Ravioli, Tränen und der Tod
Kulturelle Aneignung: Auf dem Metal- und Hard-Rock-Festival Alcatraz im belgischen Kortrijk
Auch wenn die Deutsche Bahn ihr Bestes tat, um eine Teilnahme zu verhindern, stand am vergangenen Wochenende wieder das Metal- und Hard-Rock-Festival Alcatraz im belgischen Kortrijk an. Auf dem Gelände landen wir am Donnerstag abend entsprechend erst an, als die Death-Tribute-Band und Supergroup Left to Die (mit Mitgliedern u. a. von Exhumed, Obituary und Death selbst) schon in die Zielgerade einbiegen. Überraschend spielen die in »La Morgue«, einem Zirkuszelt. Die kleinste Stage wird das erste Mal komplett überrannt, das wird noch öfter zum Problem. Matt Harvey will grad mit »Zombie Ritual« Chuck Schuldiner aus dem Totenreich erwecken, als ihm ein tapsiger Stagediver das Mikro ins Gesicht rempelt. Schuldiners Wiedergang bleibt neuerlich aus.
Sacred Reich verpasse ich dann ganz – unser Camp steht noch nicht. Alcatraz nimmt es von den Lebenden: Wer nicht der früheste Vogel ist, zahlt 250 Euro allein für den Zugang zu den Bühnen, dazu kommen Extrakosten für den Campingplatz und noch mal etwas obendrauf für ein abgestecktes Fleckchen, das für Reisegruppen reserviert wird. Was sich anbietet, vergangenes Jahr war es ohne eigene »Friends Area« doch sehr kuschlig.
Intim sein wollen auch die Schweden von Imminence am späten Abend. Metalcore à la In Hearts Wake oder Miss May I, plus Unmengen Synthesizer und einer Violine. Die besten Stücke vom 2024er »The Black«-Album verbraten sie gleich zu Anfang. Gesanglich geht viel schief, was nicht schief geht, riecht etwas nach Dosenfutter. Sänger Eddie Berg schließt das Effektgeheische effektvoll, indem er in sein Geigenmikro brüllt. Und während der Title Track von »The Black« atmosphärisch aushallt, kullern bei Fans der Band vor mir die Tränen. So schlecht sind sie nun auch nicht gewesen.
Schlecht aber ist meine Vorbereitung: Ein Kopfkissen hätte es schon sein können, wenn schon die sich angeblich selbst aufpumpende Luftmatratze versagt. Neuer McGyver, stecke ich eine Küchenrolle in ein T-Shirt, eins von Endstilles »Kapitulation 2013«, mit dem Rotarmisten drauf, das ich mir, vielleicht nach zu viel Christian-Kracht-Lektüre in letzter Zeit, für einen Zehner geholt habe. Fertig ist das Kissen.
Apropos Nachwuchs: Freitag mittag spielen Vended, Slipknots U-23. Im Laufe der Woche wurde gemunkelt, das am Falltürknopf sitzende Führungsduo von Slipknot, Shawn »Clown« Crahan und Corey Taylor, habe nach 28jähriger Mitgliedschaft DJ Sid Wilson aus der Band bugsiert. Offiziell bestätigt ist das nicht. Die Papas von Vended-Drummer resp. -Sänger sind, was Entlassungen angeht, sichtlich schmerzfrei geworden. Allein 2023 wurden mit Jay Weinberg und Craig Jones gleich zwei Mitglieder von The Nine abstrahiert. Und sollte Corey Taylor irgendwann einmal nicht mehr können: Sohnemann Griffin Taylor ist seine exakte Dublette, Vended sind schlicht Slipknot in Rumpfbesetzung und live angeschmiert statt maskiert.
