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Kulturelle Aneignung

Foto: IMAGO
Die Avantgarde des Kulturimperialismus

Der Begriff scheint zunächst indifferent. Kulturelle Aneignung passiert, wo Kulturen sich berühren. In Japan zum Beispiel gehören ins Sushi weder Frischkäse noch Avocado, die California Roll ist ein Ergebnis des Kontakts mit der japanischen Kultur. Im Kontext der Critical Whiteness wird Cultural Appropriation politisch, man kritisiert sie als Ausdruck von Machtverhältnissen.

Entwickelt wurde das Konzept in den siebziger Jahren an den Universitäten Nordamerikas. Einzug in den öffentlichen Diskurs hielt es um 2015. Die zahllosen Definitionen bis dahin und seither lassen sich in einer Formel zusammenbringen: Kulturelle Aneignung bezeichnet die Übernahme von Zeichen einer benachteiligten Kultur durch eine bevorteilte. Die Zeichen können Kleidungsstücke, Frisuren, Symbole, Artefakte, ein Jargon oder sonst was sein. Wesentlich für Vertreter der Critical Whiteness ist, dass die Übernahme »ohne Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung« (Irini Stamatoudi) stattfindet.

Man kann die Prämisse anerkennen, doch selbst dann ergeben sich Probleme. Auch solide Ideen müssen zu Ende gedacht, Probleme, die sich bei der theoretischen Entfaltung oder der praktischen Umsetzung ergeben, gelöst werden. Ein urban geprägter Jugendlicher weißer Hautfarbe lässt sich Dreadlocks wachsen. Bei wem soll er denn die Erlaubnis einholen? Wer will entscheiden, dass in der Adaption keine Anerkennung der betreffenden Kultur enthalten ist? Und wen soll er, der mit dem Handeln seiner Vorfahren nichts zu schaffen hat noch Repräsentant heutiger Institutionen ist, entschädigen?

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Worte bedeuten etwas. Daher muss das zweite Wort der Formel, das im Windschatten seines Attributs mitfliegt, beim selben genommen werden. Es lautet nicht »Übernahme« oder »Adaption«, man spricht von »Aneignung«. Kulturelle Elemente werden als Besitz einer Gruppe betrachtet. Anders als beim Raub von Kunstschätzen wäre der Diebstahl immateriell. Der Pergamonaltar etwa ist physisch aus dem Osmanischen Reich ins Deutsche Reich gebracht worden. Er ist nicht reproduzierbar, es gibt ihn nur einmal. Das Tragen von Dreadlocks durch weiße Menschen nimmt keinem anderen etwas weg.

Auffällig gleichfalls: Der Einzelne wird mit der Gruppe identifiziert. Abstrakte Machtkritik tritt an die Stelle konkreter Herrschaftsanalyse, die sich auf Staat, Gesetze und gesellschaftliche Einrichtungen bezieht. Somit entsteigt das Konzept ebenso dem Geist der Sippenhaftung, wie es den historisch-materialistischen Zugriff liquidiert, soziale Fragen in kulturelle überführt und den Rassismus gewissermaßen privatisiert.

Um wenigstens halbwegs zu bestehen, muss es mit einem Generalverdacht arbeiten. Der Unterschied zwischen der herabsetzenden Praxis des Blackfacing und dem affirmativen Zugang zur adaptierten Kultur, der zum Ausdruck kommt, wenn weiße Jugendliche – im Beispiel zu bleiben – Dreadlocks tragen, wird übergangen. Wenn das affirmative Motiv nicht interessiert und diskriminierende Absicht dennoch unterstellt wird, dürfte auch die Kufija, die man im Milieu der Critical Whiteness oft trägt, unter die Kritik fallen. Technisch wäre das unter diesen Voraussetzungen ein Fall kultureller Aneignung, auch wenn weiße Menschen, die das Tuch tragen, das explizit nicht herabsetzend tun.

So beruht der Vorwurf der kulturellen Aneignung, wie er im Umlauf ist, auf einer tribalistischen Denkstruktur, die dem rechten Konzept des Ethnopluralismus verwandt ist. Kulturen sollen getrennt bleiben, die Idee einer verwobenen, pluralen Gesellschaft wird aufgegeben. Womit sich ein weiterer Widerspruch ergibt. Personell besitzen Queerfeminismus und Critical Whiteness hohe Schnittmengen, doch beide Konzepte stehen zueinander diametral. Im Queerfeminismus ist die Freiheit des Einzelnen radikal gesetzt, Selbstbestimmung absolutes Prinzip. In der Critical Whiteness wird jede Art Selbstbestimmung verunmöglicht. Man kann dem einen Konzept anhängen oder dem anderen, beiden nur zum Preis vollendeter Inkonsistenz.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.08.2026, Seite 14, Feuilleton

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