Ein Weg ins Freie
Von Jürgen Schneider
Am 5. April 2026 stellte Gabriel Rosenstock – irischer Dichter, Tankaist, Haikuist, Essayist, Bühnen- und Kinderbuchautor und Übersetzer von 180 Büchern in die irische Sprache zu deren Bereicherung und Belebung – ein Haiku des japanischen Dichters Matsuo Bashō in englischer Sprache auf seinen Blog: »Hidden and unknown / Like the new moon / I will live my life.« (Verborgen und unbekannt, / wie der Neumond, / werde ich mein Leben leben.) Am nächsten Tag ist der 1949 in Kilfinane, Co. Limerick, als Sohn einer irischen Mutter und eines deutschen Vaters geborene Gabriel Rosenstock in Dublin gestorben. In seinem Gedicht »Sometimes I’m a scarecrow« (Manchmal bin ich eine Vogelscheuche) heißt es: »I claim a final haven.« Ich würde »haven« hier als Paradies deuten, auf das er Anspruch erhebt.
Anfang 1995 schickte mir Rosenstock einige seiner irischen Lieblingswörter, und wir kamen bald überein, diese in einer Ausstellung im Kölner Schauraum zu präsentieren. Ich ließ die Wörter in großer Klebeschrift herstellen und montierte irische Cottages (aus Plastik und »made in China«) auf schmale Eisenstützen. Zur Eröffnung der Ausstellung brachte der Dichter eine große Kiste mit Büchern in irischer Sprache mit. Bei der Vernissage stand eine hohe Leiter im Schauraum, auf der Gabriel saß. Ich stieg hinauf, malte ihm mit Lippenstift die Lippen rot und reichte ihm jeweils ein Buch, das er an einer zufällig ausgewählten Stelle küsste. »Póg na Beatha« (Kuss des Lebens) hieß die Kussorgie.
Gabriel Rosenstock, den ich 1991 zu den »Tagen der irischen Literatur« nach Berlin eingeladen hatte, schätzte, dass ich half, Schriftsteller der irischen Sprache in Deutschland bekannt zu machen, obwohl ich das musik- und poesiedurchwirkte Irisch nicht spreche. Hans-Christian Oeser verfolgt das gleiche Ziel: 2007 erschien in der Edition Rugerup in seiner Übersetzung eine Auswahl von Rosenstocks Gedichten unter dem Titel »Ein Archivar großer Taten«. Darin enthalten ist auch das Gedicht »Hitlers Seele«, in dem der Autor bekundet, dass er kein Gebet für diese spreche, sondern: »Für die leuchtend große Leere bete ich heut nacht.«
Laut Rosenstock empfindet ein Dichter des Irischen, dass diese im Aussterben begriffene Sprache lebendiger als das Englische und »in der Tat Teil seiner eigenen Unsterblichkeit ist«. Er sah in Irland die dreiheitliche Göttin Éire, Banba, Fódla – allen Dichterinnen und Dichtern der irischen Sprache sei diese Trias unterschwellig stets bewusst. Der Göttin widmete er 2007 seinen Gedichtband »Bliain an Bhandé / Year of the Goddess«. Er bezog sich dabei auch auf das indische »bhakti« (Sanskrit für Hingabe, Liebe). »Bhakti« ist ein zentraler Pfad im Hinduismus, der die intensive, persönliche Liebe und völlige Hingabe an Gott (hier: eine Göttin) in den Mittelpunkt stellt. Pádraig de Paor schrieb in seiner Würdigung dieses Buches, für einen Iren sei die irische Sprache der schnellste Weg heraus aus dem ichbesessenen Land zu einem Kosmopolitismus jenseits einer anglo-irischen Nabelschau.
Einen Weg ins Freie erkannte Gabriel Rosenstock schon im Dadaismus. In seinem Essay »Aspects of Irish Language Poetry – and its miraculous survival« schrieb Rosenstock: »Dadaismus war einfach, denn das Wort ›Dada‹ bedeutet im Irischen ›nichts‹. Dada-Gründer Tristan Tzara, dessen richtiger Name Sami Rosenstock lautete, wäre glücklich, wenn er wüsste, dass ein anderer Rosenstock ihn in Irland, wenn auch etwas verspätet, willkommen heißt.«
In dem 2016 erschienenen Werk »Judgement Day – haiku, senryu & other aimless utterances by Gabriel Rosenstock« erwies sich der Ire nicht das erste Mal als Meister der Haiku-Dichtung. Das Buch enthält Collagen des Phänomens namens Karl Waldmann. Auf einer dieser Collagen ist ein nackter Arsch mit einem Hakenkreuz über einer Massenveranstaltung der Nazis zu sehen. Darüber ein Haiku (hier in meiner Übertragung): »eine krähe spricht von einem zweig: / er könnte noch mal anfangen … der wahnsinn.«
Zu den letzten Büchern, die Gabriel Rosenstock mir zukommen ließ, gehört »Kropotkin – 20 Whitmanesque Cantos for the Future of Man« (2024), worin er Piotr Kropotkins Konzept der gegenseitigen Hilfe würdigt und auf »comhar na gcomharsan«, die gälische nachbarschaftliche Kooperation, verweist.
Gabriel Rosenstock schrieb ohn’ Unterlass Briefe, als es noch kein Internet gab, und als es das Netz gab, war er darin zu Hause. Die letzte Mail, die ich von ihm bekam, ist vom 1. April und enthielt einen Link zu einem Text von ihm über Gemälde des irischen Schriftstellers, Malers und Mystikers George William Russell (1867–1935), der unter dem Kürzel Æ schrieb.
Slán leat, Gabriel.
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