Bei den Altgedienten des New Yorker Hardcore Merauder wiederum geht nicht alles ab wie geschmiert: Bobby Blood mag da vielleicht zu fest zugetreten haben, jedenfalls kratzt die Bassdrum arg. Sänger Jorge Rosado fordert Freiheit für Palästina und Finger weg vom Amazonas, auf Vorwürfe rund um ihn und Merauder geht er nicht ein. Denn abgesehen davon, dass Rosado das Internet in Til-Schweiger-Manier mit wenig sprachhygienischen und wirren Wutreden zuschwallt, coverten Merauder weiland Skrewdrivers »Back With a Bang«. Ein 20 Jahre alter Mitschnitt davon wurde nunmehr ausgebuddelt. Der Mehrheitsbeschluss der Menschheit mit Internetanschluss mag wohl der sein, dass mit dem Cancel-Kulturverdruss nun einmal Schluss sei. Zwei Monate, nachdem man in Leipzig nahe des Völkerschlachtdenkmals wohnend vom »Till-Fest« lärmbelästigt wurde, scheint mir auch, dass die Sache gegessen und wieder ausgekotzt ist: Schlechte Werbung ist trotzdem eine, und Leute wie Lindemann erfahren um so mehr Unterstützung, je mehr sie verdienen angegriffen zu werden.
»Schweigen ist ein Verbrechen«, heißt es wiederum in der aus allen Zirkuszeltnähten platzenden Morgue, als die 2022 gegründeten Witch Club Satan den homosozialen Männerbund vulgo Black Metal feminisieren. »Fresh Blood, Fresh Pussy«: Die drei Norwegerinnen mit dem genretypisch zu Kinderpathos überdrehten Bandnamen wechseln zweimal Kostüme, fluchen, segnen und zeihen vor der Hommage an Nargaroth, »Black Metal is Krig (War Against War)«, Netanjahu des Völkermords. »Black metal is krig / War against war / War against lies / Crocodile tears / Terror hidden behind poetry / You are to blame, and so am I.« So ich es nicht verpasst habe, weil es dauert, bis man sich so weit durchgedrängelt hat, um zu verstehen, was da zwischen den Songs gesagt wird, kommt von der Bühne zu Kriegsvorbereitungen des Heimatlands des Trios und NATO-Gründungsmitglieds nichts.
Alien Ant Farm wiederum leisten sich aller zivilen Sparerei zum Trotz den Luxus, einen eigenen Backgroundsänger mit Tamburin zu haben. Woanders knausern sie: »Attitude« gibt es nicht. Was den Vorteil hat, dass man den Song auch nicht in Form der neuen hirnverbrannten Punkversion hätte verhunzen können. Dafür bleibt aber natürlich der einzige Hit der Band, das Cover von Michael Jacksons »Smooth Criminal«, nicht aus. Als auf dem Zeltplatz dann aus Nachbars Box »Dirty Diana« schallt, diskutieren die hitzig, ob man MJ denn nunmehr noch spielen könne.
Natürliches Corpsepaint tragend, vom Küchenrollenlager erhoben, geht es am Sonntag schwerster Knochen zum Soloprojekt Blackbraid, der feinen kulturellen Aneignung von Jon »Sgah’gahsowáh« Krieger aus den Adirondack Mountains. Der Native American hat sich frecherweise jenes Black Metals bedient, der einmal auf das fiese jüdisch-christliche Kolonialprojekt in Nordeuropa hinweisen wollte, wo der Monotheismus die muntere Dauermidsommarnacht abschaffte. Krieger steht live am Mikro, der Mischer aber gibt ihm zu Recht nicht über die Maßen viel Volumen und ist auch den Gitarren gegenüber gerecht, sonst wären so schöne Post-Black-Passagen wie das Tapping in »The Dying Breath of a Sacred Stag« untergegangen. Gegen Ende werden noch die gar nicht vorhandenen bösen Geister von der Bühne vertrieben.
Wer auf dem Alcatraz nicht verhungern will, sollte die Raviolis nicht vergessen: Speis und Trank kosten Unsummen und werden böswillig in Fingerhüten gereicht. Das wird auch nicht damit beglichen, dass ich beim Entlasten des unteren Rückens eine Setlist von Saxon finde, die vielleicht wer anders auch schon nicht haben mochte. Wer sie haben mag, soll sich bei mir melden.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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