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Ein politisches Problem

Schwinden der Lesekompetenz

Foto: Thomas Imo/photothek/IMAGO

Geht man zweieinhalb Jahrtausende zurück, stößt man auf irritierende Diagnosen. Für Platon war der Untergang der Bildung gerade mit dem verbunden, was heute als ihr Inbegriff gilt. Der Philosoph fürchtete im Aufkommen der Schrift ein Auslagern von Inhalten und damit von beständiger Denkanstrengung. Das Buch als Untergang der Kultur. Seine Angst vorm Bildungsverlust war bloß die Angst vorm neuen Medium. Enzensberger in »Mittelmaß und Wahn« sah es lockerer. Sekundärer Analphabetismus und neuere Form der Ignoranz bezeigten ihm vielmehr ein Wissen, das zur Umwelt der jungen Generationen passt.

Mittelmaß. Das Stichwort wird auch dieser Tage wieder in die Kanäle gespült. In einem Interview mit dem Handelsblatt geben Julia Bielenberg, Christian Graef und Thilo Schmid, leidende Angestellte des Verlags Oetinger, Disparates zu Protokoll. Einerseits mache ihnen das Schwinden des Mediums Buch keine Sorgen, man reagiere mit interaktiven Produkten. »Geschichten kann man auch in andere Gefäße gießen.« Anderseits sei der Verlust von Lesekompetenz dramatisch. »Das Bildungsniveau geht seit Jahren katastrophal zurück.« Einerseits wolle man »keine staatliche Förderung, wir sind unabhängige Unternehmer«. Anderseits im Bildungssektor den Föderalismus abbauen. Lesen und nicht lesen, staatliches Handeln und nicht staatliches Handeln. Dass das keinen Sinn ergibt, liegt sicher nicht an der Lesekompetenz der Abonnenten des Handelsblatts, es liegt daran, dass es keinen Sinn ergibt.

Die Oetinger-Crew fordert eine »Bildungswende«, ein Land, in dem »Kultur gelebt« wird. Bewusstsein also soll dem Sein vorausgehen. Dass dieser Ansatz nicht funktionieren kann, ist so offensichtlich, dass sie vage Platzhalter wie einen »Elternführerschein« vorschlagen, von dem nicht klar ist, was das überhaupt sein soll: staatliche Repression oder folgenlose Empfehlung.

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Der Rückgang der Lesekompetenz ist natürlich real, »jedes vierte Kind«, sagte Bielenberg, könne »nicht mehr sinnentnehmend lesen«. Die Elternhäuser haben daran einen großen Anteil, doch auch sie sind denselben Ursachen unterworfen. Die digitalisierte Welt prägt Eltern ebenso wie Kinder. Durch Takt und Form der Social-Media-Sphäre entwickeln sich Aufmerksamkeit, Vermögen zur Immersion und Geduld mit dem Medium zurück, und gegen diese umfassende wie tiefreichende Wirkung ist kein Kraut gewachsen. Keine administrativen Maßnahmen, keine elterliche Initiative, kein liberaler Optimismus.

Paradoxerweise dürfte mit dem Schwinden seiner Bedeutung das Lesen an Bedeutung gewinnen, denn das Erfordernis wird bleiben. In der Berufswelt, der Kunst, in Wissenschaft und Technik sind zusammenhängende Darstellungen alternativlos, mithin die Fähigkeit, sich ganz auf das Medium einzulassen. Wer die Fähigkeit zum Sichvertiefen hat, hat Vorteile. Vermutlich wird Lesekompetenz (in der Konzentrationsvermögen enthalten ist) mehr denn je zur Separation am Arbeitsmarkt beitragen. Vielleicht wäre es an der Zeit, das kulturelle Phänomen der Lesekompetenz politisch zu diskutieren.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 3, Ansichten

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