vernehme ich ein dünnes Stimmchen: Wann werden Treppe und Fensterbank bloß wieder geputzt?«

Ich könnte noch weitere Episoden aus meinem Leben mit Robert Gernhardt als Vermieter berichten. Aber ich will es bei der Fliegenanekdote belassen, weil sie doch mit einigem Abstand die schönste ist und, wie man gleich sehen wird, im weiteren Verlauf der Beziehung Gernhardt-Schmidt noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Unser Mietverhältnis währte noch rund anderthalb Jahre. Schließlich musste ich jedoch aus der Zweizimmerwohnung ausziehen, weil Robert Eigenbedarf angemeldet hatte. Vorher hatte er mich aber noch verpflichtet, das bereits schwer vergammelte Linoleum vor der Wohnungstür stundenlang zu schrubben, weil dort eine Mischung aus Tauwasser und Schuhsohlenabrieb Spuren hinterlassen hatte, die nicht verschwinden wollten. Ich habe bei dieser Arbeit ein paar so unflätige Flüche ausgestoßen, dass sie mir – da bin ich sicher – beim Jüngsten Gericht Gott selbst noch einmal aufs Butterbrot schmieren wird.

Der Teufelskreis der Tiefkühlverteufelung

Ich will nicht ausschließen, dass die Zeit, in der Robert Gernhardt mein Vermieter war, dazu beigetragen hat, dass es in den Folgejahren wiederholt zu verbalen Schlagabtäuschen zwischen Papst und vormaligem Messdiener kam. Allerdings glaube ich, dass es sich eher um einen typischen Generationskonflikt handelte. Denn so war und ist es ja immer: Die nächste Generation Satiriker (kann man auch durch Schriftsteller, Maler usw. ersetzen) versucht die vorhergehende zu stürzen, um sich selbst an ihre Stelle zu setzen.

Es gab für unsere Konflikte aber auch immer wieder handfeste Gründe. Einer entzündete sich an einem Text, den Gernhardt unter dem Titel »Tiefkühlverteufelung« 1994 in der FAZ veröffentlicht hatte. Hier hatte er behauptet, dass Satire heutzutage nur noch bei »mittelgroße(n) Städte und umstrittene(n) Wirtschaftszweige(n)« Anstoß erregen würde. Das war wie üblich ironisch überspitzt, ärgerte mich aber trotzdem. Schließlich wusste ich aus dem Redaktionsalltag, dass auch Mitte der Neunziger noch ein deutlich größeres gesellschaftliches Spektrum Titanic mit Unterlassungserklärungen, Verbotsanträgen, Schadenersatz- oder Schmerzensgeldforderungen überzog, mit denen wir uns rumzuschlagen hatten. Also widersprach ich Gernhardt in einem Vortrag, der anschließend auch in Konkret nachgedruckt wurde und in einem Sammelband erschien.

Gernhardt reagierte darauf überraschend erbost. Er behauptete, ich hätte ihn sinnentstellend zitiert, und unterstellte mir »Ranküne«. Ich war ziemlich perplex und schickte ihm einen langen Brief, in dem ich versuchte, meinen Widerspruch noch einmal zu erklären. Gleichzeitig versicherte ich ihm, dass ich ihn sehr schätze und sogar verehre, und schloss mit der Bemerkung, dass ich es sehr schade fände, »wenn sich aus diesem ganzen Vorgang ein ewiger Hader zwischen uns entwickelte. So etwas raubt einem doch nur Nerven und Zeit, macht das Leben unnötig unschön.«

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Die Fliege – Akt zwei

Auf diesen Brief erhielt ich leider nie eine Antwort; und auch wenn wir weiter recht gut miteinander auszukommen schienen, so blieb doch zwischen mir und ihm immer etwas Unaufgeklärtes, vielleicht auch eine leichte Spannung. Glücklicherweise löste die sich noch vor seinem Tod auf ziemlich überraschende Weise. Es war am 29. November 2001, als Gernhardt zu Gast in der Sendung »Lesezirkel« war, die auf MTV ausgestrahlt und von Benjamin von Stuckrad-Barre moderiert wurde und für die ich als Headwriter arbeitete. Nach der Sendung landeten Moderator, Autoren und Gäste – unter ihnen auch der damalige »Nachtstudio«-Moderator Volker Panzer – bei mir zu Hause, um uns die Sendung anzusehen, die immer ein paar Stunden nach der Aufzeichnung ausgestrahlt wurde.

Die Sendung war gut gelaufen, alle waren bester Stimmung und schütteten alkoholische Getränke in sich hinein. Das lockerte auch meine Zunge, und irgendwann quoll die Geschichte mit Robert und der Fliege aus mir heraus. Gernhardt hatte sie natürlich längst vergessen, aber Stuckrad-Barre war sofort enthusiasmiert: »Los! Das müssen wir nachspielen!« rief er. »Ich bin die Fliege!« Er wuchtete sich im Samtanzug auf die schmale Fensterbank meines Wohnzimmers, legte den Kopf auf die verschränkten Arme und krümmte seinen Rücken. Gernhardt ließ sich dann nicht lange bitten und spielte die historische Szene mit. Er zeigte vorwurfsvoll auf den fetten Stuckrad-Brummer, der da auf meiner Fensterbank lag, und sprach dieselben Worte wie vor Jahren, nur dass sie jetzt ironischer klangen: »Diese Fliege, Christian, sieht mich seit Wochen anklagend an …«

Die Terminierung des Dauerauftrags

Ich glaube, mit dem Reenactment dieser traumatischen Szene war mit einem Mal auch die unsichtbare Spannungsmauer zwischen dem Satirepapst und mir gefallen. Hinfort gab es jedenfalls keine Konflikte mehr. Kurze Zeit später ging ich nach Singapur. Von hier aus schrieb ich Gernhardt noch gelegentlich, unter anderem, dass ich einige seiner Bücher im Bestand der Nationalbibliothek des Stadtstaates gefunden hatte. Das erfreute ihn, der doch immer sehr auf Ruhm bedacht war, nicht wenig, weil das ja bereits Weltruhm war.

Damals beschäftigte sich Gernhardt bereits intensiv damit, dass ihm aufgrund einer 2002 diagnostizierten Darmkrebserkrankung nicht mehr viel Lebenszeit bleiben würde. Dem Tod setzte er Arbeit entgegen, noch mehr Arbeit als zuvor. Er produzierte weiter unablässig Zeichnungen und Texte, selbst bei der Chemotherapie, »während das Gift in mich hineintropfte« (Gernhardt). Sogar in den letzten Wochen vor seinem Tod, in denen sich sein Zustand rapide verschlechterte, hörte er nicht auf zu arbeiten. Er »hat am laufenden Band Abschiedsbesuch empfangen und noch zwei Bücher zu Ende korrigiert«, berichtete mir Oliver Maria Schmitt nach Peking.

Gernhardt starb am 30. Juni 2006. Als ich vom Tod meines Papstes erfuhr, fiel mir als erstes die Fliegenszene mit ihm und Stuckrad-Barre wieder ein. Ich musste lächeln. Wie unpäpstlich er sich damals benommen hatte. Zu gerne hätte ich an Gernhardts fünfundachtzigsten Geburtstag weitere Episoden aus unserem Mietverhältnis nachgespielt. »Die Terminierung des Dauerauftrags« könnte ich mir als kleines Singspiel vorstellen. Ein Jammer, dass das nicht mehr geht.

Christian Y. Schmidt war von 1989 bis 1996 Redakteur des Satiremagazins Titanic und ist seitdem freier Schriftsteller. Zuletzt veröffentlichte er den Roman »Der letzte Huelsenbeck«, die Erzählung »Der kleine Herr Tod« und den Bericht »Quarantäne Updates Shanghai«. An dieser Stelle erinnerte er zuletzt in der Ausgabe vom 24./25. September an die Legende von Ricarda Williman

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